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Dennis Mizioch: wirklich schöne gedichte, aber

Rezensionen/Verlage


Kristian Kühn

Dennis Mizioch: wirklich schöne gedichte, aber. Berlin (zuckerstudio waldbrunn, edition zweifelhefte, no. 2) 2019. 40 Seiten. 9,00 Euro.

aber du und Du, die Sprache, die Welt


Einer spricht mit seiner Sprache, beobachtet sie und dabei auch sich, redet mit ihr, als würde sie dann seine Gedichte ändern, in ihnen antworten: „wirklich schöne gedichte, aber“ – die Sprache, sie wirkt und reagiert im Dialog an seiner statt, als sei sie eine fremde Person? Ein Alter Ego?
    Schon dass Dennis Miziochs erster Gedichtband in einer „edition zweifelhefte“ erschienen ist, lässt mich vorsichtig sein. Anfangs dachte ich, das Du, das Sie ist eine Frau, oder vielleicht ein Mann, oder er selbst, sein Text – nein, jetzt bin ich sicher, er führt einen Dialog mit der ihm eingeschriebenen Sprache. Rein theoretisch ist das vielleicht möglich, wenn man sie als System ansieht, als Logos, also als das Andere im Ich, das Fremde, ein Nicht-Gefühl, eine Nicht-Empfindung? Und nicht das Übliche, diese zurückweichende, empfindliche Bewusstseinsebene, die immer spielt und sich nicht festlegen lassen will. Und dann wieder mit neuen Zweifeln da ist.

Auf dieser griechischen Scherbe, die ich gern zitiere, sind es bekanntlich drei Entitäten, die schreiben wollen und schließlich den Text ergeben werden, der befehlende Gott Apollon (für Sprache, Recht und Ordnung), der schwimmende Kopf des getöteten Dionysos/Orpheus, der aus den Tiefen singt und flüstert, und der empfangende Autor, vielleicht auch eine Dichterin, sitzend, lauschend, bedeutungsvoll den Griffel haltend.

           umgeben von einer wolke aus
worten, die wir nicht kennen
und nicht kennen wollen
                            (morgens dein name, S. 7)
  
Erschwert wird die anfängliche Rezeption des Ich, Du, Sie dadurch, dass Mizioch dieses Gegenüber immer mal wieder personifiziert, als handle es sich wie bei Proteus um eine nicht fassbare und mit wechselnden Gesichtern Angst machende Gestaltwandlerin:

sie hat ganz paris im rücken, gebäude
die ihrem körper abstehen wie flügel
auf den treppen von sacré-coeur
steht sie in jogginghose und einem
überlangen hemd, kaum größer als
der reisekoffer neben ihr – mit
jeder silbe, die sie singt, rutscht
ihre sonnenbrille weiter herab und
gleich ist nichts mehr zwischen
ihren augen und meinen
als sie die mundwinkel an-
zieht, wird die ukulele in ihren händen
zum bajonett, die flügel zu pulverdanpf
und ihre stimme ein bewaffnetes kind
das ihr folgt, auch über leichen
                                               (S. 8)

In „berlin, das gitarrensolo“ ist sie, die Sprache, eine Energie, die nachts sogar die Lichterketten, an denen das Ich vorbeizieht, flüstern lässt:

                                                          HÖR
WIE ALLES GLÜHT, DAS UNIVERSUM
BRICHT SICH IN DIR, IM PRISMA
IM MENSCHEN
                                                     (S. 11)
         
Wie in so vielen jungen Dichterinnen und Dichtern spielt die idiosynkratische Auflösung der Eindrücke, eine Sehnsucht nach grenzenlosem Empfinden des pantheistischen Kosmos die entscheidende Rolle: Der flimmernde Lichtpunkt (S. 12) wird zum „sonnenuntergang/ auf deiner hautfläche“ (S. 13), Selbstbeobachtung, als ob man sie messen könnte mit äußeren Mitteln, mischt sich darein:
                         
ich lege eine scheibe butterkäse
auf die brötchenhälfte, du nippst
erschöpft an der kaffeetasse, unterdessen
schillert der ganze raum
in den farben der sich drehenden buntwäsche
                                                         (S. 14)
        
Die Fokussierung schwindet und damit auch die Distanz der Formen, die zerspringen:

ich kann keine familie gründen
mit meinen gedichten
[…]
                                ich werde worte
suchen, aber nur deinen namen
finden: eine glasschale, die
ich auf dem kopf balanciere
und erst, wenn sie zerspringt
ist sie weniger als die summe
ihrer teile und zugleich mehr
als eine schale, ein gedicht
über dich, das keines ist
oder ein gedichtband über dich
ohne dich, die auswahl steht               
                                              (S. 16)

Irgendwie ist das Gedicht – im Fortlauf der Texte, die einen Zyklus bilden – erst dann schön für Mizioch, wenn es sich nicht mehr begrifflich abgrenzen und personifizieren lässt, als ob es universalistisch werden könnte, wie von einem übergreifenden, sich selbst erlebenden Aleph geschrieben:

wirklich schöne gedichte, aber
dazwischen bist immer noch du
[…]
gepresst, und auch dein grinsen
wird nicht fortgeweht, wirklich
wunderschönes grinsen, aber
                                       (S. 21)
        
Bei E.T.A. Hoffmann und anderen Romantikern waren es doppelte Welten, gleichzeitig hüben und drüben, mal hier mal da das Bewusstsein, schwankend. Mizioch sucht eher eine Trennung vom Fixierten, und damit zugleich eine Auflösung der Gegensätze: Grund dafür sind (eher andeutungsweise) die alten Verfehlungen, die wieder und wieder auftauchen, die die dunkle Seite von Anhaftungen und Materie manifestieren:

Ich reiße einen Backstein aus dem Pflaster und werfe ihn
auf dein neues Profilbild, auf dein Lächeln, in dem alles dahin-
schmilzt, bald auch die Herzchen, bald auch die Likes –
                                                                  (Snowtime, S. 27)


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