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Ester Naomi Perquin: Mehrfach abwesend

Rezensionen/Verlage


Elke Engelhardt

Ester Naomi Perquin: Mehrfach abwesend. Ausgewählte Gedichte. Niederländisch, deutsch. Zusammengestellt und übersetzt von Stefan Wieczorek. Nettetal (Elif Verlag) 2021. 128 Seiten. 20,00 Euro.

Ester Naomi Perquin – Mehrfach Abwesend


Mehrfach Abwesend, bereits der Titel ist ebenso absurd wie weitreichend. Und dem Cover gelingt es auf hervorragende Weise, die Essenz der unter diesem Titel* von Stefan Wieczorek ausgewählten und übersetzten Gedichte zu illustrieren. Wie schreibt man über das, was fehlt? Über Abwesenheiten, die auch noch mehrfach übereinander liegen, wie die Zellen, die auf dem Cover irisierend unscharf leuchten?

Um Ester Naomi Perquin diese Frage beantworten zu lassen, hat Stefan Wieczorek sich für eine ungewöhnliche Chronologie der Gedichte entschieden; zunächst lesen wir die jüngsten Gedichte Perquins, um dann zu den jeweils vorangegangenen Gedichten zurück zu gehen, von einer aktuellen Abwesenheit in eine ältere zu wandern sozusagen.
    Wir, oder das, was wir „ich“ nennen, setzt sich aus Verlusten zusammen. Erst verlieren wir die Kindheit, dann nach und nach Menschen, die uns einst lieb waren, schließlich zwangsläufig immer größere Teile der Zukunft. Und bestenfalls irgendwann die Gewissheit, dass das, was wir sehen und denken einer unabänderlichen Wahrheit entspricht. Wir gewinnen im Gegenzug den Zweifel. Oder, wie Perquin vielleicht sagen würde: die Einsicht in mehrfache Abwesenheiten. In diesem Band setzt sich die mehrfache Abwesenheit zusammen aus Details, dem das Gesamte folgt, und so verfahren auch die Gedichte – von den Einzelheiten zum Ganzen, in dem die Elemente verborgen sind.

        „Im Wagen ächzt die Reise, in jedem Laufen steckt ein Pferd
        […]
        Sogar in den Köpfen gefangener Affen, so las ich,
        stößt man bei der Autopsie häufig
        auf ganze Urwaldstücke.“

Perquin nimmt einen Faden Abwesenheit und spinnt daraus ein Gedicht. Ein Gedicht, in dem neben aller lakonischen Sachlichkeit, die vorzuherrschen scheint, eine überwältigende Zärtlichkeit wohnt, die sich auf überraschende Art entfaltet.  Bei Ester Naomi Perquin klingt das so:

        „Etwas rumpelt offensichtlich in der Ewigkeit, man hat es kontrolliert
        und vermutet einen lockeren Zahn.“

Von den Teilen und dem Ganzen, in dem sie sich verlieren, lesen wir weiter (oder rückwärts) von Begrenzungen, die den Kern des 2012 erschienenen Gedichtbandes „Zellkontrolle“ ausmachen. Um ihr Studium „Literarisches Schreiben“ in Amsterdam finanzieren zu können, arbeitete Perquin eine Zeitlang als Schließerin in einer Haftanstalt. Eine Erfahrung, die sich in den Gedichten niedergeschlagen hat. Allerdings geht es nicht allein um die Menschen, deren Geschichten, den Alltag im Vollzug. Bei Perquin greifen diese nüchternen Berichte, die niemals urteilen, weiter. Sie zeigen uns nicht nur das Innere der Zelle, nicht nur die Oberfläche der Insassen, sondern allgemeine, universelle Themen wie Schuld und Warten (der einen auf Freiheit, der anderen auf Erlösung).

Erwartungen, die uns alle begrenzen, die verhindern, dass wir uns entwickeln. Die Gedichte erzählen, ausgehend von der Begrenzung der Gefängnismauern, von der unbewusst selbstgewählten Begren-zung durch eine fragile Hoffnung, die uns selbst ausschließt, zugunsten eines vermeintlich besseren Lebens. Von der Begrenzung durch Besitz. Und natürlich von der Angst, das alles wieder zu verlieren.
    Aber Perquin richtet nicht. Sie beschreibt. Alles andere geschieht bei der Leserin, beim Leser. Die Wut, der Schmerz und die Verlorenheit, all das entfaltet sich aus den Beschreibungen kleiner Szenen, dem auffällig sicheren Einsatz von gleichzeitig absurden und treffenden Details.

Der Band schließt mit Auszügen aus den ersten, also ältesten Gedichtbänden Perquins. Vom Verhör (bei den Zelleninspektionen) geht es zurück (oder weiter?) zur Befragung, vom Ichverlust zur Suche nach Identität. Auch in diesen ersten Gedichten geht es um Verlust, Verschwinden, um die Suche. Ihren Stil, die Gegenwart und das Gewesene, die Teile, aus denen sich die Abwesenheit mehrfach zusammensetzt, protokollarisch absurd festzuhalten, hat Perquin von Anfang an kultiviert.

Ihre Gedichte sind Berichte, Bestandsaufnahmen, nüchtern vorgetragen, aber nie ohne dieses kleine Detail, die besondere Wendung, in der eine allumfassende, berührende, immer wieder unerwartete Zärtlichkeit steckt. Es ist der Blick vom äußersten Rand auf sich selbst und die Welt, der Perquins Gedichte so fruchtbar macht. Was die Absurdität in ihren Gedichten blühen lässt, eine Absurdität, die sich niemals selbst genügt, sondern ständig neue Erkenntnisse ermöglicht, neue Perspektiven eröffnet, ein tiefes Verständnis, das spielerisch, fast aus Versehen, aus der mehrfachen Abwesenheit von letztgültigen Wahrheiten erwächst. Den Oberflächen entwächst und dem, was in seiner Größe unüberschaubar ist, was das Schlüsselloch der Poesie braucht, um es erkennen zu können.

Diese Verse sind für Menschen, die bereit sind, auszuziehen aus dem gelobten Land des Verstehens, um auf diese Gedichte zu treffen, in denen man sich verirren kann, um verloren zurück zu kehren, zum Saum des Unsagbaren. Ein sternenstaubkleines Bisschen hat man nach der Lektüre begriffen, von dem, was sich nicht sagen lässt. Auch, oder vielmehr in erster Linie dafür, brauchen wir Lyrik. Eine Tatsache, der in den Niederlanden eher Rechnung getragen wird als hierzulande. Denn dort hat die Lyrik einen anderen Stellenwert und ein anderes Selbstverständnis. Gedichte finden sich nicht prominent, dafür aber extrem selten an z.B. akademischen Gebäuden, sondern fahren auf Müllwagen gedruckt durch die Straßen Rotterdams. Einige davon haben uns Stefan Wieczorek und der Elif Verlag nun zugänglich gemacht.


* Der der Titel des jüngsten 2017 erschienenen Gedichtbandes von Ester Naomi Perquin ist, der aber gleichzeitig den roten Faden der versammelten Gedichte in diesem Band darstellt.


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