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Ewald Murrer: Rückkehr ins Kloster

Zeitzünder/Lyrik heute
Foto: Erea Křížová
Ewald Murrer

RÜCKKEHR INS KLOSTER


Schon lange ging ich durch diese bergige Gegend,
von den Felsen sahen mich große Katzen
mit ihren malachitgrünen Augen an.
Endlich tauchten vor mir weiße Türme auf.
Es war ein Kloster mit aquileianischen Mönchen,
und ich lud mich selbst zum Nachtmahl ein.

Obwohl die Bäuche der Ordensbruder beträchtlich waren,
war das Nachtmahl miserabel, nicht der Rede wert!
Aber ich aß alles auf,
und nahm auch das Nachtlager bei ihnen an.

Am Morgen schlurften sie schon zeitig durch die Gänge,
ließen mich aber schlafen.
Ich schlief also gut aus, meine Laune war bestens,
und mit Lust bereite ich mich zum Aufbruch vor.

Einer der Mönche, Cimbra, sprach zu mir:
„Vier Wege führen hinaus,
ein oberer, ein mittlerer– mittäglicher, ein mittlerer- mitternächtlicher
und ein unterer.
Die Brüder gehen meist den mittleren– mittäglichen,
ich wiederum eher den mittleren– mitternächtlichen,
der wohl auch für Sie günstig wäre...“
Mich lockte am meisten der untere Weg,
dessen melancholische Allee von schwarzen Eichen umsäumt war,
und als ich dann diesen ging,
flog aus dem Eichenbäumchen ein Täubchenpaar.
Es war ein hübscher, einladender Pfad und ich pfiff vor mich hin.
Ich stiefelte flink gute neun Stunden,
bis ich eines Gebäudes ansichtig wurde.

Aber die Türme kamen mir vertraut vor.
„Dies ist doch das Kloster, aus dem ich kam!
Wie ist denn das möglich?“, fragte ich mich in Gedanken,
als ich an das Tor klopfte.
Sie ließen mich herein und wunderten sich auch, bis Cimbra fragte:
„Sind Sie den unteren Weg gegangen? Nun, ich hätte Sie wohl warnen sollen...“

Also aß ich wieder zu Abend und sprach mehr mit den Brüdern.
Als wir fertig waren, sagte der schwarze Inquisitor:
„Womöglich hätten Sie Lust ein bisschen zu nörgeln.“
Und zeigte mir einen Kasten an der Wand,
in den die Mönche und alle, die hierher kamen,
Blätter hineinwerfen und sich frei beschweren konnten.

„Es gibt nichts, was mich stören würde“, antwortete ich
        wahrheitsgemäß.
Der Inquisitor, lang, hager und ernst
wie ein Pompefunebrist, zuckte die Achseln.
„Vielleicht über den Weg. Über die Rückkehr, die gegen Ihren Willen war ...
Über die Tauben aus der Eiche ...
Jeden stört doch irgendwas. Ich kann es Ihnen zeigen,
denn ich habe den Schlüssel vom Kasten.“

Dann führte er mich zu einem Schrank aus Buchenholz,
auf dem das Wort TABULARIUM geschnitzt war,
dorthin legte er die aus dem Kasten entnommenen Blätter
in Folianten.
Und da er gerade Lust dazu hatte, las er sie vor.

Es gab dort eine Beschwerde über die Sonne, dass sie morgens aufgeht,
und eine andere über das Wasser, dass es fließt,
jemand beschwerte sich über Vögel, dass sie fliegen,
ein anderer über Blätter, dass sie fallen.
Und es gab viele Beschwerden über Pferde,
Hunde und besonders über Frauen...
Also schrieb auch ich eine,
damit er etwas zum Ablegen hatte.


Übersetzt von Patrik Valouch, Prag


Ewald Murrer (*1964), aus dem Gedichtband Noční četba (Aula, 2019; dt. Nachtlektüre). der 2020 mit dem bedeutenden tschechischen Literaturpreis Magnesia Litera ausgezeichnet wurde. Bis jetzt sind noch keine anderen Gedichte von ihm auf Deutsch erschienen:
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