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Dinçer Güçyeter: Mein Prinz, ich bin das Ghetto

Rezensionen/Verlage


Jan Kuhlbrodt

Dinçer Güçyeter: Mein Prinz, ich bin das Ghetto. Gedichte. Nettetal (ELIF Verlag) 2021. 98 Seiten. 20,00 Euro.

Versuch über den Pfau
oder
Anstatt eines Portraits, das zur Hälfte das Gesicht von Dinçer Güçyeter zeigt, und zur anderen Hälfte das meine


Ganz am Anfang steht die Frage, wie bekomme ich diese Schlangen unter die Cs. Oder kann ich sie einfach weglassen? Wir werden ja vorsichtig in dieser Zeit, wollen uns nicht als Rassisten bezeichnen lassen, die Buchstaben und Zeichen des Fremden einfach so ignorieren. Aber es ist ja auch ganz einfach, wie vieles, das sich als einfach erweist, wenn man es einfach tut. Und da haben wir sie: Dinçer Güçyeter.

Das Fremde ist zuweilen eine Faulheit, ein Unvermögen, eine Knobelei in den Augen dessen, der sich als Hiesiger wähnt.

Dann kommt eine zweite und wesentlich wichtigere Frage: Wie bekomme ich die Exotismus-Erwartung aus meinem Kopf. Wie mache ich aus diesem Pfau auf dem Cover einen heimischen Vogel? Dieses Verlangen, er, der Türke möge die Schwermut meines Vorurteils erfüllen und schreiben, wie es sich für einen Zuwandrer gehört. Dabei ist er ja gar nicht zugewandert, lebt länger in diesem Land als ich. Dennoch für einem Moment …

Und er schreibt über einen, der auf eine Strickjacke in seinem Garten schaut.

auf einem verrosteten Käfig unter Flocken sieht er die grüne Strickjacke/ und denkt/ wie viele unsichtbare Knoten dieses Gedicht doch hat

Aber im Gepäck hat er eine Geschichte und seine Sicht. Die eigene Erinnerung und die erworbene, und irgendwie einen Sound, der mich an die Rembetes erinnert, jene Griechen, die dereinst in Kleinasien siedelten, kifften und lange rote Schals um die Hüften geschwungen hatten. Aber da schmeißt mein ostdeutscher Blick wieder …

alle Schmetterlinge vögeln mich, dieser Blitzschlag ist mein Stöhnen

Die Fremdheit jedoch verliert sich in der Lektüre. Das heißt nicht, dass wir uns angleichen würden, aber ich entdecke an seinem Text mir manches Vertraute und sehe mich in diesem Licht zuweilen selbst als einen Fremden. Dialektik nannten das die Alten, von denen wir gleich weit entfernt sind.

Und Güçyeter spielt Formen durch vom freien Vers bis zum Prosagedicht. Formen, die wir gern in der Moderne ansiedeln, die sich in ihr auch mächtig entfalten. Aber es sind ältere Formen, tradiert in der Sprache selbst, wie Pilze, die bei für sie günstiger Witterung aus dem Sprachmyzel schießen, aus dem was sich in der Geschichte der sich wandelnden Kollektive, der wandernden Kollektive abgelagert hat. Und es ist nicht nur das sprachliche Vermögen, das aufblitzt, sondern in ihm sehr wohl auch die Erinnerung an manuelle Verfahren wie dem Bedienen einer Maschine.

Und vorläufigen Endes eine für mich noch einmal sehr aufregende Frage, auf die ich so schnell keine Antwort weiß, der nachzugehen aber mir noch viel Anregung verspricht.
    Warum kommen mir bei der Lektüre dieser Gedichte folgende Verse Heiner Müllers in den Sinn?

Ungereimt
Kommen die Texte die Sprache verweigert den Blankvers
Vor dem Spiegel zerbrechen die Masken Kein
Schauspieler nimmt mir den Text ab
Ich bin das Drama
MÜLLER SIE SIND KEIN POETISCHER GEGENSTAND
SCHREIBEN SIE PROSA
Meine Scham braucht mein Gedicht.


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