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Dmitri Strozew: Zwei Gedichte

Lyrik heute
Dmitri Strozew

Zwei Gedichte
aus dem Russischen von Andreas Weihe



wir stritten darüber
wonach altes laub
riecht
nach melone
oder nach gurke

entweder gurke
oder melone
mit einer zutat an
zimt
kümmel
dill
nelken
und dem rausch deiner augen

aber nicht nach pfeffer
nach pfeffer nicht



* * *

der dichter
wie jeder mensch
will verschlafen
all diesen schrecken

er
gleitet unverhofft
in den schlaf
der jünger im garten gethsemane
in den schlaf
der sieben knaben zu ephesus
und wacht
plötzlich auf
im goldenen zeitalter
der poesie harmonie und freiheit
oder
auf dem weg in den GULAG


Dmitri Strozew (geb. 1963 in Minsk) gehört zu den wichtigsten Stimmen der russisch-sprachigen Lyrik in Belarus und Russland. Nach einem Architekturstudium beginnt er Ende der 1980er Jahre Gedichte zu schreiben. Autor von zehn Lyrikbänden, „Russkaja Premija“ für Poesie (2007), Herausgeber der Lyrikreihe „Minsker Schule“, Mitglied des bela-russischen Schriftstellerverbandes und PEN-Zentrums, Kurator des Kulturfestivals „Pame-scha“ („Grenzland“). Strozew ist seit vielen Jahren der Bürgerrechtsbewegung in Belarus verbunden, poetische Kommentare zu den Verhältnissen und Ereignissen in seinem Heimatland nehmen einen wichtigen Platz in seinem Schaffen ein. Die jüngsten Proteste hat er hautnah als Demonstrationsteilnehmer und scharfsinniger Beobachter der Ereignisse miterlebt und dichterisch und publizistisch begleitet.
    Anfang des Jahres 2020 ist eine Auswahl seiner Gedichte in der Übersetzung von Andreas Weihe im hochroth-Verlag erschienen - unter dem Titel: staub tanzend, 44 Seiten, 8,00 Euro.

"wir stritten darüber" Vorabveröffentlichung aus „Ost Südost! Poetische Töne aus Europa“,
herausgegeben von Ralf-Rainer Rygulla und Marco Sagurna; POP Verlag 2021.

"der dichter" in "staub tanzend", hochroth Berlin 2020. 44 Seiten. 8,00 Euro.


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