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EDIT, Heft 80: jetzt stehen wir alle hier im plural

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Michael Braun

Zeitschrift des Monats

EDIT, Heft 80: jetzt stehen wir alle hier im plural

Daniel Falb: Geomacht und PoemPhone – Lyrik im Anthropozän

Der Lyriker und Philosoph Daniel Falb hat geschafft, was seit einem halben Jahrhundert keinem Kollegen aus der Zunft der Dichter mehr gelungen ist: Er hat die Welt der Lyrik auf den Kopf gestellt. Er hat sie in eine Tabula rasa-Situation versetzt und ihr ein radikales Reinigungs- und Reanimations-Programm verordnet. Die Poesie der Gegenwart soll nicht mehr aus ihren vertrauten Repertoires der poetischen Tradition und aus den Regelwerken der Verskunst schöpfen, sondern sich endlich auf Augenhöhe mit den Naturwissenschaften begeben, vor allem mit der Geologie und der Biologie, aber auch mit der Anthropologie und der Medientechnik. In seiner ebenso ehrgeizigen wie hochfahrenden „Metaphysik für die Erde im Anthropozän“ („Geospekulationen“, Merve Verlag, Berlin 2019) hat Falb kürzlich die erkenntnistheoretischen Bedingungen dafür skizziert, wie eine Philosophie und eine Ästhetik aussehen könnte, die unserer Existenz im neuen geologischen Zeitalter angemessen ist. Also in unserer Ära des bedrohlichen Klimawandels und der globalen Verluste an natürlichen Ressourcen und an Bio-Diversität. In diesem Buch findet man etliche stolze Sätze, die ein Update zu Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“ liefern wollen: „Die Gegenwartswerde rückt an die Position der reinen Vernunft.“ Bereits in seiner kleinen Schrift zum Anthropozän (Verlagshaus Berlin, 2015) hatte Falb seinen Kollegen eine „konzeptuelle Dichtung“ empfohlen, die statt der genreüblichen Metaphern-Strategien wissenschaftliche Daten und Statistiken in ihre Gedichte aufnimmt. Die Modi ästhetischer Wahrnehmung sollten mit den Realtime-Erkenntnissen der geologischen oder biologischen Wissenschaften synchronisiert werden. Sein Gedichtband „Orchidee und Technofossil“ (kookbooks, 2019) realisiert nun die schrille Umsetzung dieser Poetik. Die vier Zyklen des Bandes liefern statt tradierter Vers-Kompositionen überraschungsreiche Protokolle naturwissenschaftlicher Rohdaten und fachsprachlicher Versatzstücke, versetzt mit poetischen Fragmenten, impressionistischen Mini-Partikeln, Internet-Scripts und allerlei paratextuellem Beiwerk.
    In einem fulminanten Aufsatz in der aktuellen Ausgabe der EDIT (ab sofort online bestellbar unter: https://www.editonline.de/shop/) geht Daniel Falb jetzt noch einen Schritt weiter. Er fordert eine „konzeptuelle Revolution“ in der Gegenwartspoesie, die im 20. Jahrhundert trotz einiger Ansätze ausgeblieben ist. Dieser „konzeptuellen Dichtung“ soll nicht nur das Wissen um die im Anthropozän wirksamen „Formen von Geomacht“ eingeschrieben sein, sondern sie soll auch eine wirkungsvolle Sabotage der institutionellen Grundlagen des Systems Lyrik vollziehen. Die Fragen von ästhetischer Wertigkeit oder Intensität sind hier sekundär geworden. Es geht Falb um „Institutionskritik“, um das explizite Markieren der Verantwortlichen im „planetarischen System der Literaturinstitutionen“, um den eigenen Standort in diesem System sichtbar zu machen. Geistesgegenwärtige Poesie rückt so auf das Feld von Non-Fiction und Wissenschaft: „Für das postkonzeptuelle institutionskritische Gedicht ist es die einfachste Sache der Welt, sich Organigramme anzusehen, Biografien und Stoßrichtung von Schlüsselakteur*innen zu recherchieren, Satzungen und Dokumente zu lesen, Finanzierungsstrukturen zu durchblicken (Geschäftsmodelle verstehen, Steuererklärungen prüfen, Jahresberichte durchgehen usw.), Programme und sonstigen Output zu analysieren, Diversitätsindices zu betrachten…“ – und so weiter. Das primäre Werkzeug für dieses neue, erkenntnishungrige Gedicht ist das von Falb so apostrophierte PoemPhone, das als mobiles, internetfähiges Recherchegerät mit allen verfügbaren Informationen und einer unbegrenzten Menge von kognitiven Apps die paradigmatische Schnittstelle zur Wirklichkeit bilden soll. Was bleibt bei dieser manischen Recherchepraxis noch an Poetizität für das einzelne Gedicht übrig? Diese Frage ist aus der Sicht Falbs obsolet geworden. Die Grenze zwischen den alten Gattungen Lyrik und Prosa hat er längst aufgehoben – am Ende zählen punktuelle Erkenntnisblitze.  
    Der beeindruckende Aufsatz von Daniel Falb wird in der EDIT flankiert von einigen Gedichten und Essays, die direkt und indirekt an seine Überlegungen anknüpfen. Etwa Steffen Popps Anmerkungen zur Kunst des Essays, die tief in die Geschichte der Gattung eintauchen, um für die Gegenwart diverse Formen des Sprachspiels für dieses Genre zu reklamieren: das Verrutschen im Bild, im Ton, in der Geste, die zarte Drehung oder den Kalauer. Dann die Gedichte von Johannes Koch, die wie Daniel Falb von einer Tabula rasa-Situation ausgehen: vom Zusammenbruch der alten (Erkenntnis)Welt und den Unruhen, die aus den Turbulenzen der Gegenwart aufsteigen. Eine fast passgenaue Umsetzung der Falbschen Thesen liefert Jonas Mölzer mit seinem Prosatext „Häutungen“, der sich seine beiden Protagonisten im Grunde nur noch als von der Digitalität entmaterialisierte Gespenster vorzustellen vermag. Die kulturanthropologische Diagnose, die Mölzer den „Erdbewohnern“ stellt, ist wenig schmeichelhaft: Er porträtiert die „transformativen Subjekte“ unserer Gegenwart als reine „Informationsmembrane“, die mit dem Körper verwachsen und eigene Hautschichten ausbilden: „Diese Informationshäute verkrusten, schnüren einem die Luft ab    und man muss sie immer wieder von neuem, unter großen Schmerzen, aufkratzen, aufblättern und abreißen.“ Das ist die neue Literatur im Zeitalter der digitalen Atemnot.   


EDIT, H. 80: Edit e.V., Käthe-Kollwitz-Str. 7, 04109 Leipzig. 125 Seiten, 9 Euro.
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