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Des Porphyrios Schrift über die Grotte der Nymphen in der Odyssee

Diskurs/Poetik/Essay > Essay
William Blake: "Die See von Raum und Zeit" - Illustration
zu Porphyrios‘ „Grotte der Nymphen“, Tempera, 1822.
Des Porphyrios Schrift
über die Grotte der Nymphen
in der Odyssee


1          Man wundert sich, was Homer wohl beabsichtigt, wenn er die Grotte von Ithaka mit folgenden Versen beschreibt:

         „Oben am Kopf der Bucht grünt ein Ölbaum, reich an länglichen Blättern.
         Eine Grotte, nicht fern von dem Ölbaum, lieblich und trübe,
         ist den Nymphen geweiht, die man Najaden genannt hat.
Darin sind Mischgefäße und Krüge mit doppelten Henkeln,
steinerne; und die Bienen bereiten darin ihren Honig.
         Dort gibt es auch Webstühle aus Stein, gar hohe, auf denen die Nymphen
         ihre Tücher weben, die meerespurpurnen, ein Wunder zu schauen.
         Strömende Wasser sind da, die niemals versiegen. Einlass bieten zwei Pforten:
bei jener im Norden dürfen die Menschen hinunter,
doch die andere im Süden ist göttlich: diese durchwandelt
nie ein sterblicher Mensch; sie ist der Unsterblichen Eingang.“[1]

2          Des Dichters Kenntnis gründet sich nicht auf geschichtlicher Überlieferung, und das – wie uns Kronios[2] versichert – allein schon nicht, weil so eine Grotte in den niedergeschriebenen Berichten der Insel unerwähnt bleibt. Andererseits wäre Homer, eine Leihgabe der Poesie einmal vorausgesetzt, gewiss so glaubhaft nicht, wenn er aufs Geratewohl mit einem Kunstgriff zu überzeugen hoffte, dass ein menschliches Wesen auf Ithaka einen Weg für Menschen und einen für Gestirnsgötter angelegt habe; oder – falls nicht ein Mensch – die Natur selbst den Menschen den einen Abstieg, den Gestirnsgöttern aber einen anderen Weg weise. Wahrlich, angefüllt mit Menschen und Gestirnsgöttern ist der Kosmos, aber dass nun eine Grotte auf Ithaka einen Pfad für den Abstieg[3] der Menschen und zugleich auch einen für den Aufstieg[4] der Götter enthalte, ist nicht überzeugend.
3          Nach diesen einführenden Worten fügt Kronios an, wie offensichtlich es für den Gelehrten und ebenso für den Laien ist, dass der Dichter auf allegorische Weise spricht, ja mit den Versen einen Wink gibt; Homer nötigt den Leser zu erkunden, wie beschaffen das Tor für Menschen, wie das für Götter ist, welchen Sinn eine Höhle mit zwei Eingängen hat; warum sie den Nymphen geweiht heißt, und sie beides – lieblich und trübe – ist, wo doch Undurchsichtig-Dunkles nicht angenehm wirkt, eher abschreckend; wieso sie nicht einfach den Nymphen geweiht heißt, ohne die präzisere Wendung: 'die man Najaden genannt hat'; warum er Mischgefäße und Krüge mit doppelten Henkeln anführt, wo doch jede Erwähnung von Flüssigkeiten darin fehlt, vielmehr nur die Rede ist, dass Bienen da ihren Honig bereiten wie in Körben. Wir wollen annehmen, die hohen Webstühle seien Votivgaben an die Nymphen; jedoch, warum sind auch sie aus Stein wie die Mischgefäße und Krüge mit doppelten Henkeln, und nicht aus Holz oder anderem Material? Aber dies ist noch der am wenigsten dunkle Teil: Denn dass Nymphen meerespurpurne Tücher an den steinernen Webstühlen weben, ist nicht nur beim Anblick wundersam – dies zu hören, ist es auch. Wer mag schon glauben, dass meerespurpurne Tücher in einer dunklen Höhle an Webstühlen aus Stein von Göttinnen gewebt werden, obendrein wenn erzählt wird, dass diese Tücher sichtbar sind, in der Beschaffenheit des Purpurs vom Meere? Wie die Höhle zwei Eingänge haben mag, einen als Abstieg der Menschen und einen für die Götter, ist gleichermaßen wundersam. Auch ist ein Kuriosum, dass der Einlaß, der für Menschen den Durchgang weist, im Norden sein soll und der für Götter im Süden; man wird wissen wollen, warum Homer die nördlichen Viertel den Menschen und die südlichen den Göttern austeilt, anstatt Westen und Osten, obwohl in fast allen Tempeln die Statuen und Eingänge im Anblick des Ostens zu betreten sind, und wer eintritt, Richtung Westen schaut[5], wenn er vor den Statuen steht, um das Gebet zu verrichten und die Götter zu ehren.
4 Nun, gerade weil der Bericht voller Absonderlichkeiten ist, kann es sich weder um ein beliebiges Stück Dichtung handeln, sagt er; solches wäre ja nicht geeignet, unsere Seele zu lenken; noch um die sachliche Schilderung eines Ortes; nein, der Dichter fügt auf allegorische Weise, mit seiner auf die Mysterien anspielenden Absicht, den Ölbaum nahe bei. Schon die Alten betrachteten es als schwierige Aufgabe, die Stelle zu erforschen und zu erklären; wir nun, für unseren Teil, wollen mit ihrer Hilfe und eigenen Anstrengungen, die Erklärung finden.
       Jene aber, die über den Ort geschrieben und die Grotte und ihre Schilderung für dichterische Erfindung gehalten haben, scheinen recht ahnungslos gewesen zu sein. Es gibt indes andere, die geographische Beschreibungen verfassten, und unter den besten und akkuratesten ist Artemidor aus Ephesos, der im fünften Buch seiner elfbändigen Arbeit schreibt:[6] „Zwölf Stadien[7] östlich vom Hafen von Panormos auf Kephallenia liegt die Insel Ithaka. Sie ist schmal und hoch, in ihrer Länge 85 Stadien, und sie hat den Hafen von Phorkys. Da gibt es einen Strand mit einer den Nymphen geweihten Grotte; dort ist der Ort, wo Odysseus von den Phäaken ans Ufer gesetzt wurde.“[8] Homers Bildwerk könnte also nicht gänzlich erfundene Dichtung sein. Wie auch immer, ob er beschrieb, was präzise da ist, oder ob er eigenes hinzufügte, als die Nachforscher müssen wir uns fragen, welches die Absicht war, entweder von denen, die sie weihten, oder vom Dichter, der sie reich verzierte. Denn die Alten weihten Heiligtümer nicht ohne Erkennungszeichen, die auf die Mysterien hinweisen, und Homer ändert diese nicht aufs Geratewohl. Je mehr man nun zu zeigen bemüht sein wird, dass Homers Grotte kein Stück eigener Dichtung ist sondern den Göttern geweiht vor seiner Zeit, desto eher wird sich dieser Ort voll von alter Weisheit erweisen; aus diesem Grund ist eine Nachforschung verdienstlich und die Erläuterung des Symbolgehalts der geweihten Gegenstände angebracht.

5        Die Alten weihten Grotten und Höhlen sehr angemessen dem Kosmos als Ganzem wie auch in seinen Teilen, indem sie die Erde als Symbol für Materie[9] ansahen, aus dem der Kosmos besteht. (Auf Grund dessen setzten einige nun die Materie selbst mit dem Kosmos gleich.) Sie benutzten symbolisch Grotten, um den Kosmos darzustellen, da dieser aus Materie „geworden“ ist. Und da Grotten meistens naturgegeben nach unten hin mit der Erde zusammen gewachsen sind, innen hohl, umarmt von Gestein gleichen Gemenges, wollten sie zeigen, dass Materie und Erde dasselbe sind; verliert sich doch beider Grenze (nach außen) gleichwie in der Grenzenlosigkeit[10] der Materie. Andererseits ist der Kosmos selbstgeboren und wie eine einzigartige Symphonie verbunden mit der Materie, die sie mit Stein und Fels kennzeichnen, denn diese ist träge und leistet der Form Widerstand; und wegen ihrer Gegenbildlichkeit zur Form kennzeichnete man sie als unbegrenzt. Außerdem ist ihr Wesen der Zustand des Fließens, und für sich allein entbehrt sie der Form, durch die sie dann in Gestalt gebracht und sichtbar werden kann. Deshalb nahm man dementsprechend das Wässerige und Feuchte der Grotten und das Dunkle und – wie der Dichter es nannte – das Trübe, um die Qualitäten zu symbolisieren, die der Kosmos, mit Stoff umgrenzt, der Materie verdankt.            6          Denn nur durch den Stoff ist der Kosmos neblig-trübe und dunkel, jedoch durch die mitwirkende Begleitung der Form und ihre zusammenhängende Ordnung, nach der ja der Kosmos benannt wird (als Ordnung)[11], ist er schön und angenehm gestützt. Deshalb nun mag er als ‚passierbare‘ Grotte (für Übergänge) angemessen umschrieben sein, wenn man das erste Mal dorthin kommt, denn er hat ja Anteil an der Form, aber auch als dämmrig,[12] wenn man seine Schwelle überschreitet und die innere Substanz des Fundaments untersucht, die Ebene des Geistes berührend; so dass die äußere Oberfläche angenehm (passierbar), die Tiefen und sein Inneres aber geheimnisvoll dunkel sind. Aus diesem Grund nennen die Perser den Ort, wo sie die Mysten rituell den Mysterienweg gehen lassen, Höhle; ihnen den Pfad enthüllend, den die Seelen (von den Sternen) hinabsteigen und umgekehrt auch wieder hinauffinden können beim Aufstieg. So sagt Eubulos, dass Zoroaster der erste war, der eine natürliche Höhle zu Ehren des Mithras wählte, dem Schöpfer und Vater von allem; diese füllte sich schon ohne Weihen in den Bergen mit blühender Pracht und dahinsprudelnden Quellen. So barg die Höhle den Kosmos, den Mithras erschaffen, als Gleichnis in sich unter der Erde, und danach auch die Kultgegenstände, die richtig gestaltet kosmische Symbole für die Elemente und die Weihegrade waren. Dann eiferten andere dem Zoroaster nach, führten in der Tat in Grotten und Höhlen, ob natürlich oder von Menschenhand, in ihren Initiationen das Ende (den Exodus)[13] herbei. So wie sie den Olympiern Tempel, Götterbilder und Altäre stifteten, den chthonischen Gottheiten und Heroen Opferherde, den Unterirdischen dagegen Gruben und innerste Gemächer, so weihten sie dem Kosmos Grotten und Höhlen. Sie weihten auch Grotten den Nymphen, wegen der Wasser nämlich, die entweder von oben oder von unten fließen; denn es sind die Najaden, die – wie wir in Kürze sehen werden – solche Wasser bewohnen, die sprudeln und rieseln.

7          Jedoch machten die Alten, wie wir ausführten, die Grotte nicht allein zum Symbol des Kosmos aufgrund ihrer sichtbaren Zeugungskraft, sie gebrauchten vielmehr das Symbol auch für alle unsichtbaren Kräfte, denn Höhlen sind finster, und das Wesen ihrer Kräfte ist verborgen. So bereitet Kronos eine Grotte im Ozean, dort versteckt er sich und seine Kinder. Auch Demeter nährt und zieht in einer Grotte unter Nymphen das „Mädchen“ auf,[14] und man wird viele ähnliche Beispiele in den Schriften der Theologen finden.

8          Grotten waren den Nymphen geweiht, vor allem den Najaden oder Wassernymphen, die – indem sie Quellen bewohnen – diesen Wassern auch zugleich den Namen geben, weil sie der Lebensströme Ursprung sind; das zeigt auch eine Hymne auf Apollon, die so geht:

„Auf Euch denn, die ihr wasserliebend aus Quellen taucht
und der Erde eingedenk als Tempel Grotten unten habt,
aufgezogen vom Hauch der Musen
nach göttlichem Wort. Schlugt aus dem Boden
hervor manchen Fluss, donnernd gibt er
preis den blutströmend Sterblichen der süßen Wogen
erquickliches Nass.“
          
Davon ausgehend zeigten, denke ich, sowohl die Pythagoreer wie nach ihnen Platon, dass der Kosmos eine Grotte und eine Höhle ist. Denn bei Empedokles sagen jene die Seelen geleitenden Kräfte:

„Wir gelangten in diese überdachte Höhle“,[15]

und auch Platon sagt in seinem „Staat“:[16] „Sieh nämlich Menschen wie in einer unterirdischen, höhlenartigen Wohnung, die einen gegen das Licht geöffneten Zugang längs der ganzen Höhle hat.“ Und als der Zwischenredner bemerkt: „Ein gar wunderlich Bild“; führt er in seiner Rede fort: „Dieses ganze Bild nun, lieber Glaukon, musst du mit dem früher gesagten verbinden, die durch das Gesicht uns erscheinende Region der Wohnung im Gefängnisse gleichsetzen und den Schein von dem Feuer darin der Kraft der Sonne.“[17]

9     Diese Beispiele nun zeigen, dass die Theologen Grotten symbolisch dem Kosmos und den kosmischen Kräften gleichsetzten; aber wir erkannten, wie sie diese auch mit nur geistig wahrnehmbaren Wesenheiten in Verbindung brachten; allerdings kamen sie zu diesem Schluss nur im sicheren Hafen der Selbst-Erkenntnis. Einerseits machten sie Höhlen zum Symbol des sichtbaren Kosmos, weil diese dunkel, felsig und durch und durch feucht sind. Der Kosmos sei so beschaffen wegen der Materie, an der er teilhat, weil diese abbildend ist und fließend. Zugleich aber machten sie Grotten zum Symbol der noetischen Wesenheit ‚Kosmos‘ wegen seines verborgenen Bewusstseins und seiner Dauerhaftigkeit und Stärke. Auch wegen der aufgespaltenen, überall verteilten Kräfte, wegen der unsichtbaren besonders, die sich in und an der Materie befinden. Natürlich kamen noch die Symbole für das Düstere, Nächtliche, Heimliche und hinübersetzend Jenseitige hinzu, keineswegs   10   wegen des äußeren Erscheinungsbildes, wie man glauben könnte, da nicht jede Grotte kugelförmig ist. Wenn es sich um eine Doppelhöhle handelt, wie die bei Homer mit den zwei Eingängen, machten sie daraus kein Symbol für vernunftbegabte sondern für sinnliche Wesen; also könnte die zur Rede stehende Grotte mit ihren, wie der Dichter sagt, „strömenden Wassern, die niemals versiegen“, nicht als Symbol für wahrnehmbare Substanz sondern für das unsichtbare, in der Materie eingebundene Sein stehen. Deshalb sind die Nymphen, denen die Grotte geweiht ist, keine Bergnymphen oder Nymphen der Höhe oder anders beschaffene, sondern Najaden, die ihren Namen vom fließenden Wasser erhalten.
           Im engeren Sinne sind es die dem Wasser vorstehenden Kräfte, die wir Najaden-Nymphen nennen, aber die Alten geben diesen Namen gewöhnlich all den Seelen, die (aus den Sternensphären) absteigen in die Geburt. Denn sie meinten, dass die Seelen sich auf dem Wasser niederlassen, weil es vom Hauch (Pneuma) Gottes beseelt ist, wie Numenios[18] sagt; hierzu wählt er die Worte des Propheten, „und der Geist Gottes schwebte über den Wassern“.[19] Die Ägypter, sagt er in diesem Zusammenhang, stellen alle höheren Daimonen nicht auf festen Boden sondern auf eine Barke gestellt dar, die von der Sonne[20] verwendet wird und ebenso, um es kurz zu machen, von einfach all den vielen. Wir müssen nämlich erkennen, dass es sich dabei um Seelen handelt, die über der Feuchtigkeit schweben, also um Seelen, die absteigen ins Werden. Er führt dazu Heraklit an, der sagt: „Seelen ist es Lust oder Tod feucht zu werden.“[21] Die Lust bestehe aber in ihrem Eintritt in das Leben. Anderswo aber sagt er: „Wir leben jener, der Seelen, Tod und jene leben unsern Tod.“[22] Und er nimmt an, dass dies der Grund ist, warum Homer jene, die in die Geburt treten, „nass“ nennt, denn sie haben ihre Seelen „feucht“ gemacht. Blut und feuchte Saat sind jenen Seelen lieb; es werden ja auch durch Wasser die Seelen der Pflanzen genährt.  11  Manche bekräftigen das damit, dass jene in der Luft und im Uranos auch gespeist und damit festgemacht werden, also durch Dämpfe von Strömen und Flüssen gerinnen und durch andere Arten von Emporgehauchtem. Die Stoiker dachten, die Sonne werde durch die emporgehauchte Ausdünstung des Meeres genährt, der Mond durch Quell- und Flussdämpfe und die Sterne durch die emporgehauchte Ausdünstung der Erde. Deshalb umschrieben sie die Sonne als etwas vom Meere wahrnehmbar Vermischtes, den Mond als von den Wassern der Flüsse und die Sterne als vom Dunsthauch der Erde wahrnehmbar Vermischtes. Denn für die Seelen ist es Schicksalsbeschluss, ob sie nun körperliche Wesen sind oder unkörperliche, die aber einen Körper an sich ziehen, dass sie nämlich zur Feuchtigkeit neigen und durch Nasswerdung sich verkörpern; dies ist besonders jenen auferlegt, die sich an Blut und wässerige Körper binden. Aus diesem Grund werden die Seelen der Toten mit einem Aufguss von Galle und Blut beschworen, zumal körperliebende Seelen ihre Feuerlohe (ihr Pneuma) voller Nässe mit sich schleppen und sich zu einer Wolke verdichten, denn Feuchtigkeit, die in der Luft kondensiert, bildet eine Wolke; und wenn sich in ihnen der Lebenshauch (pneumatische Körper) durch ein Übermaß an Wässerigem verdichtet, werden sie sichtbar. Solcher Art beschaffen und der Strafe auferlegt, macht der Lebenshauch die Erscheinung des gestalteten Abbilds sichtbar für jene, die davon befleckt werden gemäß ihrer Einbildungskraft. Aber reine Seelen sind der Geburt abgeneigt, und Heraklit selbst stimmt ein: „Trockner Glast: weiseste und beste Seele“.[23] Und so sagt man, bei seinem Wunsch nach vermischender Begattung sinkt der Lebenshauch ins Wässrige und wird nass; und das feuchte Element gewinnt dabei die Oberhand, sobald auch die Seele feuchten Dampf an sich zieht, wegen ihrer Neigung zur Geburt. 12  Seelen nun, die zur Geburt kommen, sind Najadennymphen. Solches veranlasst auch zum Brauch, die Bräute „Nymphen“ zu nennen, weil sie verheiratet sind mit dem Werden, und über sie ein Wasserbad zu schütten aus Quellen oder Flüssen oder Springbrunnen, die nie versiegen. Aber für Seelen, die in den Körper gelangen, und für die Daimonen (Genien), die der Geburt voranstehen, ist der Kosmos heilig und angenehm lieblich zugleich, obwohl seine Natur schattig und nebelig-trübe ist; und deshalb wurde von diesen Seelen zweierlei angenommen: dass sie wie trüb-nebelige Luft seien, als auch aus der Luft ihr Dasein ziehen. Demnach wäre dann eine Grotte, lieblich und trübe, die angemessene Einsegnung für diese auf der Erde, als ein Abbild und Gleichnis des Kosmos, dem als einem großen Tempel Seelen innewohnen. Und die Grotte mit nie versiegendem Wasser wäre ebenso tauglich für die Nymphen, die der immerfließenden Wässerigkeit voranstehen.
13      Wir dürfen nun davon ausgehen, dass in diesem Fall die Grotte den Kehrtwendungen der Seele im Kosmos geweiht ist, sowie speziell für den Teil von Kräften, den Nymphen, die den Flüssen und Quellen vorstehen und die deshalb Quellnymphen und Najaden genannt werden. Da dem so ist, welches sind dann die Unterscheidungsmerkmale einerseits für Seelen und andererseits für Wasserkräfte, so dass wir die Grotte als für beide geweiht auffassen können? Nehmen wir die steinernen Mischgefäße und Krüge mit doppelten Henkeln als Symbole für die Wassernymphen. Wahr ist, dies sind Symbole des Dionysos, aber sie sind dann aus Ton gemacht, aus Erde, die gebrannt[24] worden ist. Erst dann sind sie richtig wie der Weinstock das Geschenk des Gottes, zumal die Frucht der Weinrebe reif wird durch himmlisches Feuer.          14   Jedoch steinerne Mischgefäße und Krüge mit doppelten Henkeln sind ganz und gar passend für die Nymphen, die ja das Wasser lenken, das Steinen entspringt. Welches Symbol könnte zudem entsprechender sein für Seelen, die absteigen in die Geburt, und für die Körpererschaffung als – Webstühle? Deshalb war der Dichter kühn genug zu sagen, dass auf diesen sie „ihre Tücher weben, die meerespurpurnen, ein Wunder zu schauen.“ Denn die Fleischbildung findet auf Knochen und um Knochen herum statt, und Knochen sind der Stein, der alles verknüpft. Aus diesem Grunde wurden auch die Webstühle als steinern bezeichnet und nicht aus einem anderen Material. Und die meerespurpurnen Tücher werden offensichtlich das aus Blut gewebte Fleisch sein. Nun, wollene Tücher sind meerespurpurn aufgrund des Blutes, weil ja die Wolle gefärbt wird im Blute von animalischem Leben; also ist Wolle Blut und zwar Blut, aus dem das Fleisch geformt ist. Und der Körper ist das Tuch der Seele, das sie kleidet, wirklich ein Wunder zu schauen, ob man nun seine Beschaffenheit erwägt oder sein Band an die Seele. So wird auch bei Orpheus das Mädchen,[25] das über allem wacht, was eingenäht wird, an einem Webstuhl wirkend beschrieben; und die Alten sprachen sogar von den Himmeln als Prachtgewand, als würden sie wie ein Manteltuch die himmlischen Götter umschlingen.
15      Jedoch, warum sind die Krüge mit doppelten Henkeln nicht gefüllt mit Wasser sondern mit Honigwaben? Sagt er doch: „die Bienen bereiten darin ihren Honig.“ Das Verbum tithaibôssein (Honig bereiten) bedeutet tithenai tên bosin (Futter zubereiten); und Honig ist die Nahrung der Bienen. Die Theologen machen in der Tat vom Honig für sehr unterschiedliche Symbole Gebrauch, weil er eine Zusammensetzung mancher Kräfte ist, durch diese Kräfte sowohl reinigend[26] wie bewahrend. Vieles wird vor Fäule[27] durch den Honig geschützt, und chronische Wunden werden durch Honig gesäubert. Weiter, er ist süß im Geschmack und gesammelt aus der Blüte von Bienen, deren Geburt mit dem Stieropfer zusammengehört.[28] In den Mysterien des Löwengrades, wenn Honig anstatt Wasser zur Reinigung auf die Hände der Mysten gegossen wird, werden also diese ermahnt, sie rein zu halten von allem, was traurig macht, schädlich und unrein ist. Und zumal er in die wahrhaft kathartische Wirkung des Feuers eingeführt wurde, wenden sie bei ihm eine reinigende Waschung als entschuldigende Fürsprache an, weil sich das Wasser mit dem Feuer in ihm verfeindet hatte.   16   Sie gebrauchen Honig auch, um die Zunge von aller Schuld zu reinigen. Wenn sie aber auch dem Weihegrad des Persers,[29] als dem Wächter des ganzen Werks,[30] Honig anbieten, sind es die (dynamischen) göttlichen Kräfte, die sie symbolisch mit dem Honig andeuten. Aus diesem Grund stellten manche Nektar und Ambrosia[31] dem Honig gleich, die der Dichter die Nasenlöcher heruntertropfen lässt,[32] um die Toten vor der Verwesung zu schützen, denn Honig ist die Speise der Götter. Daher spricht er irgendwo von „rotfunkelndem Nektar“. Denn das ist die Farbe des Honigs. Mehr über den Nektar, ob er nun als Honig zu verstehen ist oder nicht, werden wir andernorts näher untersuchen. Bei Orpheus wird Kronos durch Honig von Zeus gefangen genommen. Denn abgefüllt mit Honig, ist er trunken und betäubt, als wär es Wein, und schläft wie der „Reichtum“[33] bei Platon, übersättigt vom Nektar, „Wein gab es ja noch nicht“. Bei Orpheus sagt die Nacht, wenn sie dem Zeus diese Honigfalle preisgibt:
      „Alsbald im Holz unter der hochbelaubten Eiche, um es ihm abzuschneiden, trunken vom Werk der lautdröhnenden Bienen, binde ihn.“[34] Solches geschieht mit Kronos, und abgefüllt mit Honig wird er gefesselt und entmannt wie Uranos; wobei der Theologe hier darauf abzielt, wie durch die Sinneslust Göttliches gefesselt und hinabgezogen wird in die Geburt; geschwächt durch den Genuss, werden die göttlichen Kräfte wie Samen ausgegossen. Also wird Uranos von Kronos entmannt, weil er zur Erde hinabsteigt in seiner Begierde nach sinnlichem Verkehr. Die Alten stellten den Honig, wegen der täuschenden Kraft, durch die auch Kronos zur Verschneidung kam, dem Vergnügen des Beiwohnens gleich. So ist Kronos mit seiner Sphäre[35] der Erste, der sich gegen den Himmel (Uranos) stellt. Nun, tatsächlich steigen vom Himmel wie von den Planeten die Kräfte herab.  17      So empfängt diese vom Himmel Kronos[36], und von Kronos Zeus[37]. Zumal nun Honig zum Kennzeichen für Reinigung geworden ist, als ein Wächter gegen Fäulnis angesehen wird und gegen die Wollust, abzusteigen in die Geburt, ist er angemessen für Wassernymphen, damit er auch die unverdorbene Natur des Wassers verdeutlichen kann, dem jene vorstehen, sowie die reinigenden Kräfte selbst, sowie ihr Zusammenwirken mit dem Werden; denn das Wasser nimmt teil am Prozess der Geburt. Deshalb bereiten die Bienen ihren Honig gerade in den Mischgefäßen und Urnen mit doppelten Henkeln; denn Mischgefäße tragen ein Symbol des quellenden Ursprungs in sich, ebenso das Mischgefäß neben Mithras, das anstatt eines Brunnens dargestellt ist. Die Urnen mit doppelten Henkeln aber sind Symbole für die bindenden Gefäße, mit denen wir das Wasser aus der Quelle schöpfen:  18 Quellen und Bäche sind geeignete Wohnorte für Wassernymphen; um so mehr, sobald es sich um Nymphen handelt, im Sinne von Seelen, von den Alten auf besondere Weise Bienen genannt – die sich an ein körperliches Gefäß[38] und die Sinne klammern, um wollüstig ihrer Suche nachzugehen. So ist Sophokles, wenn er über die Seelen spricht, nicht unangemessen:[39]
       
„Tönend und schwirrend reißt es den Bienenschwarm Erstarrter[40] nach oben           hinweg.“[41]

Die Priesterinnen der Demeter, als Eingeweihte der chthonischen Göttin, wurden ebenso von den Alten Bienen genannt und das „Mädchen“[42] selbst wurde „Honigsüße“ gerufen; und der Mond,[43] der Werden und Geburt lenkt, wurde von ihnen Die Biene genannt, besonders weil der Mond auch als Stier bekannt ist, selber erhöht im Zeichen des Stieres steht, während Bienen ochsengeboren sind. Also werden auch Seelen, die absteigen zur Geburt, Ochsengeborene genannt, und Rinderdieb der Gott, der bei der Geburt gellend tönt.[44] Endlich machten die Alten Honig zum Symbol des Todes, (und so brachten sie Opfergüsse von Honig den chthonischen Göttern dar). Galle dagegen wurde zum Symbol für die Lebenszeit, entweder zum Andenken, dass es – solange die Seele durch Sinnenlust zugrunde geht – das Bitter-Eindringliche ist, das sie wieder ins Leben zurückruft, (deshalb bringen sie den Göttern die Galle dar,) oder daran, dass das Leben in   19  dieser Welt hart und bitter ist, während der Tod von Sorgen erlöst. Dennoch nannten sie nicht ohne weiteres alle Seelen, die zur Geburt hinabsteigen, Bienen, vielmehr nur jene, die im Begriff waren, in Gerechtigkeit zu leben, sich emporzuheben und zurückzukehren (zu den Sternensphären), nachdem sie vollbracht hatten, was den Göttern lieb ist. Denn solch ein Tier (die Biene) liebt die Wandlung und kehrt gern um und ist besonders gerecht und besonnen.[45] So wie die Opfergüsse mit Honig besonnen machen. Auf Bohnen setzen sich die Bienen nicht, diese wurden von den Alten zum Symbol für jene Geburt genommen, die in einer direkten Linie ohne Neigungen verläuft, denn die Bohnen sind beinahe einzigartig unter den Pflanzen in ihrem unermüdlichen Sprießen zum Einen, ohne in ihrer Mitte durch versperrende Samenkeime gehindert zu werden. So sind Honigwaben gemeinsam mit Bienen angemessene Symbole für Wassernymphen sowie für Seelen, die Bräute für die Geburt werden.    20    Vormals, in den frühesten Zeiten, noch bevor man überhaupt an Tempel dachte, wurden Höhlen und Grotten den Göttern geweiht, so die Höhle der Kureten für Zeus auf Kreta, in Arkadien für Selene, und in Lykien für Pan, auf Naxos dem Dionysos, auch dort wo Mithras erschaut wurde, überall, eigneten sie dem Gott eine Höhle zu. Was die Höhle von Ithaka betrifft, war Homer keineswegs damit zufrieden, bloß die zwei Pforten zu nennen, sondern er beschreibt, dass eine im Norden, die andere im Süden liegt; die nördliche schildert er als Abstieg, für die südliche indes, ob auch sie nun ein Abstieg oder nicht, gibt er kein Anzeichen; nur sagt er:
                                                              
„diese durchwandelt
           nie ein sterblicher Mensch; sie ist der Unsterblichen Eingang.“

21        So bleibt es uns überlassen, dem Ratschluss nun derer nachzugehen, die sie weihten, falls des Dichters Kunde den Nachforschungen entspricht, oder andernfalls dem Rätsel, falls das Beschriebene nur Bildwerk ist. Numenios und sein Freund Kronios erklären, indem sie die Grotte zum Ebenbild und Symbol für den Kosmos nehmen, dass zwei einzigartige Deklinationen als Grenzen in den Himmeln sind, zum einen die winterliche Beugung, für die nichts südlicher ist, dann die sommerliche Neigung, für die nichts nördlicher ist.[46] Der sommerliche Wendepunkt ist im Krebs, der winterliche Wendepunkt im Steinbock. Da der Krebs sich flach auf der Erde windet, wurde ihm vernünftig der Mond zugewiesen, der ebenso der Erde am nächsten ist; und da noch dazu der südliche Pol wahrlich verborgen ist, wurde dem Öffner der Schranken,[47] dem obersten der Planeten, der Steinbock zugewiesen.    22   Die Aufstellung der Tierkreiszeichen ist ja in folgender Besetzung an Bord genommen: vom Krebs zum Steinbock als erster der Löwe, als Haus der Sonne; dann die Jungfrau, das Haus Merkurs;[48] Waage,[49] das Haus der Venus;[50] Skorpion, das Haus des Mars;[51] Schütze, Jupiters[52] Haus; Steinbock, das Haus Saturns.[53] Dann vom Steinbock zurück, wurde Wassermann dem Saturn zugewiesen, Fische dem Jupiter, Widder dem Mars, Stier der Venus; Zwillinge dem Merkur, und schließlich Krebs dem Mond. Die Theologen sprachen von diesen beiden, Steinbock und Krebs, als zwei Pforten; und Platon nannte sie Spalten.[54] Über sie sagen Numenios und Kronios, das Tor, durch das die Seelen absteigen, ist der Krebs, aber durch den Steinbock steigen sie auf. Denn der Krebs ist ja nördlich und absteigend, derweil der Steinbock südlich und aufsteigend ist.   23   So sind die nördlichen Gefilde für Seelen, die absteigen in die Geburt, und, in gerader Linie fortgesetzt, sind die nördlichen Pforten der Grotte für den Niederstieg der Menschen. Die südlichen Gefilde, für die Himmlischen, dagegen sind nicht für aufsteigende Götter, sondern für jene, die aufsteigen zu den Göttern; aus selbigem Grund sprach der Dichter nicht von einer Schwelle für Götter sondern für Unsterbliche – denn dies ist gemeinsamer Besitz auch für Seelen; sie sind in ihrer Wesenheit als Selbst unsterblich. Numenios sagt, dass Parmenides in seiner Naturlehre[55] ebenso die zwei Tore erwähnt, wie es auch die Römer und Ägypter tun. Denn die Römer feiern die Saturnalien,[56] wenn die Sonne im Steinbock hervorgebracht wird. Beim Feiern nehmen die Sklaven Haltung und Gestalt der Freigeborenen an und alles wird in Gemeinschaft unternommen. Der Gesetzgeber preist damit an, dass auf diese Weise, beim saturnalischen Festtanz sowie während der Zeit des dem Saturn[57] bestimmten Hauses[58] überhaupt, durch dieses Himmelstor jene, die nun Sklaven sind von Geburt, eines Freien würdig werden, wenn sie nur wieder zum Leben aufsteigen und sterbend dorthin übergehen. Aufsteigend wird ihnen, ihrer Meinung nach, der ziegengesichtige Pfad gangbar[59]. Weil sie das mit einer Tür versehene "ianua"[60] nennen, begrüßen sie jenen Monat, der mit dieser Tür versehen ist, als Januar; denn in ihm erhebt sich die Sonne durch das Tor als Morgenröte und kehrt,        24            sich wendend, zu den nördlichen Gefilden dahin. Aber für die Ägypter ist nicht der Wassermann der Anfang des Jahres, wie für die Römer, sondern der Krebs. Denn nahe dem Krebs ist Sothis,[61] den die Hellenen Hundsstern nennen. Für sie ist der Aufgang des Sothis ein Neuanfang, mit dem das Opfer der kosmischen Geburt beginnt. Homer nun hat die Tore der Grotte nicht dem Osten oder Westen gewidmet, auch nicht den Gleichschenkligen,[62] Widder und Waage, viel mehr dem Süden und Norden; und dabei dem Süden das südliche, dem Norden das nördliche Tor, denn die Grotte war den Seelen und Wassernymphen geweiht; und für Seelen sind dies bei der Geburt wie beim Dahinscheiden die geeigneten Plätze.
           Die Gleichschenkligen wurden als das geeignete Lager für Mithras bezeichnet. Deshalb trägt er das Opfermesser für den Widder,[63] das Zeichen des Mars;[64] auch sitzt er auf einem Bullen, wobei der Stier der Venus[65] zugeordnet wird. Als Demiurg und Herrscher über das Werden hält er den äquinoktialen Kreislauf umfasst, rechter Hand den Norden, zur linken den Süden; im Süden schaut man noch Cautes,[66] wegen der quellenden Hitze dort; und im Norden Cautopates,[67]    25 wegen der kühlen Frische des Winds. Begreiflicherweise sind die Seelen, die in die Geburt gehen, sowie jene, die sich davon absondern, zu Gefährten der Winde gemacht worden, denn diese ziehen sie an, ebenso die Feuerlohe[68], wie manche vermutet haben, denn sie sind fähig, Wesenhaftes innezuhaben. Der Nordwind aber ist geeignet für Seelen, die in die Geburt gehen. Und deshalb ist es der Hauch und Atem des Nordwinds beim Eintreten des Todes, der

„Wehte umher Erfrischung dem matt arbeitenden thymós“,[69]

während das Wehen des Südwinds das Leben abtrennt. Denn der eine fügt es fest zusammen, aufgrund seiner Kälte, und schließt es in die Kühle der chthonischen Geburt wie in ein Gefäß ein; der andere aber löst es, aufgrund seiner Wärme, und schickt es hinauf in die himmlische Glut. Zumal unser Vaterland, das wir bewohnen, mehr im Norden liegt, ist es eine Naturnotwendigkeit, dass die hier Lebenden mit dem Wind des Nordens Umgang haben; dagegen wenn sie ihr Opfer darbringen, indem sie sich loslassen, mit dem Südwind. Dies ist auch der Grund, dass der Nordwind beim Schlachtruf stark vorangeht, und der Südwind wiederum, wenn das Getöse sich besänftigt. Der eine verbrennt wahrlich geradezu die im Norden Wohnenden, der andere entzündet nur in seiner Dauer. 26 Zögerlich nur entfernt er sich, ständig fließend. Und voll wird er erst, alsbald er sich gesammelt und vereinigt hat. Weil nun Seelen durch das nördliche Tor in die Geburt fließen, haben sich die Alten diesen Wind als verliebt vorgestellt. Und dass er

(selbst, von den Reizen entbrannt der weidenden Stuten,)
„Gattete sich, in ein Ross mit dunkeler Mähne gehüllet,
Und zwölf mutige Füllen gebaren sie seiner Befruchtung.“[70]  

Und es geht das Gerücht, er habe selbst Oreithyia[71] geraubt und zeugte mit ihr Zetes und Kalais.
      Der Süden hingegen ist den Göttern zugeteilt, und man zieht in den Tempeln der Götter mittags zum Süden hin die Vorhänge zu, also darüber Wache haltend, wie es bei Homer gefordert wird. Denn es ist für Menschen wider das göttliche Recht, die Tempel aufzusuchen, derweil das heilige Vorzeichen[72] sich dem Süden zuneigt,    27   jedoch ist es die Schwelle für Unsterbliche. Jedenfalls stellt man das Zeichen für Hochmittag und Süden vor dem Türflügel auf, wenn der Gott auf der Mittagshöhe ist. Folglich ist es ebenso unerlaubt, zu welchem Zeitabschnitt auch immer, an sonstigen Durchgängen zu plaudern, namentlich in Anwesenheit heiliger Pforten; und so haben die Pythagoreer wie die Weisen unter den Ägyptern das Sprechen während des Durchgangs durch Türen und Pforten verboten; vor Gott als dem Ursprung aller Dinge, die Gestalt angenommen haben, in Ehrfurcht schweigend.

Und auch Homer weiß von der Weihe der Türen, das verkündet doch Euenos, der die Türen schlägt, um Schutz zu erflehen:

"Rüttelnd die festeinfugende Pfort' und jammernd zum Sohne."[73]

Und er weiß von himmlischen Toren, die beaufsichtigt werden von den Horen;[74] diese haben das Vermögen, an Ort und Stelle Wolken zu sammeln, und sie werden von Wolken geöffnet und verriegelt:

           „Dass sie die hüllende Wolk' itzt öffneten, jetzo verschlössen.“[75]

Und sie brüllen und krachen wie Donnerschläge durch die Wolken.

„Und aufkrachte von selbst des Himmels Tor, das die Horen hüteten,“[76]

28  Auch spricht er irgendwo von den Sonnentoren und versiegelt damit Krebs und Steinbock. Denn solange die Sonne bis zum Nordwind vorrückt, steigt sie im Süden ab, von dort dann wieder im Norden hinauf. Steinbock und Krebs sind die Enden der Milchstraße,[77] sie einschließend und umfassend, Krebs im Norden und Steinbock im Süden. Das Land der Träume ist laut Pythagoras aus Seelen zusammengefasst, die in der Milchstraße gesammelt werden; und diese wird so bezeichnet, weil jene mit Milch[78] gespeist werden, wenn sie in die Geburt gefallen sind. Deshalb auch bringen die Seelenführer Opfergüsse dar aus Honig, vermischt mit Milch, mit der Bedeutung von Sinnenlust, da jene ihretwegen in die Geburt gelangt sind. Milch ist in dieser Weise auf Erzeugung gegründet.
     Überdies machen die südlichen Gegenden fürwahr kleine Körper, denn gewöhnlich dörrt die Wärme sie am liebsten und macht sie deshalb ganz klein und ausgetrocknet. In den nördlichen Gegenden jedoch sind alle Leiber kräftig gewachsen. Das beweisen die Kelten, Thraker und Skythen, deren Land sehr feucht ist und zahlreiche Mengen von Weideland hat. Selbst der Name des Nordwinds[79] kommt von dem Wort „Speise“ her; und Speisen ist ein Begriff für Nahrungsaufnahme. Der Wind, der aus einer Gegend bläst, reich an Nahrung, wird also Wind des Nordens[80] genannt.  29  Während die nördlichen Gegenden demnach dem Geschlecht der Sterblichen angemessen sind, weil sie dem Werden unterliegen, sind die Gegenden im Süden für die Göttlicheren; gerade so wie die östlichen für Götter und die im Westen für Dämonen sind.
    Da die Natur aus widerstreitender Vielfalt erwuchs, gab man ihr überall das Zweitürig-Beseelte zum Symbol. Denn die Progression läuft entweder über das Vernunfthafte oder über das sinnlich Wahrnehmbare. Und wenn sie über das sinnlich Wahrnehmbare geht, dann entweder durch die Sphäre der Fixsterne oder durch die Planetenbahnen; und wieder handelt es sich um eine unsterbliche oder sterbliche Bewegung. Ein Kardinalpunkt ist über der Erde, einer unter ihr, einer im Osten, einer im Westen, einer ist licht, der andere dunkel, so ist auch die Nacht im Gegensatz zum Tag. Und so liegt eine harmonische Spannung im Gegensätzlichen, und zurückschnellend durchbohrt sie mit dem Pfeile das Gegenüberstehende.[81] Platon sagt, dass es zwei Spalten gibt, durch die eine steigen die Seelen zu den Himmeln auf, durch die andere hinunter zur Erde; und die Theologen setzen die Sonne und den Mond zu Toren für die Seelen, dass diese aufsteigen durch die Sonne und absteigen durch den Mond. Und bei Homer sind es zwei Weinfässer,

„Voll das eine von Gaben des Wehs, das andere des Heiles.“[82]

30        Auch bei Platon im Gorgias[83] ist die Seele ein Weinfaß, und zwar auf zwei Arten, ihrem Wesen nach Wohltätiges oder Verderbliches tuend,[84] also vernünftig oder widersinnig. Als Weinfässer wurden Seelen gedacht, weil man in ihnen eine unterschiedliche Beschaffenheit in Wirkung und Zustand sah. Und bei Hesiod wird ein Weinfass für geschlossen angesehen, während die Sinnenfreude das andere losmacht und überallhin zerstreut, wobei nur die Hoffnung bleibt.[85] Denn bei jenen, deren schwache Seele sich in die Materie zerstreut, verfehlt sie die Anordnung, sich gut stützend allein auf die Hoffnung,   31   weidende Rinder zu erblicken. Demnach wird wahrhaft überall das Zweitürige als Symbol für die Natur aufgefasst, und nach Gebühr hat die Grotte nicht eine sondern gleichfalls zwei Tore, deren Zweck zu untersuchen ist. Die eine kommt den Göttern und den Guten zu, die andere den Sterblichen und Untauglichen. Und Platon,[86] über diese Erfahrungen nachsinnend, weiß von Mischgefäßen, nimmt Weinfässer anstelle von Krügen mit doppelten Henkeln und, wie wir heraus-gefunden haben, zwei Spalten statt zwei Tore; und ebenso Pherekydes von Syros, da er „Schlüfte, Gruben, Grotten, Türen, Tore“[87] nennt, um hierdurch die Geburt der Seelen in das Werden und ihr Wiederabscheiden aus der Welt der Materie dunkel anzudeuten.
     Soweit unsere Darlegung zu Homers Grotte, die nicht alle philosophischen und theologischen Zeugnisse anführen kann, weil sich dies unangemessen in die Länge ziehen würde, 32         zumal wir uns über das Wesentliche Gewissheit verschafft haben. Allerdings ist noch nicht geklärt, was das Symbol des dabeistehenden, wachsenden Ölbaums zu bedeuten hat. Und doch wird der Sinn dieser Anwesenheit recht deutlich, weil er nicht irgendwo angepflanzt ist, sondern seine Position ausdrücklich oben am Kopf der Bucht hat.

„Oben am Kopf der Bucht grünt ein langblättriger Ölbaum.
Eine Grotte, nicht fern von dem Ölbaum, ...“

Nein, er sprießt nicht zufällig dort, sondern das Reifen der Olive an genau diesem Punkt enthält des Rätsels (aínigma) Lösung und den Zusammenhang mit der Grotte. Indem nämlich der Kosmos keinesfalls planlos und durch Zufall entstanden ist, sondern Schöpfung der göttlichen Weisheit und der vernunftbegabten Natur ist, stellt das Wachsen des Ölbaums, der für die göttliche Weisheit steht, in der Nähe der Grotte, die ein Abbild der materiellen Welt ist, symbolisch die Zuversicht Gottes dar. Denn er ist das Gewächs der Athena, und Zuversicht ist Athena. Und zumal ihr Wesen die Geburt aus dem Kopf des Zeus ist, gab der theologische Dichter dem Ölbaum einen angemessenen Platz, geweiht dem Kopf der Bucht, um so mit einem Siegel verständlich zu machen, dass das ganze Weltall die Schöpfung einer vernunftbegabten Natur ist, sich selbst bewegend, und nicht das Werk grundlosen Zufalls, sondern dass es vollendet wurde durch eine Weisheit, die zwar von der Natur als Wesenheit abgesondert und verschieden ist, dass aber dennoch der Olivenbaum nicht weit entfernt davon seinen Ursprung hat. Insofern es sein Wesen ist, immer zu blühen und Oliven zu tragen, eignet er sich, die Wandlungen der Seelen auf der materiellen Ebene auszudrücken,   33   denen ja die Grotte geweiht ist. Denn im Sommer erneuert sich der Glanz der Blätter, im Winter aber kehrt sich das Leuchtende um. Und deshalb hält man bei Litaneien und Schutzgebeten blühende Olivenzweige vor sich hingebreitet, um möglichst schnell eine Wandlung zum Glanze seiner Selbst aus der Dunkelheit seiner Kämpfe zu erwirken. Jedenfalls ist der Ölbaum seiner Herkunft nach immer blühend und trägt, die Ordnung erhaltend, in seiner Mühe hilfreiche Frucht; er ist für den Tisch der Athena bestimmt und verleiht nach dem Kampf siegreichen Athleten den Kranz, auch gibt er denen, die vor einem Kampf Angst haben, den Zweig der Schutzflehenden. Und auch der Kosmos wird hinter der wahrnehmbaren Natur verwaltet von einem immer blühenden Bewusstsein, das ewig ungeboren ist, das Siegespreise den Wettkämpfern des Lebens schenkt und Heilung von der vielen Mühsal; und der Demiurg, der für den Kosmos die Ordnung aufrecht erhält, erbarmt sich der Hilfesuchenden und richtet die Gefallenen wieder auf.   34   In dieser Grotte, sagt Homer,[88] soll demnach alles abgelegt werden, was von außen her Besitz ist, und wenn man sich entblößt hat, und die Haltung eines Bettlers[89] angenommen hat, sich im Kreise drehend, der Körper runzlig gemacht ist, alles Überflüssige abgelegt ist, man sich von der Sinneswahrnehmung abgewandt hat, wird der Rat erteilt, sich mit Athena zu lagern,[90] mit ihr unmittelbar am Wurzelende des Ölbaums, dabei mit der Stimme um Hilfe rufend, wie man das trügerische Schicksal der eigenen Seele zerschlagen kann. Jedenfalls glaube ich, wenn ich darüber nachdenke, Numenios und die Seinen kamen nicht grundlos zu dem Ergebnis, dass Odysseus in Homers Odyssee die düstere und stürmische See des Werdens durchschreitet und also Schritt für Schritt, Stufe um Stufe sich reinigt, bis er endlich zu jenen jenseits des ganzen Wogenschwalls gelangt, bei denen Stürme und Meeresfluten nicht bekannt sind:

„Bis du zu jenen gelangst, die nichts mehr wissen vom Meere,
Menschen, die Salz nicht genießen, auch nicht mit den Speisen.“[91]    

Die Tiefe der See, das Meer und der Wogenschwall sind in dieser Zusammenstellung, nach Platon, auf die Materie bezogen.   35   Und deshalb, meine ich, hat der Dichter den Hafen bedeutungsvoll Phorkys genannt.

        „Dort ist der Hafen des Phorkys,“[92]

des Gottes vom Meere, dessen Tochter Thoósa im Geschlechterkatalog zu Beginn der Odyssee erwähnt wird.[93] Doch ist sie die Mutter des Kyklopen, den Odysseus geblendet hat, mit dem Resultat, dass ihn die Erinnerung an seine Verfehlungen den ganzen Weg bis zur Heimat begleiteten. Dann aber, durch sein Selbst gesegnet, sitzt er am Fuße des Ölbaums, und indem er demütig um Unsterblichkeit bittet, versöhnt er mit dem Zweig der Schutzflehenden seinen ihm bei der Geburt beigegebenen Daimon (Schutzengel). Dennoch wäre es nicht nach dem Gesetz, sich selbst von diesem sinnlich-wahrnehmbaren Leben auf schnellstem Wege zu befreien, indem man sich „blendet“ und seinen physischen Daimon damit verärgert, denn derjenige, der solches erstrebt, wird verfolgt von den Göttern der See und der Materie. Denn man muss diesen zuerst durch Opfer, arbeitsame Anstrengung und geduldige Ausdauer wie ein Armseliger besänftigen, indem man zu gewissen Zeiten entschieden den Leidenschaften widersteht, zu anderen Zeiten diese umgarnt und täuscht, insgesamt also die unterschiedlichsten Metamorphosen durchläuft, bis man sich endlich der Fetzen und Lumpen entledigen kann,[94] die sein  wahres Selbst verhüllt hatten, endlich kann er das löcherige Reich seiner Seele erneuern. Doch noch immer nicht wird er befreit sein von allen Belästigungen, sondern dann erst, wenn er die wogende See (der Materie) völlig überquert und endlich Abschied von ihren Stürmen genommen hat. Denn trotz seiner Verbundenheit mit der sterblichen Natur, wird er dann – aufgrund seiner tiefen Achtsamkeit auf die vernunfthaften Einwirkungen des Nous – so unwissend gegenüber den Vorgängen der überströmenden materiellen Welt sein, dass er ein Ruder für eine Getreideschwinge[95] halten wird.

36  Man darf diese Exegese, die hier ausgeführt wurde, nicht für eine träumerische Ansicht halten, mit einer besonderen Überredungsgabe ausgestattet; nein, die Weisheit des Altertums, die Einsicht, die aus Homer spricht, all seine trefflich strenge Sorgfalt muss angerechnet werden, deshalb sollte man von der Möglichkeit ausgehen, dass er in dem Bildwerk eines Gleichnisses über Endpunkt und Ziel der göttlichen Dinge berichtet. Es wäre nicht möglich gewesen, der Vorlage Zufälligkeiten hinzuzufügen, die wahre Lehre dabei aber nicht zu verändern. Eine solche Ausarbeitung überlasse ich jedoch einer anderen, noch zu verfassenden Schrift, und schließe die Erörterung, die ich hier vorgelegt habe, jetzt ab.
 

 
[1]  Homer: Odyssee, 13, 102 – 112.
[2]  Kronios ist ein Neupythagoreer, der häufig zusammen mit Numenios genannt wird. Er hat wohl die Schrift „Über die Wiedergeburt“ (Peri Palingenesías) verfasst. Was Porphyrios und andere von ihm zitieren, könnte aus diesem (verlorengegangenen) Werk stammt.
[3]  Deszendenz, im Text griechisch: Katabasis.
[4]  Aszendenz, im Text griechisch: Anabasis. Wenn Porphyrios von ‚fern jeder Überzeugungskraft‘ spricht, dann deshalb, weil üblicherweise die Götter zu den Menschen herabsteigen (katabasis) und nicht „aufsteigen“.
Firmicus Maternus: Vom Irrtum der heidnischen Religionen 17, 1:  „ – denn dort ist ja auch der Himmel und der Mond und sehr viele andere Gestirne, die wir sehen, von denen einige gleichsam angeheftet und einander zusammenhängend an ihrem ständigen, einmal angenommenen Platz zusammen leuchten, andere, über den ganzen Himmel verstreut, unstete Bahnen auf festgesetzten Irrwegen durchmessen.“  
Firmicus Maternus war auch Astrologe und schrieb die astrologische Schrift: matheseos 1 – 8.
[5]  Die Statuen der Götter, die der Tempel umhüllt, orientieren sich nach Osten, denn der Tempel (Naos) ist wie ein Schiff (naus), das Richtung Osten fährt. Kommt der Mensch von Osten herein, (er hat den Altar draußen schon passiert,) geht er zur Mitte – gen Westen blickend – und grüßt die Statue von Angesicht zu Angesicht.
[6]  Bekannter griechischer Geograph, geboren um 100 v. Chr. in Ephesos, der von den Jüngeren (Strabon, Plinius) geschätzt und ausgewertet wurde. Nicht zu verwechseln mit dem Artemidor aus Ephesos, der in der zweiten Hälfte des 2. Jh. n. Chr. die Traumdeutungen verfasste.
[7]  Gängiges griechisches Wegemaß, ursprünglich wohl der Weg, der in zwei Minuten zurückgelegt werden konnte.
[8]  Mythisches Seefahrervolk der Odyssee. Sie nehmen Odysseus ritterlich an ihrem Hof auf und bringen ihn, nachdem er von seinen Irrfahrten berichtet hat, in nächtlicher Fahrt nach Ithaka.
[9]  Griechisch: hyle.
[10]  Porphyrios spielt hier auf das altpythagoreische Gegensatzpaar: Grenze – unbegrenzt an.
[11]  Kosmos = griechisch Ordnung, Regelmäßigkeit.
[12]  dämmrig im Sinne trüber Luft.
[13]  Der platonische Philosoph Celsus sagt, die Leiter der Mithrasmysterien sei ein Symbol der beiden Umläufe am Himmel, die Platon im Timaios beschrieben habe, des immer gleichen Umlaufs der Fixsternsphäre nach rechts und des veränderlichen Umlaufs der Planeten nach links. Die Leiter sei ferner ein Bild des Weges der Seele durch diese beiden Umläufe hindurch. Für den Weg gebraucht Celsus eine Vokabel aus Platons Phaidros, für die Porphyrios hier exodos, (= Weggang, Aufbruch, Ende, Tod) einsetzt. Es ist wohl so, dass genau diese Vokabel in den Mithrasmysterien gebraucht wurde. Sie ist in lateinischer Übersetzung auf mehreren Mithräen erkenntlich. Die Zeremonie des Übergangs von einem zum anderen Grad heißt in den Mithräen transitus. Mit dem Ende ist der Übergang zur achten Stufe, dem achten Tor gemeint: der Durchgang zum „überhimmlischen Ort“.
[14]  Kore = Persephone.
[15]  Empedokles: Fragment B 120.
[16]  Platon: Der Staat, 7, 514 a = Beschreibung der Lage der Gefangenen im Höhlengleichnis.
[17]  Platon: Der Staat, 7, 517 a – b.
[18]  Zu Numenios siehe die Unterweisungen zur Tetraktys 1 (S. 8), 2 (S. 10, 38) und 3 (Passus).
[19]  Genesis 1, 2.
[20]  Griechisch: Helios.
[21]  Heraklit: Fragment B 77.
[22]  Heraklit: (auch) Fragment B 77.
[23]  Heraklit: Fragment B 118.
[24]  Eigentlich: gebacken – Anspielung auf Demophon im Feuerofen der eleusinischen Demeter.
[25]  Kore, Persephone.
[26]  Katharsis, auch sühnend und versöhnend.
[27]  Auch Gottlosigkeit, Frevel.
[28]  Bezieht sich auf den Mithraskult, aber auch auf andere Mythen, in denen erzählt wird, dass Bienen „Rinder- oder ochsengeboren“ sind. Ovid zum Beispiel berichtet in seinen „Fasten, 1, 335 ff von den Opfern und erwähnt die Geschichte, dass Aristaios von Proteus den Rat bekam: „Du suchst die Kunst, die Bienen zu ersetzen? Schlachte einen Jungstier, den vergrabe in der Erde. Was du von mir wünschst, wird er dir geben, wenn er vergraben ist.“ Ovid fährt fort: „Der Hirte tat, wie ihm befohlen war: da strömten Bienenschwärme aus dem faulenden Rinderkörper, eine tote Seele schenkte tausenden das Leben.“
[29]  In einigen überlieferten Handschriften steht als Variante statt Perser (dem höchsten Weihegrad) „Wächter“, in Anspielung auf den höchsten Stand in Platons „Staat“. Bei Platon leiten – nach den Anweisungen der Philosophen – diese Wächter die Menschen wie Hirten eine Herde.
[30]  Bildlich: aller Frucht.
[31]  ambrosios = unsterblich, göttlich.
[32]  Homer: Ilias 19, 38 f:
„Drauf dem (toten) Patroklos goss sie (Thetis) Ambrosiasaft in die Nase
Und rotfunkelnden Nektar, den Leib unversehrt zu erhalten.“
[33]  Platon: Das Gastmahl 203 b: „Als Aphrodite zur Welt kam, hielten die Götter einen Schmaus und mit den anderen auch Poros (der Reichtum), der Sohn der Metis (Klugheit). Nach beendigter Mahlzeit kam Penia (die Bedürftigkeit), eine Gabe zu erbitten – denn es ging hoch her – und weilte an der Tür. Poros nun, berauscht vom Nektar (denn Wein gab es noch nicht) begab sich in den Garten des Zeus und schlief schwer benebelt ein. Penia aber, getrieben durch ihre Dürftigkeit, sann darauf, sich listigerweise zu einem Kinde von Poros zu verhelfen, legte sich zu ihm und empfing den Eros.“
[34]  Sophokles: Fragment 795.
[35]  Auf die siebente Sphäre angespielt vor dem Tor zum „überhimmlischen Ort“.
[36]  Latein: Saturn.
[37]  Latein: Jupiter.
[38]  Wortspiel Krug mit Henkeln – Körpergefäß, Urne.
[39]  Sophokles: Fragment 95.
[40]  Auch: Gefallener, Verstorbener.
[41]  t’ano = Kultausdruck auch im Ägyptischen: nach oben (hinweg) – bezieht sich auf Sterben und Durchbruch.
[42]  Kore = Persephone.
[43]  Seléne.
[44]  Hermes ist gemeint, der Apollon gleich nach seiner Geburt die göttliche Rinderherde stahl.
Kallimachos: Hymne auf Apollon 1 ff: „Welch ein Beben durchfuhr den Lorbeerbusch des Apollon! Beben das ganze Gebälk! Entweicht, Unheilige, weichet! Phoibos schlägt ja schon mit dem schönen Fuß an die Pforte.“
[45]  Platon: Phaidon 82 b: „Die verhältnismäßig Glücklichsten und am besten Untergebrachten von ihnen sind doch wohl diejenigen, die sich der volkstümlichen und gut bürgerlichen Tugend befleißigt haben, die man gemeinhin Besonnenheit und Gerechtigkeit nennt und die aus Gewöhnung und Übung entstanden ist ohne Hilfe von Philosophie und ohne geistige Erkenntnis?
Kebes: Inwiefern die Glücklichsten?
Sokrates: Weil es wahrscheinlich ist, dass diese wieder in eine ihrer gut bürgerlichen und ordnungsliebenden Gesinnung entsprechende Tierform übergehen, wie Bienen, Wespen, Ameisen, oder auch wieder in die gleiche Menschenform, in welchem Fall denn aus ihnen wieder biedere Männer werden.“
[46]  Solstitium – Umkehr in der Deklinationsbewegung der Sonne, die am 22.06. (Sommeranfang) bei der größten nördlichen Deklination und am 22. 12. (Winteranfang) bei der größten südlichen Deklination der Sonne eintritt.
[47]  Saturn (Kronos).
[48]  Griechisch: Hermes.
[49]  Griechisch: Joch, Fuhrwerk, Zwiegespann.
[50]  Griechisch: Aphrodite.
[51]  Griechisch: Ares.
[52]  Griechisch: Zeus.
[53]  Griechisch: Kronos.
[54]  Platon: Der Staat 10, 614 c 1 – 3: (Erzählung des Er. Weg der abgeschiedenen Seelen und Größe der verhängten Strafen:)
„Er sagte aber, nachdem seine Seele ausgefahren, sei sie mit vielen anderen gewandelt, und sie wären an einen wunderbaren Ort gekommen, wo in der Erde zwei aneinander grenzende Spalten gewesen und am Himmel gleich-falls zwei andere ihnen gegenüber. Zwischen diesen seien Richter gesessen, welche, nachdem sie die Seelen durch ihren Richterspruch geschieden, den Gerechten befohlen hätten, den Weg rechts nach oben durch den Himmel einzuschlagen, nachdem sie ihnen Zeichen dessen, weswegen sie gerichtet worden, vorne angehängt, den Ungerechten aber den Weg links nach unten, und auch diese hätten hinten Zeichen gehabt, was sie getan.“
614 d: „Er habe nun dort gesehen, wie durch den einen jener Spalten im Himmel und in der Erde die Seelen, nachdem sie gerichtet worden, abgezogen seien, von den andern beiden aber seien aus dem in der Erde Seelen hervorgekommen, voller Schmutz und Staub, durch den andern hingegen seien reine Seelen vom Himmel herabgestiegen.“
[55]  Parmenides: Fragment 1, 6 – 19:
„Und die Achse in den Naben gab den Kreischton einer Rohrpfeife von sich
vor Hitze, so wurde sie getrieben von den zwei gedrehten
Rädern zu beiden Seiten, wenn schleuniger sich sputeten
die Sonnenmädchen, mich voranzufahren, hinter sich das Haus der Nacht,
dem Lichte zu, und von den Häuptern mit Händen die Schleier aufschlugen.
Da ist das Tor der Straßen von Nacht und Tag,
und ein Türsturz umschließt es und steinerne Schwelle.
Das Tor selber, aus Ätherlicht, ist ausgefüllt von großen Türflügeln.
Zu dem hat Dike, die genau vergeltende, die einlassenden Schlüssel.
Ihr sprachen nun die Mädchen mit sanften Reden zu
und bewogen sie klug, dass sie ihnen den verpflöckten Riegel
gleich vom Tor zurückschöbe. Und das, im Aufspringen,
ließ einen gähnenden Schlund aus den Türflügeln erscheinen,
                              während es seine bronzebeschlagenen
Pfosten, mit Nägeln und Nieten gezimmert, einen nach dem
                              andern in den Pfannen drehte.“
[56]  Wörtlich: das Fest für Kronos (Saturn).
[57]  Griechisch: Kronos.
[58]  = Steinbock.
[59]  der orphisch-dionysische Weg: „Zicklein bist du in die Milch gefallen.“
[60]  Doppelseitig wie Janus zwei Köpfe hat, für das Herein und das Heraus.
[61]  Lateinisch: Sirius
[62]  Wendepunkte der Tag- und Nachtgleiche = Äquinoktien.
[63]  Lateinisch: Aries.
[64]  Griechisch: Ares.
[65]  Griechisch: Aphrodite.
[66]  Kausis = das Verbrennen, der Feuerbrand. Kautós ist eine Kontraktion aus „und“ und „selbst“.
[67]  Man pflegte Mithras mit zwei Kindern abzubilden, von denen eines eine erhobene (brennende) Fackel trägt und das andere eine gesenkte. Beide sind wahrscheinlich eine doppelte Inkarnation seiner selbst. Der Genius, der die Fackel hebt ist Cautes, der sie senkt – Cautopates. Das geht aus den Inschriften hervor. Die beiden Fackelträger und der den Stier tötende Mithras bilden eine Trias, den dreifachen „Mithras“. (Vgl. Hekate mit zwei Hunden und zwei Fackeln, bzw. die dreigestaltige Hekate).
[68]  Griechisch: Pneuma
[69]  Homer: Ilias, 5, 697 f.
[70]  Homer: Ilias 20, 224 f. Vers 223 in Klammern der Übersetzung wegen hier hinzugefügt, nicht bei Porphyrios.
[71]  Boreas, der sich im Nordwind offenbarende Gott, hatte die „im Gebirge Stürmende“ geraubt, ihrem Namen nach eine ein Bacchantin. Diese gebar ihm, dem Windgott, die geflügelten Söhne Kalais und Zetes, die an der Fahrt der Argonauten teilnahmen.
[72]  Gemeint ist die Sonne.
[73]  Homer: Ilias 9, 583.
[74]  An der Schelle nicht nur bei Parmenides, auch bei Homer: Ilias 5, 751:
„Dort nun lenkten sie durch die leichtgespornten Rosse.“
[75]  Homer: Ilias 8, 395.
[76]  Homer: Ilias 8, 393.
[77]  Griechisch: Galaxis.
[78]  Griechisch: Gála.
[79]  Boreas – bora (Speise)
[80]  Der Norden = borras, der Nordwind = Boreas.
[81]  Anspielung auf Heraklit: Fragment 51: „Sie verstehen nicht, wie es auseinander getragen mit sich selbst im Sinn zusammen geht: gegenstrebige Vereinigung wie die des Bogens und der Leier.“
[82]  Homer: Ilias, 24, 528.
[83]  Platon: Gorgias 493 d – 494 a: „Nimm an, von zwei Männern hätte ein jeder zahlreiche Fässer und bei dem einen wären sie heil und voll, das eine voll Weines, das andere voll Honigs, ein drittes voll Milch und so noch viele mit vielerlei angefüllt, die Flüssigkeiten aber für ein jedes von ihnen wären rar und verborgen und nur mit vielen Beschwerden und Mühen zu beschaffen. Wenn nun dieser erstere sie gefüllt hätte, so würde er weder weiter zugießen noch sich irgendwelche Sorge machen, sondern würde, was das anlangt völlig unbekümmert sein. Für den anderen gilt dies zwar auch wie bei jenem, dass die Flüssigkeiten wohl beschafft werden können, wenn auch nur mit Mühe, aber die Gefäße sind durchlöchert und schadhaft, und er sieht sich genötigt, sie Tag und Nacht immer wieder zu füllen, wofern er nicht die äußerste Pein erdulden will.“
[84]  Platon: Gesetze, 896 e: „Weniger als zwei dürfen wir wohl nicht annehmen, eine wohltätige und eine das Gegenteil zu bewirken vermögende.“
[85]  Hesiod: Werke und Tage, 94 – 99:
„Aber die Frau entfernte den großen Deckel des Kruges,
leerte ihn aus und sann den Menschen schmerzliches Leiden.
Einzig die Hoffnung verblieb im unzerbrechlichen Hause,
drinnen unter den Lippen des Kruges, und nicht aus der Öffnung
flog sie heraus; sie hatte zuvor den Deckel des Kruges
zugeworfen nach Willen des Zeus des Wolkenversammlers.“
[86]  Platon: Timaios, 41 d: „So lauteten seine Worte. Und nun goss er wieder in den nämlichen Mischkrug, in dem er die Mischung der Seele des Alls vollzogen hatte, die Reste derselben Bestandteile und mischte sie in ziemlich ähnlicher Weise, aber nicht in der nämlichen Reinheit, sondern nur in einem Verhältnis zweiten und dritten Grades. Und nachdem er die ganze Masse gemischt hatte, verteilte er die Seelen in gleicher Zahl wie die Sterne: auf jeden Stern kam eine Seele.“
[87]  Pherekydes: Fragment B 6.
[88]  Homer: Odyssee 13, 361 – 371:
„Ihm erwidernd sagte Athene mit Augen der Eule:
„Sei du beruhigt, du brauchst dich darüber nicht selber besinnen,
Sondern wir bergen jetzt dein Hab und Gut hier im Winkel
Dieser göttlichen Grotte; dann bleibt es dir sicher erhalten.
Dann aber wollen wir planen, dass alles zum Besten sich kehre!“
Also sagte die Göttin und ging in die luftige Grotte,
Tastete dort nach Verstecken, indessen Odysseus nun nahe
Brachte, was alles von Gold und von unzerstörbarem Erz war,
Ferner die trefflich gefertigten Kleider: Phaiakische Gaben.
All dies verstaute vortrefflich, und schob einen Stein vor den Eingang
Pallas Athene, die Tochter des Zeus, des Schwingers der Aigis.“
[89]  Homer: Odyssee 13, 429 – 438:
„Also sagte Athene und strich über ihn mit dem Stabe,
Runzelte gleich ihm die schöne Haut auf den biegsamen Gliedern,
Tilgte die blonden Haare am Kopf, und all seine Glieder
Sahen jetzt aus wie gegerbt am Leib eines alternden Greises.
Machte die Augen ihm blöde, die sonst so herrlich erglänzten,
Hing einen anderen üblen Fetzen ihm um, einen Leibrock,
Völlig zerrissen, befleckt und beschmutzt und übel verräuchert;
Warf ihm schließlich das schäbige Fell eines eilenden Hirsches
Über und gab ihm dazu einen Stecken und hässlichen Ranzen:
Überall war er zerfetzt, eine Schnur nur diente als Träger.“
[90]  Homer: Odyssee 13, 372:
„Beide nun setzten sich nieder am Stamme des heiligen Ölbaums.“
[91]  Homer: Odyssee 11, 122 – 123.
[92]  Homer: Odyssee 13, 96.
[93]  Homer 1, 71: „Diesen gebar eine Nymphe Thoósa, die Tochter des Phorkys.“
[94]  Homer: Odyssee 22, 1 f:
„Jetzt aber riss sich der einfallsreiche Odysseus die Fetzen
Ab und sprang auf die mächtige Schwelle, ...“
[95]  Auch mit Worfschaufel übersetzbar. Anspielung auf die Getreideschwinge als Instrument der Mysterien, die nach dem Aufbrechen der Garbe das Heimbringen der Ernte symbolisieren soll.
Homer: Odyssee 11, 121 – 130:
„Dann brich auf und nimm in die Hände ein handliches Ruder,
Bis du zu jenen gelangst, die nichts mehr wissen vom Meere,
Menschen, die Salz nicht genießen, auch nicht mit den Speisen, die also
Gar nichts wissen von Schiffen mit rot gestrichenen Seiten,
Nichts von handlichen Rudern, die Flügel den Schiffen verleihen.
Dafür gelte als deutlichstes, unübersehbares Zeichen:
Trifft dich endlich ein anderer Wandrer und sagt dir, du trügest
Wohl eine Schaufel zum Worfeln mit dir auf der glänzenden Schulter:
Dann verstaue du fest im Boden das handliche Ruder!“
Und (134 f.) nach den angeratenen Opfern:
„Der Tod aber wird zu dir kommen sanft und nicht aus dem Meer.“


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