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David Krause: Mondland, während (Auszug)

Lyrik heute
David Krause

Mondland, während
 
(Zyklus-Ausschnitt vom Manuskript: "Im Kristall")


während du dich malst in die Ecken
eines Buches an einem Nachmittag,
während ich dich wiederfinde
und unter meiner Berührung im Zeitraffer
eines Daumenkinos lebendig werden lasse,
eine Gestalt, die lächelt und winkt und
nicht mehr sein will, als die Geschichte
einer Gestalt, die lächelt und winkt und
verschwindet, während der Text verborgen bleibt,
während Libellen an uns vorüber schwirren
und wir Kinder sind, Insekten bestimmen
im renaturierten Gebiet beim Tagebau
und auf alles Lebendige zeigen und
es in Gläsern versiegeln auf Zeit,
als wäre Bedeutung erst durch Deuten,
Begreifen erst durch Greifen möglich, während
im von uns Bestimmten unsere Stimmen fortwähren,
ohne Klang, ohne Sinn, Bewegung von Luft,
Sommermomente summierendes Summen,
während, was wir nicht sagen, fortwährt
in neu angelegten Flussarmen, silben-
schwingenden Fischen, während
sich jenseits der Grube die Stromleitungen durch
den Himmel spannen und wir in den Grenzen
der Linien in den Grundschulheften
zu schreiben lernten, immer wieder
die Rinde von den Minen schälend,
lange vor diesem Morgen, vor der Pflanzung
der als Zukunftsbäume bezeichneten Kiefern,
die die Erderwärmung überleben sollen, während
wir den Mann in der North-Face Jacke begrüßen,
der seit dem Fund einer überfahrenen Wildkatze
jeden Morgen Lockstäbe nach Fellspuren untersucht,
der Phantome jagt mit nichts als Geduld und
einer Sprühflasche voller Baldrian, während
wir auf einer Wiese liegen, zwischen
Kommas aus Gras, Teil einer Inventur, während
die Kommas unsere Herzschläge sammeln und
wir einander stummdumm wie Störe
erste Monde in den Leib küssen
und uns, indem wir die Hand des anderen
greifen, erst wirklich begreifen, während
der Herbst die Zukunftsbäume entblättert
und aus leeren Nestern Mikrofone werden,
die den Passat nach Zugvögeln und
nach allem von uns Gesagten abhören,
als sollte nichts vergessen werden oder alles
Vergessene dieser Stunden als schein-
bare Fiktion neu auferstehen, nieder-
geschrieben in einem Buch zwanzig Jahre danach,
in den Ecken vielleicht deine Gestalt,
die leblos bleibt, solange ich lese


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