Eva Bdzochova: "Am Kamin" und "Aufwachen!"
Montags=Text
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Foto: Oliver Sachs
Eva Bdžochová
Zwei Texte
Am Kamin.
Es ist ein Jahr vergangen. Dann noch fünf Tage dazu, und ich habe es wieder vergessen.
Ich habe einfach vergessen, wie es ist, da zu sein.
Ich habe vergessen, wie sie leben. Wie es für mich war, als ich dort mit ihnen gearbeitet habe.
Wieder da zu sein, erinnert mich daran, wie es war. Daran, was ich mochte.
Den Geruch, als ich in der Frühe die Tür aufgemacht habe – er ist immer noch da.
Die unaufgeräumten Flure und schmutzigen Küchen.
Die ständigen Streits über Putzpläne.
Das Leben.
Die Begegnungen und hunderte von Beratungen.
Ich mochte es, die Kinder zu hören und ihnen zusehen, wie sie wachsen.
Die Fortschritte und ständigen Rückschritte.
Den Kontakt.
Das Adrenalin.
Tausende von Themen und ständig neue Probleme.
Die Kakerlakenplage, Krätze und Läuse.
TBC, Tripper und HIV.
Alles war da.
Jung und alt, krank und gesund. Genauso wie das Leben da draußen.
Ich mochte es. Ich vermisse es schmerzhaft.
Der erste Tag danach ist der schwierigste. Dann kommt das Vergessen.
Es erschüttert mich. Es berührt mich.
Ich bin da, aber ich darf nicht ganz da sein.
Es ist nur ein kurzer Besuch: sich zeigen, die frisch gedruckten Flyer verteilen, sagen, wo wir zu finden sind.
Aber bitte nicht länger als ein paar Minuten bleiben. Keine langen Gespräche im Flur führen und
bloß keine Beratungen!
Es warten noch andere Unterkünfte auf uns – und am Ende des Tages dürfen wir sagen: Wir waren
da! Und somit ist unsere Finanzierung mehr oder weniger gesichert.
Wir sehen uns nächstes Jahr wieder.
Wiederschauen!
Ich fahre dann von Unterkunft zu Unterkunft, sehe ihre Zimmer und Gemeinschaftsräume.
Ich sehe, wie die Kinder aufwachsen. Kinder sind wohl unsere Zukunft…
Schaue mir die neuen Container an. Es kommen ständig neue dazu. Kriege hören nicht auf. Internet
wird installiert, und der Boden muss noch befestigt werden.
So viel Matsch überall. Fotos machen verboten. Ich laufe einmal hin und einmal zurück.
Zu Hause mache ich meine Schuhe sauber, nur sie laufen jeden Tag durch.
Ich glaube, den meisten ist es kaum bewusst, dass es sie gibt.
Dass jede Woche neue Busse kommen.
Wir sehen sie ja nicht wirklich.
Schließen unsere Augen und unsere Häuser auf zwei Schlösser.
Es hört nicht auf.
Mir macht es Angst.
Bei der Supervision habe ich gesagt, dass ich mich frage, ob das Ganze einen Sinn macht.
Ich zweifle, ob sich etwas ändert und ändern kann, nach all den Jahren.
Ich fürchte, nur ein Rädchen im System zu sein. Ein quietschendes allerdings.
Während wir die Kinder aus dem Fluss retten, sollten wir lieber schnell flussaufwärts gehen und
herausfinden, warum sie überhaupt hineingefallen sind.
Keiner traut sich hinzugehen und auch ich klebe nur am Fluss. Ziehe sie Tag für Tag raus.
Ich möchte es ändern, doch ich komme mir zu einsam vor.
Zu vielen passt es so, wie es ist.
Und so bin ich jeden Tag da, in meinem sauberen Büro Nr. 5, im zweiten Stock. Da, wo keine
Kakerlaken mehr kommen (nicht, dass ich sie wirklich vermissen würde) und mache sauber weiter.
Ich rege mich weniger auf; bei vielen Sachen habe ich einfach resigniert.
Manchmal fürchte ich, dass ich aufhöre zu spüren. Denn wenn ich alles fühlen würde, was ich
wahrnehme, könnte ich schon jetzt nicht weitermachen. Und ums Weitermachen geht es doch.
Ich habe es wieder vergessen. Also fast. Aber dann kam der Sonntag.
Ein kalter, windiger Tag und ich hatte Lust auf einen Cappuccino und ein Buch. Ich zog mein
schönes Kleid an, machte meine Haare frisch und fuhr in das gemütliche Café, irgendwo im
Nirgendwo. Ich war ruhig und habe mich gefreut, bis ich vorbeigefahren bin.
Ich glaube, die Container erkenne ich von Weitem. Und dann die Kürbisse. Und ich wusste: Sie sind
da. Unbeirrbar. Sie sind fast immer irgendwo am Rande zu finden. Da, wo eine Stadt aufhört oder
die nächste anfängt.
Industriegebiete und Felder.
Im Sommer wachsen dort Erdbeeren, im Herbst Kürbisse.
Wenn ihr nach ihnen sucht, findet ihr sie.
Den Kaffee habe ich getrunken und das Buch einigermaßen gelesen. Aber sie sind mir nicht aus
dem Kopf gegangen. Ich saß da, am Kamin. Die Kälte blieb draußen. Es hat sich nach Luxus
angefühlt. Und ich habe ständig an sie gedacht – an ihre Gemeinschaftsküchen und engen Zimmer.
An ihren Sonntag. An ihr Mittagessen. Daran, dass ständig Neue kommen, aber wir so tun, als ob es
sie nicht gäbe.
Ich glaube, es war wichtig, damit ich es nicht vergesse auch wenn ich sie jeden Tag sehe.
Auch morgen, wenn wieder Neue kommen.
Ich-darf-es-nicht-vergessen.
Aufwachen!
Einmal habe ich das schon erlebt. Ich mag nicht noch mal. Ich habe gehofft, dass ich es nie wieder
durchmachen müsste.
Es hat ungefähr zehn Jahre gedauert, bis ich einigermaßen angekommen bin. Zehn Jahre sind eine
lange Zeit, und neu anzufangen ist wie laufen zu lernen.
Ich weiß, wie sich das anfühlt, alles, was vertraut ist, zu verlassen.
Die Orte und die Leute.
Den Klang und alle Düfte.
Das, was mir bekannt war.
Das, was Vertrauen schenkte.
Alles, woraus später nur Erinnerungen wurden.
In Bratislava kannte ich die Haltestellen des Trolleybusses Nr. 31 und 39 auswendig. Ein paar
Straßenbahnverbindungen dazu. Es ist immer gut, die Haltestellen zu kennen, um das Zuhause
leichter finden zu können.
In Berlin habe ich damals viele U-Bahn-Stationen hintereinander auswendig gelernt – vom Anfang
bis zum Ende. Orientierung ist in der neuen Welt überlebenswichtig. Es beruhigt. Google Maps gab
es nicht.
U7 und U6 fuhren nach Hause, Mehringdamm.
U3 nach Dahlem, zu seiner Uni.
U2 in die Stadt.
Die Ringbahn. Am ersten Sonntag bin ich einmal im Kreis gefahren.
Am Anfang konnte ich hier keine Bücher lesen. Das tat weh, Bücher sind mir wichtig.
Es fing an wie ein Tausenderpuzzle, das erst einmal kein Bild zeigen wollte. Zu unverständlich
waren für mich die Wörter.
Irgendwann war es möglich, einzelne Wörter zu längeren Sätzen zusammenzukleben.
Es hat gedauert.
Irgendwann fing ich an, in der Sprache zu lesen, zu denken – und dann zu träumen.
Dann kamen die Bilder, und aus den Bildern entstanden Geschichten.
Lange habe ich gedacht, dass Schreiben nur in (m)einer Sprache möglich ist.
Seitdem ist es eigentlich die ganze Zeit eine Sehnsucht nach dem, was ich damals verlassen und
hier nie wirklich gefunden habe. Etwas, das mich beruhigte. Vielleicht ist es nur das Gefühl. Eine
Sehnsucht. Das Gefühl, irgendwo zu gehören und die Welt um mich herum zu verstehen.
Heute habe ich eine Geschichte gehört. Eigentlich zwei. Ich war sprachlos und habe gedacht, dass
ich entweder im falschen Film oder im falschen Land bin. Ich befürchte allerdings, dass beides
stimmt; dazu lebe ich anscheinend auf einem falschen Planeten.
Ich verstehe die Welt immer weniger.
Soll ich etwa noch einmal auswandern?
Erste Geschichte.
Vielleicht sollte ich meine Mutter fragen, wie damals während des Kommunismus, ein
Betreuungsvertrag für den Kindergarten aussah. Ich glaube nicht, dass es welche gab. Und wenn
doch, waren da vielleicht zwei Seiten mit zwei Unterschriften. Ich frage sie danach.
Auf der Arbeit fülle ich regelmäßig verschiedene Betreuungsverträge für Kindergärten und
Kinderkrippen aus. Es ist ein Stapel. Die Seiten habe ich nicht mitgezählt.
Ich schätze, dass es ungefähr zwanzig Unterschriften braucht. Dauer: 1,5–2 Stunden.
Alles wird erwähnt und alles unterschrieben.
Jegliche Gefahren sind ausgeschlossen.
Alles muss sicher sein.
Gestern hat unsere Kreisgeschäftsführung getagt. Vielleicht war es nicht der ganze Tag, vielleicht
dauerte es nur einen Nachmittag lang. Nah am Nächsten. Wie immer.
Es ging auch um die Kindergärten. Kinder sind doch unsere Zukunft. Von der Fremdbetreuung
leben diese christlichen Einrichtungen, in denen die Kinder täglich bis 16 oder 17 Uhr betreut
werden – oder eher beaufsichtigt werden. Damit die Eltern fleißig arbeiten können.
Gestern gab es dort eine große Diskussion darüber, ob die Erzieherin ein schlafendes Kind
aufwecken darf. Wohl nicht, wurde beschlossen. Es verstoße gegen das Recht des Kindes auf
Schlaf. Deshalb nicht.
Freiheit über alles! Und somit darf das Kind aus dem Mittagsschlaf nur von seiner eigenen Mutter
geweckt werden. Wahrscheinlich deswegen, weil Mütter besser Bescheid wissen und über mehr
Rechte auf die Rechte des Kindes verfügen als eine einfache Erzieherin.
Die Freiheit und das Recht kann man eh beugen – je nach Bedarf.
Mal nach rechts, mal nach links.
Es muss unterschrieben werden, ob die Erzieherin eine Zecke entfernen darf. Natürlich können
Fehler passieren, und falls die Zecke nicht ganz entfernt wird, droht Gesundheitsgefahr.
Oder ist es besser zu warten, bis die Eltern das Kind abholen? Tut es der Zecke oder dem Kind gut?
Oder rufen die Erzieherinnen die Eltern an, die dann ihre Stifte fallen lassen und unverzüglich in
den Kindergarten fahren, um die besagte Zecke fachgerecht zu entfernen? Also bitte lieber gleich
unterschreiben.
Falls das Kind einen Holzsplitter im Finger hat, fängt das Gleiche wieder an. Noch einmal
unterschreiben, dass die Erzieherin den Holzsplitter aus dem kleinen Finger entfernen darf.
Oder die Eltern anruft.
Wir reden über Holzsplitter! Und lassen es unterschreiben.
Wo ist das einfache Vertrauen geblieben?
Zweite Geschichte.
Der Stadtrat einer bayerischen Stadt hat vor ein paar Tagen beschlossen, dass der Christkindlmarkt
künftig nicht mehr Christkindlmarkt genannt werden darf. Er darf schlicht nur Weihnachtsmarkt
heißen.
Es dürfen dort keine christlichen Lieder gespielt werden.
Die Stadt möchte ab jetzt weltoffen sein. Und niemanden ausschließen.
Das haben die Stadträte beschlossen. Damit haben sie sich wirklich beschäftigt…
Sind das echt ihre Sorgen?
Gibt es dort wohl keine anderen Probleme?
Ich hätte einige Vorschläge, die viel mehr brennen, als den Namen des CHRISTKINDLMARKTES
abzuklären…
Vielleicht sollten lieber wir geweckt werden.
Das sollte beschlossen werden.
Nicht die Augen zu schließen, sondern auf die Welt zu schauen.
Was ist wirklich wichtig?
Oder wollen wir noch weitere hundert Jahre schlafen, wie ein Dornröschen?
Wird es dann nicht zu spät sein? Ich bin immer noch sprachlos. Fühle mich weltfremd.
Heute wollte ich zum Schalter gehen und nach einem One-Way-Ticket fragen. Ich weiß allerdings
nicht, wo der Schalter ist und wohin ich denn wirklich gehen kann.
Weder England noch Spanien kommen in Frage.
Ich mag nicht nach Amerika und nicht nach Asien auswandern.
Ich glaube, ich bräuchte eine komplett andere Welt. Einen anderen Planeten.
Spüre immer mehr, dass hier etwas Grundlegendes nicht stimmt.
Mars vielleicht? Um dort noch einmal von vorne anzufangen?
Marsianisch zu lernen, um neue Bücher lesen zu können und die dortige Welt besser zu verstehen?
Und dann auf dem Mars mehr auf die Verbindungen zu achten und darauf, was im Leben wirklich
wichtig ist? Nicht Zecken, nicht Holzsplitter und Christkindlmärkte, bitte…