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das war absicht

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"WIR KÖNNTEN JA AUCH VIDEOS ZEIGEN"



Sie einzuladen, sagte zur Einführung Pia Leuschner, die Autoren des Lyrikkollektivs G13 auf ihrer Lesetour nach München ins Lyrik Kabinett, „das war absicht“. Elf an der Zahl im Programmheft, doch da ich nur Zehn zählen konnte, immer wieder, lasse ich die Namen weg; das Kollektiv will ja vermeiden, dass man erfährt, von wem im Einzelnen die zusammengesetzten Passagen geschrieben sind. In ihrer ersten gemeinsamen Publikation „40% Paradies“, 2012 bei luxbooks erschienen, wurden ihre Namen noch blockweise den Gedichten zugeordnet. Jetzt sind sie mit einem Langgedicht unterwegs, das, vom Verlag SuKuLTuR herausgegeben, gratis auslag und im Handel 2,- Euro kostet.

„MAN KÖNNTE DEN ZUSAMMENHANG BZW. DIE STRUKTUR IN DER COLLAGE DADURCH HERSTELLEN, DASS ES EINE DURCHLAUFENDE BEWEGUNG GIBT, EINE ART SPAZIERGANG.“

Auf der sonst noch leeren Bühne diverse Begriffsschilder, per Hand mit Schlagwörtern versehen wie „Kapital“, „Biene“, „Monolog“, „Gewalt“, die Gruppe derweil außerhalb der Bühne an einer Wand. 10 Schilder, 10 kauernde Personen, eng zusammengedrückt, jung, sympathisch.

Wie verändert sich eine Dichterlesung durch eine Gruppen-Performanz?, fragte Pia Leuschner noch, worauf die Gruppe das Podium betrat und – wie bei einem Szenenwechsel im Theater das Bühnenbild – die Wortgruppierung umdekorierte, und derweil sich die erste Autorin zum Wort „Raum“ begab, es mitnahm, sich dahinter stellte und aus dem Langgedicht vorlas: (Ich kann den genauen Text im Büchlein nicht finden, mich beruhigend aber, dass irgendwo steht: „BITTE JETZT NICHT MEHR IM DOKUMENT ARBEITEN. DIE BEARBEITUNG WIRD JETZT VON DEN JEWEILIGEN PERSONEN ÜBERNOMMEN").

Sie las (in etwa:)

„gehen wir von einem Raum aus. der raum ist ein einfaches zimmer. wir betreten ihn über eine rückraumgrenze, d.h. wir gehen so in das zimmer, als hätten wir den gerade verlassenen raum gerade betreten: wir gehen in das zimmer hinaus. wir sehen den tisch, sehen: der tisch hat kein thema.“

Mehr zu semantisch verschobenen Textstrukturen und „Nicht-Zusammenhängen“ zu verfolgen in dem von Jan Kuhlbrodt geführten Gespräch mit Tristan Marquardt zur Theorie der Collage – hier.

Die erste Person blieb hinter dem Wort „Raum“ stehen, derweil eine zweite weibliche den Klappstuhl vom Podium nahm und, sich setzend, nunmehr den Anfang des Langgedichts vortrug: „ich dachte, ich trinke den ozean aus und erwache am anderen ende, reise über die großen finger …“. Dann verließ sie den Klappstuhl, stellte sich auf einen kleinen Kubus und las eine Passage über Fremdbestimmung vor.

Worauf ein Kollektivist, etwas über „am Strandbad verwaister Refugien“ vortragend, sich neben die Person auf dem Kubus begab, hinter das Wort „Kapital“, und etwas von „Reingehen, Mitmachen, Platzen“ deklamierte und „Die Kunstform als Hure der Gesellschaft“ rief.

Nun betrat die vierte Person das Podium, stellte sich hinter das Wort ELVIS, sagte aber bis fast zum Schluss der Vorstellung nichts, stand dort. Stattdessen las eine noch an der Wand kauernde Kollektivistin über Mikro von den drei Regeln zum Schreiben einer Collage:

1. schreibe nicht, was du willst. das dokument ist ein hungriges kleinkind. gib ihm, wonach es verlangt.

Da betritt das ganze Kollektiv das Podium.


Ein Kollektivist (ich darf ja Namen nicht nennen, aber vielleicht war es Tristan Marquardt?) liest: „ich stehe an der ampel neben der straße und wir denken: zum glück eröffnet hier ein möbelhaus. wir suchen nach anmut und ja, ich glaube den pfarrern aufs wort. autos bremsen am horizont, aus der wiese vorm imbiss sprießen weitere wiesen, über die außenspiegel desertieren regimente, reinhard. Dreieinhalb kombüsen verpuffen azylfarbstoff.“ Er steht hinter dem Wort „Anti-Raum“.


2.  DAS „WIR“ GEHT IM ZIMMER LOS.

Ab jetzt Dialoge, Einwürfe, Wechselchöre, Inkantationen. „Ja, ich habe einen Unterton“ (War das Max Czollek?) Mal alle rezitativ – dann einer: „Wir halten die Bienen gegen den Himmel“. Nur ELVIS steht stoisch da und schweigt.

Die Aufführung bekommt Jandl’sches Hörspielformat. Eine weibliche Person verlässt die Bühne, betritt den Zuschauerraum, dirigiert Sätze.

Man sagt, es ist noch einmal gutgegangen.

Das ist das Problem.“

Mehrfach wiederholt. Und ELVIS schweigt. Eine lange Pause entsteht. Weder gibt das Kollektiv ein Zeichen, dass die Vorstellung beendet ist, lauert grinsend – noch traut sich das Publikum zu applaudieren, lauert ebenso. Beide Seiten heiter schweigend.


3.  keine tiere! wenn tiere, dann rudeltiere. Rudeltiere, die aneinander kleben, scharren und sich stoßen. Die möglichkeitsbedingung für eine collage ist das rudel.

Doch geht es weiter, indem alle abgehen an die Kauerwand. Auch Gruppen können schweigen. Jetzt hat ELVIS das Wort:
wenn es losgeht, soviel sonnenbrille kannst du gar nicht fressen. meine füße sind eine neurotische zunge über dem off, mein haar ein ball, dem ich manchmal vertraue. Es sieht gut aus, wenn ich einen tankdeckel berühre, das ist absicht.“

Später, vielleicht am Ende, oder beinah wieder, steht ELVIS an der Ampel.

ichdenkewieelviswaselvisdenkt: scheiße yeah.

dann ist elvis mit uns bei aral.

Das der Schlusssatz – Fazit: ein höchst kurzweiliger Abend mit begabten Menschen. Jandl-artig. Woran es mich auch erinnert: die frühen Peter-Handke-Hörspiele und die von Gert Jonke damals, als ich jung war. Wir hingen an Wittgenstein (und seinen philosophischen Untersuchungen zur Normalen Sprache) und an der Sozialpsychologie. Noam Chomsky nicht zu vergessen.

KK


40% Paradies. Gedichte des Lyrikkollektivs G13. Anthologie. Wiesbaden (Luxbooks) 2012. 155 S., 24,- Euro.

G13 . das war absicht. Berlin (SuKuLTuR) 2013. 24 S., 2,- Euro.


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