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Dieter Burdorf: Zerbrechlichkeit

Rezensionen/Verlage


Timo Brandt

Dieter Burdorf: Zerbrechlichkeit. Über Fragmente in der Literatur. Göttingen (Wallstein Verlag) 2020. 136 Seiten. 14,90 Euro.

Fragment als Kultur, Kultur als Fragment


„Und wir: Zuschauer, immer, überall,
dem allen zugewandt und nie hinaus!
Uns überfüllts. Wir ordnens. Es zerfällt.
Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.“
(Rainer Maria Rilke, achte Duineser Elegie)

„Heute, wo es in Trümmer fällt, ist das Kolosseum vielleicht schöner als in den Tagen seines hellsten Glanzes; damals war es nur ein Theater, jetzt hingegen ist es das schönste Wahrzeichen des römischen Volkes.“
(Stendhal, Römische Spaziergänge)

Es gibt davon viele: fast in jedem schriftstellerischen Nachlass gibt es Entwürfe, Anfänge und Ideen zu Werken, die nicht mehr in Angriff genommen oder fertiggestellt wurden; in letzterem Fall spricht man von Fragmenten. Gleichwohl es viele gibt, sind darunter einige bedeutende,  bekannte und häufig rezipierte, bspw. die Romane Kafkas, einige Gedichte von Hölderlin, Jane Austens „Sanditon“, Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“, Ingeborg Bachmanns „Todesarten“, Coleridges „Kubla Kahn“, Büchners „Woyzeck“, etc.

Hinzu kommt noch eine zweite Gruppe von Fragmenten, die zwar (aller Vermutung nach) einmal abgeschlossene Werke waren, aber nur in Teilen überliefert sind. Dies trifft bspw. auf die Werke fast aller hellenischen Lyrik zu – die bekannteste Figur dieser Gruppe ist wohl die Dichterin Sappho. Beide Arten von Fragmenten gibt es selbstverständlich nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Malerei und anderen bildenden Künsten, der Musik und in der Architektur.

Dieter Bursdorf unternimmt in seinem Buch „Zerbrech-lichkeit“ einen Versuch, in sieben essayistischen Texten die Faszination zu durchleuchten, die von Fragmenten (jeglicher Kunstart, wobei Musikfragmente nicht wirklich Thema sind) ausgeht und die Fragen zu stellen, die sich aus den Diskursen über und um das Fragment und aus seiner Materie ergeben. Im Vorwort spricht er sogleich vom „Reiz des Fragments“.

„Diesen Reiz des Fragmentarischen erkläre ich so, dass jedes Fragment uns die Zerbrechlichkeit aller Dinge, besonders der von Menschen geschaffenen Dinge vor Augen führt. Die Zerbrechlichkeit dieser Dinge, die wir ›Artefakte‹ nennen, kann aber immer auch als stellvertretend gelesen werden für alles von Menschen Geschaffene, für die Kultur überhaupt, ja für das menschliche Leben. Mit einem Wort: In jedem fragmentierten Gegenstand werden wir mit unserer eigenen Zerbrechlichkeit oder Fragilität konfrontiert. […]
Zugleich kann aus dem fragmentarischen Gegenstand aber auch der Trost gezogen werden, dass er überhaupt auf uns gekommen ist und nicht vielmehr völlig vernichtet wurde. Das Fragment konfrontiert uns also mit der alles zermalmenden Zeit und mit der Widerständigkeit der überlieferten Dinge gleichermaßen. Wir erfahren uns selbst in diesem Zwiespalt zwischen Bleiben und Überstehen.“

Schnell wird klar, dass es Burdorf nicht darum geht (obgleich er wohlweislich und dosiert hier und da Einwände und Ansprüche hervorhebt, Reflexionen und Überlegungen anbringt) alt-gediehene Konzepte – etwa der Ganzheit oder des Werkes – zu sprengen, für null und nichtig zu erklären. Er stellt das Fragment als Phänomen ins Zentrum, den Rest überlässt er der ambivalenten, aber gleichsam bohrenden Energie der zitierten Ansichten und Beispiele.

Immer wieder kommt er dabei auf die Idee des Fragments als verheißendes Kunstwerk zurück. Er setzt sich dabei mit den Romantikern, vor allem mit Schlegels „Athenaeum“-Fragmenten auseinander, aber eben auch mit den Gedichten Sapphos und zitiert dazu bspw. Judith Schalansky:

„Unversehrt wären uns Sapphos Gedichte so fremd wie die einst grellbunt bemalten antiken Skulpturen.“

Der Fragment-Status, die geheimnisvolle, bruchstückhafte Art (der Überlieferung) wird in Zitaten wie diesen als eigenständige Qualität ausgewiesen, die bspw. Schlegel in seinen Texten künstlich herzustellen, zumindest zu evozieren versuchte. Die Vorstellung vom Fragment als menschlichster Verkörperung in der Kunst zieht sich durch den ganzen Band – gerade eben weil das Fragment unvollständig ist, wie auch das Wesen, das Leben des Menschen

„Das Fragment bewahrt also eine Wahrheit und Identität der Verheißung, die den willkürlichen und daher in gewisser Hinsicht künstlichen Totalitäten unserer historischen Welt abgeht. […] Im Rauschen der winzigen Muschel vernehmen wir das ungebrochene Versprechen der reinigenden See.“
(George Steiner)

und weil, bspw. der Torso einer Statue die Imagination der Betrachter*innen stimuliert, also quasi Raum lässt für die menschliche Eigenart zu träumen, zu hoffen, mehr zu wollen.

„Ob dieses Stück schon ohne Kopf, Arme noch Beine ist, so bildet die Vollkommenheit des übrigen in unseren Gedanken schönere Glieder, als wir jemals gesehen haben.“
(Johann Joachim Winckelmann)

Neben den Abschnitten zu plastischer Kunst (in denen natürlich auch Rilkes bekanntes Gedicht über den Torso Apollons nicht fehlen darf) und die Dichtkunst (hier ist auch das letzte Kapitel über die brüchige Sprache in den Werken von Friedricke Mayröcker, Thomas Kling und Ingeborg Bachmann spannend, das allerdings zu kurz ausfällt, fast selbst wie ein Fragment), sind auch die Abschnitte über Fragmente in der Architektur (bspw. die Ruine als Fragment) erstaunlich anregend, wieder vor allem durch die Zitate und herangezogenen Beispiele, wenn Burdorf bspw. Alain Schnapp über die Ruine sagen lässt:

„Das Bewusstsein der Zerbrechlichkeit des Menschen im Universum und der Umstand, dass die natürliche Welt selbst nichts anderes ist als das Ergebnis einer Reihe von Katastrophen, ist die Grundlage einer Betrachtung über die Natur der Ruinen und das Empfinden der Vergangenheit.“
(Alain Schnapp)

oder Hugo von Hofmannsthals Betrachtungen zu einer griechischen Säule zitiert:

„ihr Dastehen war nichts mehr als ein unaufhaltsam lautloser Dahinsturz“
(Hugo von Hofmannsthal)

oder sich mithilfe von Susan Sontag fragt, warum der Schaden, den Bauwerke (oder überhaupt Kulturgüter) nehmen, manchmal so viel mehr Empathie hervorruft als das Leid von Menschen (und er zitiert die Schriftstellerin Slavenka Drakulić, die über eine in den Jugoslawienkriegen abgerissene, sehr alte Brücke in der Stadt Mostar schreibt, und warum sie ein Foto dieser zerstörten Bücke mehr mitnimmt als die Fotografie einer Toten: „A dead women is one of us – but the bridge ist all of us, forever.“) und dabei auch auf aktuellere Ereignisse wie den Brand der Kathedrale Notre Dame zurückgreift.

Die ganze Studie steht unter dem Oberbegriff „Zerbrechlichkeit“. Zerbrechlich, das sind, wie der Autor richtig anmerkt, sowohl Lebewesen als auch Gegenstände; beide sind stets bedroht von der Zeit und dem Wandel, den mannigfaltigen Regungen, die sie in Gang hält. Und aus dieser Fragilität der Dinge und Menschen speist sich auch erst die Kunst, von der Goethe sagte, sie sei „Widerspiel, sie entspringt aus den Bemühungen des Individuums, sich gegen die zerstörende Kraft des Ganzen zu erhalten“.

Gegen das Ganze schafft der Mensch aus Teilen des Ganzen Werke, die eigentlich von Anfang an Fragmente dieses Ganzen sind. Und man könnte sogar so weit gehen zu sagen, dass das Potenzial jeder Literatur im Fragment liegt, weil sie zwar als Gegenstand im Ganzen überdauern mag, aber in den Köpfen der Menschen meist auf Weniges, an das sich anknüpfen, das sich erinnern lässt (in bestimmten Kontexten), zusammenschrumpft. Oder wie es bei Stephen Spender heißt: „Schaffen ist die erste Silbe von Zerfallen, Halten/ liegt in der Richtung von Verlieren.“

Obgleich er diese existenzielle Dimension nur hier und dort anspricht, steht sie sichtbar im Zentrum von Burdorfs Buch; er legt sie frei, ohne es allein darauf anzulegen. Viel, was seine spannende Studie noch enthält, kann hier nicht mehr verhandelt werden, und so bleibt mir nur, eine Empfehlung auszubrechen: diese sensible und profunde, gelehrte und gleichsam spannende und vor allem anregende Essaysammlung sollte man lesen!


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