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Die Bildstörung

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Die Bildstörung
Drei Briefe anstelle eines Kommentars

Seit Jahren gibt es im Januar eine gewisse Unruhe innerhalb der Lyrikszene im Netz, ob es für das Online-Magazin Fixpoetry erst einmal weitergehen wird, oder nicht. Letztes Jahr stand der Betrieb (bis auf die wechselnden Texte des Tages als kleines Lebenszeichen) im Januar still, weil eine Urlaubsauszeit als Anmahnung genommen wurde, dieses Jahr scheint die Herausgeberin des Portals, Julietta-Ruth Fix, genug von ihren Drohungen zu haben und aufs Ganze gehen zu wollen, wie, falls ja, eine finanzielle Bestätigung und Wertschätzung seitens der Szene, vor allem aber seitens der Behörden, nach einem lockdown tatsächlich aussehen würde, und so kündigte sie an, die Seite bei weiterer Unterfinanzierung bzw. Nulleinnahme staatlicher oder privater größerer Förderungen nicht weiter zu betreiben, und sie setzte Ende November als Ultimatum das Jahresende, den 31. Dezember.

Tatsächlich erschien auf dem Portal sowie auf den dazugehörenden Seiten der sozialen Medien als Symbolbild eine verpixelte Störungstafel wie bei einer vorübergehenden digitalen Bildstörung (also kein analoger Schneeregen) und die Ankündigung, den Betrieb definitiv zum neuen Jahr einzustellen.

Gleichzeitig wurde die Webseite von „Aktuell“ auf „Archiv“ umgestellt, um besser darstellen zu können, was alles Fixpoetry in den 13 Jahren geleistet hat, und um weiter Besucher zu haben, die herumstöbern. Und eine interne Rettungsgruppe unternahm einiges, um eine unterstützende Bewegung hervorzurufen, vor allem aber verfasste sie einen offenen Brief an die Hamburger Kulturbehörde, der Silvester – mit einer langen Unterschriftenliste –, „um das „AUS“ der Plattform rückgängig“ zu machen, verschickt wurde, mit dem Aufruf, sozusagen auch private Initiativen wie Fixpoetry so zu fördern, als seien diese den öffentlich-rechtlichen (etwa den Literaturhäusern, den behördlichen der Poesie, Staatsbibliotheken mit ihren Netzportalen usf.) ähnlich, auch und vor allem in der Bemühung um Stabilität, garantierter Förderung, gesicherter Anstellungsverhältnisse, verabredeter Projektkontingente usf.

Sehr geehrte Damen und Herren des Hamburger Kultursenats,
wir schreiben Ihnen heute diese Mail, in der Hoffnung, dass sich das Ende eines der wichtigsten Portale für Literatur und Lyrik im deutschsprachigen Raum noch verhindern lässt.
Es handelt sich hierbei um die Website Fixpoetry.com.
Die Betreiberin, Julietta Fix, hat vor ein paar Wochen angekündigt, dass sie, aufgrund mangelnder Finanzierung, Fixpoetry Ende Dezember 2020 einstellen muss. Das bedeutet, dass viele Autorinnen und Autoren ein wichtiges Netzwerk verlieren, ein Netzwerk, das zahlreiche Dichterinnen und Dichter erstmals für die Öffentlichkeit überhaupt sichtbar machte. Es bedeutet außerdem, dass die deutschsprachigen Verlage eine wichtige und wertgeschätzte Plattform verlieren, auf der zahlreiche Neuerscheinungen besprochen werden (viele davon haben nur geringe Chancen, im normalen Feuilleton Präsenz zu bekommen, sei es aufgrund der Gattung (Lyrik, Essay) oder aufgrund des Indie-Status der Verlage).
Es bräuchte eine gesicherte Finanzierung von etwa 50.000 € im Jahr, damit Frau Fix die Rezensentinnen und Rezensenten bezahlen und zusätzlich Kräfte anstellen kann, die ihr die Verwaltungsarbeit ein bisschen erleichtern. Wir bitten Sie, falls Sie irgendeine Chance sehen, diese Finanzierung möglichst zeitnah aufzustellen.
Im Anhang finden Sie eine breite Palette von Unterschriften und ein paar ausgewählte Stimmen, die Sie hoffentlich von der Reputation Fixpoetrys überzeugen. Im Namen all dieser Stimmen bitten wir Sie: machen Sie es möglich! Erhalten Sie uns die Plattform. Denn wir brauchen Fixpoetry, auch angesichts der Auswirkungen der Pandemie mehr als je zuvor.
Freundliche Grüße
Johanna Hansen, Kathrin Schadt und Timo Brandt (stellvertretend für die fixpoetry-community)

Einen Tag nach dem Heiligen Dreikönigsfest kam die Antwort der Hamburger Kulturbehörde, ihr Bedauern ausdrückend und dass eine größere Förderung ein anderes Konzept (sprich: andere rechtliche Konstruktion) erfordere:

Liebe Frau Hansen,
vielen Dank für Ihr Schreiben vom 31. Dezember an den Senator und an weitere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen unserer Behörde. Darin äußern Sie Ihre Besorgnis über das Ende der Lyrik-Plattform fixpoetry.com, die seit 2007 von Julietta Fix mit großem Engagement betrieben wurde. Herr Dr. Brosda hat mich als fachlich zuständige Referentin gebeten, Ihnen zu antworten.
Auch wir bedauern die Entscheidung von Frau Fix, können diese jedoch sehr gut nachvollziehen. Viele Menschen schätzen fixpoetry.com sehr, die Hauptlast der Organisation, die Sorge über die Finanzierung und die Verantwortung lag über die Jahre jedoch in den Händen von Frau Fix. Wir sind mit Julietta Fix seit langer Zeit im Gespräch und haben fixpoetry.com auch mehrfach gefördert. Nicht zuletzt hat die Behörde für Kultur und Medien den Gertrud-Kolmar-Preis durch eine Förderung durch den Elbkulturfonds ermöglicht, der Frau Fix sehr am Herzen lag.
In zahlreichen Gesprächen auch mit Frau Fix ist deutlich geworden, dass das organisatorische Konzept von fixpoetry.com überarbeitet werden müsste, um der Plattform eine Zukunftsperspektive zu verleihen. So schön es ist, dass fixpoetry.com so groß und wichtig geworden ist, soviel Arbeit und auch Selbstausbeutung stecken darin.
Wir würden es sehr begrüßen, wenn eine organisatorische Neuaufstellung und Arbeitsverteilung gelingen könnte. Wenn ein neues Konzept vorliegt, sind wir weiterhin gesprächsbereit, wenngleich die Finanzierung einer überregionalen Plattform nicht die alleinige Aufgabe der Stadt Hamburg sein kann. Wir können uns hier beispielsweise auch eine Beteiligung der Verlage vorstellen, deren Publikationen auf fixpoetry.com rezensiert werden.
Mit freundlichen Grüßen
Antje Flemming
Dr. Antje Flemming
Literatur und Literarisches Leben
Freie und Hansestadt Hamburg
Behörde für Kultur und Medien
Hamburg, 07. Januar

Julietta-Ruth Fix antwortete, wie sie so ist und weshalb einige sie auch die unersetzbare Seele der Lyrikszene nennen, spontan:
Sehr geehrter Herr Dr. Brosda, liebe Anke Flemming, sehr verehrte Mitarbeiter-Innen der Behörde für Kultur und Medien in Hamburg,
zunächst möchte ich Ihnen allen ein gutes und gesundes neues Jahr wünschen. Möge es für uns alle wieder besser und leichter werden.
Johanna Hansen, Kathrin Schadt und Timo Brandt, stellvertretend für die Fixpoetry Community, haben mir Ihre Antwort auf den offenen Brief zum Ende der Webseite Fixpoetry weitergeleitet.
Ich halte es für am einfachsten, dass ich auf Ihren Brief antworte, da nicht alle in die detailreiche Arbeit der Seite involviert sind.
Ich habe den Betrieb von Fixpoetry zum 31.12.2020 eingestellt, da mir sämtliche Perspektiven zur Finanzierung der Seite fehlten. Die Schließung des Betriebs hat eine Welle von Bedauern ausgelöst, unzählige LeserInnen haben bedauert, nicht früher einen finanziellen Betrag beigesteuert zu haben, um damit die Seite zu stabilisieren.
Zunächst zur Förderung der Seite durch die BKM Hamburg:
2018 hat die Seite 2500 Euro für das Projekt Sound & Vision erhalten. Wir haben 11 Poesiefilme produziert, die auf Grund der geringen Förderung nur teilweise honoriert werden konnten. Die meisten Arbeiten an dem Projekt waren ehrenamtlich.
2019 haben wir 9000 Euro erhalten, die zur Förderung der Lyrik Kritik eingesetzt wurden. 2019 sind 142 Kritiken erschienen, ginge man davon aus, dass jede Kritik mit 100 Euro honoriert werden müsste, wird klar, wieviel ehrenamtliche Arbeit hinter den Besprechungen der Bücher steckt. Fixpoetry hat trotzdem in all den Jahren alle relevanten Bücher aus dem Genre besprochen. Unser Ziel war es immer, ein unabhängiges Forum zu sein, das für alle Spielrichtungen der zeitgenössischen Lyrik offen ist. Es gab immer ein zusammenführendes Prinzip, nie ein ab- oder ausgrenzendes. Lyrikkritik findet heute deutlich mehr im Netz als im klassischen Feuilleton statt. In der Förderung fällt sie jedoch zwischen die Stühle. Sämtliche Anträge an den Bund, Literaturfonds, etc. wurden ohne Angabe von Gründen abgelehnt.
Außer Besprechungen im Genre Lyrik hat sich Fixpoetry zu einem unabhängigen Feuilleton entwickelt. Wir haben Romane, und Kultur – Literaturwissenschaft-liche Bücher, um nur die am stärksten vertretenen Genre zu nennen, besprochen. Wir konnten in den letzten Jahren erreichen, dass sich der Anteil schreibenden Frauen fast an den männlicher Autoren angeglichen hat. Die Förderung von Frauen stand im Fokus, nicht zuletzt der Gertrud Kolmar Preis hat uns dabei geholfen.
2020 haben Sie uns 1500 Euro angeboten. Ehrlich gesagt, war dieses Angebot ausschlaggebend dafür, die Arbeit an der Seite einzustellen. Ich war immer gerne bereit, alles für die Arbeit zur Förderung der Literatur zu geben. Diese Summe habe ich allerdings als Missachtung meiner Arbeit empfunden. Und nicht nur meiner Arbeit, sondern auch der vielen, die an der Seite mitarbeiten.
Dass Sie uns den Gertrud Kolmar Preis ermöglicht haben, war für mich und alle 1440 teilnehmenden Frauen eine große Anerkennung. Ich glaube, das habe ich Ihnen auch so vermittelt. Allerdings hat dieser Preis, außer Renommee und Anerkennung, Fixpoetry finanziell nicht viel genutzt.
Ihrer Argumentation der überregionalen Ausrichtung kann ich auch nur bedingt folgen. Die Webseite wird in Hamburg produziert, die Chefredaktion sitzt in Hamburg, die Programmierung sitzt in der Stadt, ebenso die Gestaltung der Seite. Zahlreiche Hamburger AutorInnen schreiben für Fixpoetry. Zudem erfüllte es zumindest mich mit Stolz, dass die Aufmerksamkeit für die Seite über die Grenzen der Stadt hinaus, groß ist. Hamburger unabhängige Verlage, die Sie unterstützen, verkaufen ihre Bücher hoffentlich nicht nur in Hamburg, Konzerte, Theater, Kleinkunst wird nicht ausschließlich für Hamburger produziert. Im Grunde genommen ist es großartig, dass die Reichweite von Fixpoetry ganz Europa und sogar Länder wie die USA täglich erreicht hat. Das könnte auch eine Stadt wie Hamburg, die weltoffen weit über die Grenzen Europas strahlt, mit Stolz erfüllen.
Eine Beteiligung der Verlage, deren Bücher wir regelmäßig besprechen, lehne ich rigoros ab und würde ich niemals einfordern. Unabhängige Berichterstattung war mir wichtig und ist Grundvoraussetzung, eine Qualität zu erlangen, die wir in Abhängigkeit nie erreicht hätten. Im Übrigen haben uns auch einige Verlage freiwillig via steady unterstützt.
Sicherlich ist es nicht die alleinige Sache der Behörde für Kultur und Medien in Hamburg, die Webseite zu unterstützen. Ich denke aber, dass eine der Sache angemessene Förderung, auch den Weg ebnen könnte, vom Bund unterstützt zu werden. Es wäre zumindest einen Versuch wert gewesen.
Es gäbe viele Möglichkeiten weiter zu arbeiten, allein die zugesagte LeserInnnen – Unterstützung müsste positiv stimmen. Allein mir fehlt der Glaube daran, langfristig planungssicher arbeiten zu können. Daran würde auch eine Neu-ausrichtung, was immer das heißen mag, nicht viel ändern. Auch die von Ihnen angeregte organisatorische Neuaufstellung ist, wie alles was wir in den letzten Jahren erarbeitet haben, mit Kosten verbunden, die weit über 1500 Euro im Jahr hinaus gehen.
Es fehlt uns nicht an Aufmerksamkeit und Anerkennung, es fehlt uns das Geld. Und solange die Arbeit von Seiten der Behörden, nicht nur der Hamburger Behörden, nicht als relevant betrachtet wird, kann sich nichts ändern. Zu gerne, das versichere ich Ihnen, würde ich auf staatliche Förderung verzichten, aber ohne diese ist diese so wichtige Arbeit jenseits des großen Feuilletons, finanziell nicht darstellbar. Heute nicht und auch in Zukunft nicht.
Fixpoetry wird 2021 noch als Archiv im Netz zu finden sein. Auch das kostet Geld, Serverkosten, einmalige technische Kosten, Fontkosten. Ich bestreite das aus privaten Mitteln. 2022 werde ich abschalten. Die Seite ist bereits heute in Innsbruck archiviert, eine Archivierung in Marbach wird angestrebt.
Ich danke allen, die sich nochmal stark für Fixpoetry gemacht haben.
Sollten Sie Unterstützung aus der finanziellen Misere anbieten können, bin ich gerne - wie so oft schon - gesprächsbereit.
So weit, so weit
Mit den besten Grüßen
Julietta Fix
Julietta Fix
(Redaktion)
Fixpoetry
Wir reden über Literatur
Rothenbaumchaussee 47
20148 Hamburg

Soweit, soweit – noch ist das Symbolbild der Fixpoetry-Seite die Bildstörung.


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