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Dilek Mayatürk: Vorstellungsgespräch

Gedichte der Woche
Foto: Barış Özoğul
Dilek Mayatürk

VORSTELLUNGSGESPRÄCH

Wurde gefragt:
Was sind Ihre Ziele im Leben?

Ich will erfahren, wie ein Hornhecht das Meer zunäht
Mit zwei Stricknadeln an seinem Maul
Ich will sehen, dass zwei Pinguine einander umarmen
– Drei wären natürlich besser –
Ich will die Schlucht mit ihrem Abgrund lieben
Und schreien: Dir ist vergeben!
Dir ist vergeben…  ist vergeben… vergeben… vergeben…
Ich will mein Echo auf mich beziehen.

Die Alm liegt hoch,
Man steigt zu ihr nicht runter, sondern rauf
Das will ich der Alm sagen.
Habe ich Ihnen das erzählt?
Ooh Herr Etna, sagte ich, als ich diesen erhabenen Berg sah
Stromboli war eine aufbrausende junge Frau
Ich erkannte es an ihrem roten Rock.

In einer Grube will ich auf den Zusammenbruch warten
Wissen Sie, der Fisch panzert sich mit seinen Schuppen
Der Mensch mit seinen Sünden.

Und es wäre gut zu wissen:
Ist der Petersfisch glücklicher,
Wenn wir ihn Heringskönig nennen?‘‘

Wurde gesagt:
Wir rufen Sie an.


War ihr deutscher Debütband (Brache, übersetzt von Achim Wagner, Hanser Verlag, 2020) im Original noch auf türkisch, schreibt Dilek Mayatürk seit etwa einem halben Jahr ihre Gedichte, so auch das obige "Vorstellungsgespräch", zweisprachig. Mit diesem wurde sie Zweite im Finale des Wettbewerbs „Wir sind lesenswert“.
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