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Elke Engelhardt: Das unerhörte Gefühl

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Elke Engelhardt

Lea Schneider: Scham. Essay. Berlin (Verlagshaus Berlin – Edition Poeticon) 2021. 48 S. 7,90 Euro.
Odile Kennel: Lust. Essay. Berlin (Verlagshaus Berlin – Edition Poeticon) 2021. 48 S. 7,90 Euro.

Das unerhörte Gefühl


„Das Schlimmste an der Scham ist, dass man glaubt, man wäre die Einzige, die so     empfindet.“¹

Identität und Scham. Identität und Geschlecht und Scham. Identität und Geschlecht und Lust.
Verletzlichkeit.
Darüber nachdenken und schreiben.
Lea Schneider und Odile Kennel haben das getan. In der wunderbaren Edition Poeticon. Und mich mit ihren Gedanken angeregt, selbst auch noch einmal über Scham und Lust nachzudenken, darüber, was diese beiden Begriffe miteinander zu tun haben. Was Scham eigentlich ist. Für mich.

„Wer sich schämt, befürchtet verachtet zu werden und schuldig zu sein […] Wir schämen uns, wenn wir merken, dass unser „Ich“ nicht dem „Ich-Ideal“ entspricht.“²

Mein Ich-Ideal zittert nicht ohne jeden Grund so sehr, dass es Kaffee verschüttet und die einst schöne Handschrift unleserlich macht. Es hat keine steifen Gliedmaßen, die sich nur mit Schmerzen unter höchster Anstrengung bewegen lassen. Es hat keine grauen Haare. Vermutlich ist es nicht einmal vergänglich. Und vor allem: es schämt sich nicht.

Scham existiert in meinem Leben nicht als abstrakte, theoretische, philosophische Größe,  sondern als ein Gefühl, das mein Leben bestimmt und immer wieder eingrenzt. Das notwendig ist, manchmal. Und das manchmal Not entstehen lässt, weil ich es nicht hinterfrage.

„[…] Müssen wir diese Intensität (der Scham) als unerträglich empfinden, oder  wäre ein Leben, ein Erleben denkbar, in dem wir uns für sie interessieren, sie beobachten, aushalten, vielleicht sogar genießen können? In dem wir sie als  besonders aussagekräftig verstehen, gerade weil sie uns gefährlich wird.“³
Weibliche Scham. Und die Frage, ob es männliche Scham gibt. Oder empfinden Männer viel eher Reue, verletzte Ehre, also dasselbe Gefühl in andere Begriffe übersetzt? Wird das Gefühl ein anderes, wenn es unterschiedlich benannt wird? Was ist der Unterschied zwischen Scham und Reue? Zwischen ihrer Herkunft und Bedeutung?
      Kürzlich schrieb ich darüber, wie sehr ich mich zuweilen für meine zitternden Hände schäme. Ein kluger Mann schrieb zurück, er schäme sich für seine neurologischen Defekte nie, denn die habe er nicht zu verantworten. Er empfinde Scham für Handlungen, die er bereue. Scham sei in diesem Prozess der Auslöser für Reue.

„Bevor Scham Schmerz oder Bedrohung ist, ist sie erst einmal ein Marker für Interesse.“

Ein erleichternder Satz. Er erscheint als Wegweiser in eine andere Richtung.

„Scham ist ein Wissen, das dem Körper gehört. Peinlichkeit ist verkörperte Sprache,    das heißt, sie ist Sprache, die dir nicht mehr zur Verfügung steht.“

Wenn wir über unseren Körper oder gar über Lust sprechen wollen, tritt verlässlich die Scham auf, um uns zu erinnern, warum das nicht geht, einfach so und persönlich von der eigenen Lust zu schreiben. Du bist zu alt, das ist zu persönlich, „du machst dich lächerlich“.
      Im Namen der „Würde“ zwingt die Scham mich zu schweigen, mich nicht zu meinem Begehren zu bekennen. Mich häufig überhaupt nicht zu mir zu bekennen.

Lea Schneider sucht und zeigt Beispiele, von Frauen, die die Scham öffentlich machen, die sagen: Scham „ist ein öffentliches Gefühl, es sollte auch öffentlich verhandelt werden.“
         Die Scham öffentlich zu machen, heißt auch, sie von der Schuldzuweisung an die Einzelne zu befreien. So beginnt die Scham, sich (so beginnt die Sprecherin, ihre Scham) zu verwandeln. Wenn wir uns bekennen zur Scham, uns der Scham bemächtigen, wird sie plötzlich zur Verbün-deten.

Scham soll still machen, unsichtbar. Ich will im Boden versinken, damit ich nicht länger erkennbar bin. Aber was geschieht, wenn ich all meinen Mut zusammennehme (oder meinetwegen auch all meine Verzweiflung) und die Scham eben nicht auslösche, sondern sage: Hallo. Was willst du mir zeigen? Der Scham, der eigenen Beschämung Interesse entgegenbringen. Sie vorurteilsfrei ansehen. Sie überhaupt ansehen! Bereit sein, sich von ihr überraschen zu lassen. Aber auch hartnäckig bleiben im Fragenstellen; was willst du mir sagen? Worauf willst du hinaus?

Bei der Scham geht es (und das habe ich auf unterschiedliche Weise am eigenen Leib erfahren) immer auch um Kontrollverlust. Wenn ich liebe, ohne wieder geliebt zu werden. Wenn mein Körper sich nicht mehr ohne weiteres von mir beherrschen lässt. Irgendetwas Fremdes hat die Kontrolle (über die Liebe, über die Körperfunktionen). Wir schämen uns, weil wir bestimmte Situationen, unsere Gefühle und/oder unsere Physis nicht im Griff haben. Wir schämen uns für unseren Körper, der nicht dem gesellschaftlichen Ideal (schön und funktionstüchtig) entspricht. Wir schämen uns nicht dafür, es zu unterlassen zu hinterfragen, was die Scham wirklich und tatsächlich für uns selbst zu bedeuten hat. Wir nehmen sie einfach hin, lassen uns von ihr beschämen. Statt uns ihrer aktiv anzunehmen. Aktiv und vielleicht sogar mit Lust.

Scham, das sollten wir uns immer wieder bewusst machen, ist ein Werkzeug zur Normierung. In der Geschichte der Zivilisation schreibt Norbert Elias, dass diejenigen, die die Möglichkeit zum Aufstieg hatten, Lebensstil und Sitten der oberen Klassen nachzuahmen versuchten. Und sich schämten, weil so eine Nachahmung nie vollends gelingt.
So funktioniert Gehorsam, Gefolgschaft.
Sieht man Scham als Machtinstrument, als Werkzeug zur Normierung, erhält sie einen anderen Charakter, sie hat dann in erster Linie mit gesellschaftlichen Werten zu tun. Nicht mit mir.
Der Scham ihren lähmenden Charakter nehmen.
        Ihr einen Körper geben? Oder ihr den eigenen Körper entgegensetzen? Elias schreibt, die Scham wird der eigene Körper, wenn ich beschämt erröte, mich so unwohl fühle in diesem viel zu sichtbaren Körper, dass ich nichts so sehr will wie verschwinden, im Erdboden versinken. Eben kein Körper mehr sein.
        Scham, schreibt Lea Schneider, ist die Strafe dafür, sich zu weit hinaus gewagt zu haben, „aus dem Versteck des akzeptierten Verhaltens, aus der Unsichtbarkeit des Normalen“.
         Die Scham, schreibt sie weiter, lehrt uns, nicht wir selbst zu sein, Bedürfnisse, Schwächen und Eigenarten zu unterdrücken und zu verstecken.
     Schamlos wäre demnach, sich zu sich selbst zu bekennen, zur eigenen Verletzlichkeit, Bedürftigkeit, Fehlerhaftigkeit. Schamlos wäre, sich zu seiner Eigenartigkeit zu bekennen, sie gleichwertig neben andere Eigenartigkeiten zu stellen.
        Der Lohn für das harte Stück Arbeit, die Scham zu überwinden, ist die Erkenntnis, dass man nicht die Einzige ist, die so empfindet, sondern eine, die sich in die immer länger werdende Schlange von Menschen einreiht, die der Peinlichkeit ihre Sprache zurück geben. Und sich selbst die Möglichkeit zur Aufrichtigkeit.


¹  Annie Ernaux, „Die Scham“, Suhrkamp, 2020.
²  Ebd.
³  Lea Schneider, Scham, Edition Poeticon, 2021, S. 17.
⁴  Ebd., S. 19.
⁵  Ebd., S. 22.
⁶  Odile Kennel, „Lust“, Edition Poeticon, S. 28
⁷  Ebd., S. 25.
⁸  Ebd. S. 7.


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