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Elke Engelhardt: Sansibar oder andere gebrochene Versprechen

Rezensionen/Verlage


Jan Kuhlbrodt

Elke Engelhardt: Sansibar oder andere gebrochene Versprechen. Nettetal (ELIF Verlag) 2020. 134 Seiten. 18,00 Euro.

Zu Elke Engelhardt
Sansibar und andere gebrochene Versprechen


Gerade ist Elke Engelhardts Gedichtband „Sansibar oder andere gebrochene Versprechen“ im Elif Verlag erschienen. Graue Klappenbroschur mit roter und weißer Schrift, das Wort „gebrochen“ wurde vom Gestalter gebrochen gesetzt, was schon einmal darauf hinweist, dass der Band hält, was er verspricht.

Der Band enthält drei Zyklen, wobei der erste, der titelgebende „Sansibar“ auch zugleich der längste ist. Es folgen „Die kleine Frau“ und „Die Lumpen meiner Erinnerung“.
 
Natürlich stellt sich die Autorin mit diesem Titel in eine literarische Tradition. Es gibt Namen, die zumindest in mir Bildflüsse auslösen, noch bevor der Text dazu anhebt. Sansibar, schon bei Alfred Andersch als Sehnsuchtsort entworfen, als das andere, das Gegenteil zur Ostseeküste, ist zunächst mal eine Inselgruppe vor der Ostafrikanischen Küste. In der Hauptstadt Sansibar, aber das nur am Rande, stehen übrigens einige DDR-Plattenbauten, die der ostdeutsche Staat den Bewohnern dort zum Geschenk machte, die aber unter den anderen klimatischen Bedingungen überhaupt nicht funktionieren.

Das Moment der Fremdheit, das in diesem Fakt eine Bestimmung findet, ist vielleicht so eine Art Grundierung der Lyrik überhaupt und der von Engelhardt im Besonderen. Allerdings bezeichnet Engelhardts Sansibar weder eine Insel-gruppe oder eine afrikanische Stadt, sondern ist der Name des Protagonisten, der in dem Zyklus von Gedichten portraitiert wird und im Portrait zuallererst entsteht. Denn es ist eine Spezifik literarischer Texte, dass das, was in ihnen aufkeimt, dem Text nicht vorausgeht. Es findet sich im Moment der Erfindung.
    Und so lässt Engelhardt Text für Text eben jenen Sansibar entstehen, der, wie es eine Genesis will, zu allererst Kontakt zu einem Gott aufnimmt. Der erste Vers des Ganzen lautet: Dann fing er an zu beten.

Inwieweit dieser Gott, der im Folgenden immer wieder als Ansprechpartner auftaucht, der Schöpfer Sansibars ist, oder ob nicht vielmehr Sansibar diesen Gott hervorbringt, indem er ihn anspricht und somit ausspricht, bleibt offen.
    Auf Seite 51 heißt es:

Du hast aus mir eine ungenutzte Möglichkeit gemacht
lieber Gott
alles was ich sein könnte
sammelt sich in meinem Buckel.
    
Der Text schlägt hier eine Finte, denn alles, was Sansibar ist, findet auch hier Niederschlag. Sein Potential ist Text, der Buckel, kann man sagen, das Buch. Und diese Finte ist ein gründendes Motiv in diesem Zyklus. Immer wieder geht Sansibar mit einem heiligen Ernst Unmögliches an.

Es sollte ein Roman ohne Worte werden
aber voller Gedanken
der Ehrgeiz packte mich.
ich war kurz davor einen Satz in mein Heft zu schreiben
einen Satz der alle Worte zum Blühen gebracht hätte
und was blüht ist vergänglich
Mein Vorhaben aber war grenzenlos
           
Und so kann man angesichts Engelhardts Sansibar von einem Text über gedankliche Potenziale sprechen, die sich eben dadurch erfüllen, dass sie formuliert werden, und das Paradox einlösen, dass ein Roman ohne Worte eben gerade Worte braucht, um zu entstehen. Ähnlich funktioniert auch der zweite Zyklus: Einige sehr kurze Geschichten vom Glück, die kleine Frau zu sein. Auch hier transponiert der Text die Erwartungshaltung des Lesenden. Sie wird aber dabei nicht unterlaufen, sondern auf einer unerwarteten Ebene als gebrochenes Versprechen eingelöst.

Ich bin die kleine Frau
Ich stehe am Strand
und denke nach.

Aber ich mache mir keine Gedanken worüber ich nachdenke.
Das ist Freiheit.
        
Für mich ist Engelhardts Sansibar ein beglückendes und Trost spendendes Buch.


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