Fedor Pellmann: Norden
Gedichte > Münchner Anthologie
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Fedor Pellmann
Norden
Ich weiß es alles nicht mehr.
Alles, was war. Das Morden, das Jahr.
Ich hatte wohl mit Menschen gesprochen,
danach kamen Fjorde. Wir gehen nun
dorthin, wo die Schiffe liegen.
Dort gibt es noch Fichten,
und wir rufen. Steine, und so ist die Nacht.
Christian Dörr
„Norden“ ein Gedicht von Fedor Pellmann
Ein vierter Gedichtband, „Fehler und Fjorde“, von Fedor
Pellmann ist für das Jahr 2027 geplant. Bei einer Lesung im Münchner Lyrik Kabinett im Juni 2026 konnte ich
schon mal ein paar der neuen Texte, die bei Jung und Jung erscheinen werden,
vorab hören.
Der Eindruck von Postapokalypse und einer damit
einhergehenden, lebensnot-wendigen Bestandsaufnahme hatte sich bei mehreren der neuen Gedichte in mir stark ausgeprägt, besonders hier:
Der Text beginnt mit einem Zustand der Amnesie oder
Verdrängung. Das gesamte Vorleben („Alles, was war“) ist ausgelöscht oder unzugänglich
geworden. Die Ursache für diesen Zustand wird sofort benannt: „Das Morden, das Jahr.“
Hier deutet das Gedicht eine historische Katastrophe, einen Krieg oder eine tiefe
persönliche Gewalterfahrung an.
Das Vergessen ist kein biologisches Versagen, sondern ein
Schutzmechanismus der Psyche vor dem Grauen. Die Zeile „Ich hatte wohl mit Menschen
gesprochen“ zeigt eine extreme Distanz. Die zwischenmenschliche Kommunikation liegt
in einer so fernen Ver-gangenheit, dass das Ich ihre Existenz nur noch vermuten
kann. Schon der Titel und die erste Ortsbestimmung führen in den „Norden“ und zu den
„Fjorden“. In der Literatur symbolisiert der Norden oft Kälte, Klarheit, Einsamkeit, aber
auch das Ende der bewohnbaren Welt. Nach dem „Morden“, inmitten von Menschen, flieht das Ich
in eine raue, unberührte Naturkulisse. Die Fjorde bilden durch ihre Topografie einen
abgeschiedenen Schutzraum vor dem restlichen Geschehen. Plötzlich wechselt die Perspektive
vom „Ich“ zum „Wir“ („Wir gehen nun dorthin“). Das Ich ist nicht mehr allein; es hat sich
zusammengetan mit Gleichgesinnten oder anderen Überlebenden.
Schiffe an einer Anlegestelle stehen metaphorisch für einen
Übergang oder eine Überfahrt: Sie symbolisieren entweder eine bevorstehende Flucht
(die finale Abreise aus der Welt der Menschen) oder das endgültige Ankommen an einem
Ziel, an dem man zur Ruhe kommt. Der Zielort selbst bietet freilich nur noch
rudimentäre Naturerlebnisse: „Dort gibt es noch Fichten, und wir rufen. Steine, und so ist die Nacht.“ Das
„Rufen“ ins Ungewisse hinein bleibt unbeantwortet. Es ist ein existenzieller Laut der
Selbstvergewisserung in einer stummen Welt. Das Gedicht schließt in absoluter Härte und
Dunkelheit. Die Steine stehen sowohl für Unverrückbarkeit als auch für die Wiederkehr der
Gewalt, die Nacht für das Ende des Tages, des Bewusstseins oder gar des Lebens. Der
Satz „und so ist die Nacht“ akzeptiert diesen Zustand als unumstößliche Realität. Am
Ende bleibt kein optimistischer Neuanfang, sondern das stille, reduzierte Ausharren in einer
kalten, nächtlichen Welt.
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