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Europäische Begegnungen II

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Elevation der Dichterfürsten



Am 4. Dezember in München europäische Begegnungen: „Mit Durs Grünbein und Katarina Frostenson treffen sich zwei der wichtigsten lyrischen Stimmen ihrer Generation“, so der Prospekt. Und weiter: „Im Zentrum ihrer Dichtung stehen die großen, universalen Themen (…) im weiten Hallraum der Kulturgeschichte“, und dem „kleinen Kreis ausgewiesener Kenner gehört auch Michael Krüger an.

Michael Krüger, der Mittler. Zwei der wichtigsten Stimmen der Gegenwart, wiederholt er zur Eröffnung – im Gegensatz zu den vielen anderen, die zwar auch „Lyriker“ sein würden oder sich so nennen. Bei Frostenson, sagt er, ist es die besondere Rolle der Lautlichkeit, die sie hervorhebt aus dem Anonymen. Dieses Schwedische. Und zur schwedischen Poesie überhaupt: sie habe in ihrer Heimat nur eine Nebenrolle. Aber bei Frostenson, die Mitglied der Akademie zur Verleihung des Nobelpreises ist, sei eine Nähe zur französischen Literatur zu erkennen, dieses „flächige Schreiben“. Und dass sie vielleicht – er lächelt charmant - wohlwollend der deutschen Poesie gegenüber sein möge, wenn die schwedische Akademie wieder tagt - Die in den Landschaften verschwunden sind, ihr deutscher Gedichtband, 1999 erschienen, im Hanser Verlag.

Katarina Frostenson liest ihr Langgedicht „Rettungen“.

Durs Grünbein braucht nicht vorgestellt zu werden, nicht im Lyrik Kabinett. Ihm ist nicht ganz wohl bei so viel Vorführung – er liest erstmal Frostenson-Übersetzungen, dann aus seinem umstrittenen letzten Band „Koloss im Nebel“ (2012). Die Poesie altert nicht, sagt er. Heute gelte die Politik der kleinen Schritte. Große Schritte wie sie einst der Dichterfürst Lord Byron getan, seien längst der Prosa überlassen. Dabei sei die (innere) Stimme wichtig – denn sie allein werde das Individuum bewahren. Seine Nähe zur Spiritualität, versteckt manchmal hinter Namensnennungen, Gräzismen, eine Vorführung?

Mal von ein paar großen Tönen abgesehen, ein sehr leiser Abend, fast schläfrig. Ich hatte mir Grünbeins Sonderdruck „Vom Stellenwert der Worte“ (Frankfurter Poetikvorlesung 2009) besorgt und las darin wieder zuhause. Besonders interessierte mich dabei sein Erweckungsanspruch im zweiten Kapitel, „Skizze zu einer persönlichen Psychopoetik“, hervorgerufen durch das plötzliche Aufschießen einer Taube, „in so unmittelbarer Nähe, dass mir das Geräusch ihrer Flügel förmlich ins Gesicht sprang. Ohne die Sache allzu sehr aufzubauschen, kann ich sagen: bis heute erinnere ich mich an diesen Augenblick. Er war an sich bedeutungslos, und doch setzte er etwas in Gang, das bis heute nicht aufgehört hat zu funktionieren. Er wurde zum Modell für viele kommende, weit folgenreichere Momente von epiphanischer Qualität. Denn das war es, darum ging es, darum ging es bei dieser kurzen, unverhofften Begegnung, die mir mein ganzes Sein wie in einem Blitzschlag erhellte. Das Gedicht, das daraus entstand, ziemlich spontan und dann in irgendeiner Mappe vergessen, bis ich es mit Anfang Zwanzig, als ich ernsthaft ans Schreiben ging, wiederfand, überrascht und betroffen von seiner verlorenen Schlichtheit: dieses Gedicht begann mit einer Verstörung (einer minimalen seelischen Konfusion), und es endete mit einer Erhebung (einer kaum merklichen Elevation – fern aller Rhetorik und sich selbst und seiner verborgenen Symbolik völlig unbewußt).“

Schlichtheit? Demut? Auf Fritz Raddatz‘ Kritik am „Koloss im Nebel“ in der Springerpresse „Welt“ vom 18.08.2012, namens „Meister der Plauderpoeme“, mag ich nicht eingehen, weil Attitüden des Journalismus doch arg stören im Weltbild Grünbeins, der sagt: „Die Erfahrung eines Gedichts ist die Erfahrung eines Augenblicks und gleichzeitig die eines ganzen Lebens.“ (Stellenwert)

Raddatz, so weit von Grünbein entfernt wie Eis vom Feuer, Gegenpol, eine andere – eine feindliche Art von Vorführung? Hat Grünbein den Anspruch Nationaldichter zu sein? In Deutschland geht sowas ja ganz und gar nicht; aber selbst wenn, nicht via Ablehnung und Aufbau gegenseitiger Distanz.

Kristian Kühn


PS: Ein Freund von mir postet:
ich habe den abend leider nicht miterlebt, kann nur allgemein zu grünbein was sagen. ich fand ihn in den 90ern wirklich wegweisend und maßgebend, mir gefielen seine früheren sachen außerordentlich. aber schon bei "falten und fallen" mit diesen gemeißelten epitaphen zu anfang fand buchstäblich eine versteinerung statt. der mann hatte einfach nichts mehr zu sagen. die frühen texte sind auch allesamt wirklich rebellisch und jung und aufmüpfig, danach wird er salondichter, dichterfürst ...

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