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Einar Már Guðmundsson: Wen es angeht

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Einar Már Guðmundsson

Til þeirra sem málið varðar / Wen es angeht

Vier Gedichte aus dem Zyklus, erschienen im Verlag Mál og menning, Reykjavík 2019.

Aus dem Isländischen von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer
 
 
XXIV

Am Abend stehe ich auf dem Platz
in der neongelben Kälte
und die Leuchtreklamen
gehen mir durch den Sinn,
gehen wie Gedichte
durch den Sinn.

Hier ist alles neu außer dem Wind.
In den Augen spiegeln sich Träume.
Nun ist es Zeit davonzuschweben.
Nun ist es Zeit zu fliegen,
davonzuschweben und zu fliegen.

Wir empfanden Schmerzen in der Ewigkeit,
als uns die Momente
aus den Händen glitten,
kalt wie die Münzen in der Tasche
in der neongelben Kälte.

Ich bin der Gesellschaft beigetreten
und wieder aus ihr aus,
in den Freistaat des Geistes,
und wusste nicht, wo ich war.

Sieh dir all diese Häuser an,
wie sie in sich selbst verschwinden,
als hätten die schweren Gedanken der Nacht
sich über sie gelegt.

Jemand verschwindet ums Eck
und wird nie wieder gesehen,
und die Wörter, die mich zwischen den Häusern verfolgen,
sind wie aus dem eigenen Schatten herausgeschnitten.

Wir sahen den Mond auf dem Wasser tanzen,
in den Teichen, in den Kanälen der Nacht,
während die Lichter spielten
auf spiegelglatter Oberfläche.



XXIX

Nun ist es Zeit davonzuschweben.
Nun ist es Zeit zu fliegen,
davonzuschweben und zu fliegen.

Du warst ein verzauberter Vogel.
Ich war ein verzauberter Vogel.
Als wir hinunter zur Erde schwebten,
sahen wir die Engel, uns selbst,
anders haben wir uns sie
nicht vorstellen können.

Nach dem Bekritzeln der Wände
unterwarfen wir uns der Anarchie,
spiegelten uns im Rausch der Wörter
in den Fenstern der anderen Seite der Welt,
in den Himmeln, die über uns stürzten,
ähnlich wie damals, als wir
in die Pfützen sprangen
und rannten um alles herum.

Falls du hinausspringst, fällt die Vase vor dir,
stürzt ab wie ein Stern und zerbricht auf dem Bürgersteig.
Nun bilden die Wünsche einen Bogen über dem Berg
und der Stein rollt den Hang hinab,
so dass du ihn aufs Neue holen kannst.

Sieh dir all diese Farben an, all diese prachtvollen Farben,
wie sie in die Leere verschwinden,
verschwinden wie Pfeile,
hinaus in die Zeit und das Nichts.

Alle diese magischen Nächte
sie wirbelten durch den Kopf,
all diese Wörter, die immer noch in den Straßen widerhallen.



XXXI  

Draußen stürmt es.
Der Wind bläst.
Du hast nichts gesagt, als wir
die Hochebene hinauffuhren,
wo der Wind
alle Gedanken davonweht.

Ein altes Telefonbuch sagt nichts,
aber ich schlage meinen eigenen
Schatten nach
und rechne damit, dass die Dunkelheit
mich überfällt,
kalt wie die Zeit.

Danach kommt die Helle
mit ihren Liedern und Licht,
die einst die Ozeane durchstreiften
und vieles mitbrachten
aus ihren Tiefen,
alle diese Momente,
die Ewigkeit, wie sie
in diesen Worten erscheint.



XXXII  

Ich weiß nicht, wie
lange ich hier schon sitze
und mit mir selbst spreche
und mit allen und keinem.

Vor mir ist ein rotes Licht
auf dem feuchten Asphalt.

Die Uhr zeigt Viertel vor zwei
und die Nacht ist blau
wie ein Stern.

Fliege, flüstert der Wind,
flüstern die Vögel,
fliege
in Begleitung der Wehmut,
weg vom Mond
und all diesen
blauen Planeten.

Fliege,
während wir hier ausharren
und mit uns selbst sprechen
und mit allen und keinem.


Einar Már Guðmundsson, geb. 1954, ist ein begabter Romanautor, Kurzgeschichten-schreiber und Dichter sowie ein engagierter Aktivist mit einer sozialen Vision. Er ist einer der meistübersetzten isländischen Autoren der Nachkriegszeit. Als Geschichtenerzähler mit einem lyrischen, einfühlsamen und humorvollen Stil zeichnet er in seiner Arbeit das Wachstum der urbanen Kultur in der Hauptstadt nach, und die überlebensgroßen Charaktere, die sie hervorbringt.
 
Einar Már Guðmundsson hat zahlreiche Auszeichnungen und Anerkennungen für seine Arbeit erhalten, darunter den Literaturpreis des Nordischen Rates im Jahr 1995, den norwegischen Bjørnson-Preis und den Scharnberg Memorial Award in Dänemark, die Karen-Blixen-Medaille (ein Ehrenpreis der Dänischen Akademie) und den Guiseppe Acerbi Literaturpreis in Italien. Im Jahr 2012 erhielt Einar Mar Guðmundsson für seinen Beitrag zur Literatur den Nordischen Preis der Schwedischen Akademie, auch „der kleine Nobelpreis“ genannt. Außerdem wurde er 2015 mit dem Isländischen Literaturpreis geehrt. Sein Werk umfasst mehr als 30 Romane, Erzählungen und Gedichtbände. Außerdem hat er verschiedene Werke der Belletristik ins Isländische übersetzt, darunter zwei Romane des britischen Schriftstellers Ian McEwan.

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