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Daniel Defoe: "Die Pest zu London", 1665 (Auszug)

Diskurs/Poetik/Essay > Glossen
Daniel Defoe

Die Pest zu London
(A Journal of the Plague Year)

Auszug (S. 208 f.)


Andererseits waren die Klagen und das Murren gegen die Sache selbst sehr bitter. Es pflegte allen, die vorbeigingen, das Herz zu zerreißen, wenn sie die erbarmungswürdigen Schreie jener befallenen Menschen hörten, die vor Heftigkeit der Schmerzen oder Hitze des Blutes von Sinnen waren und entweder eingeschlossen oder vielleicht an Bett und Stühlen festgebunden, damit sie sich nicht wehtun könnten; und sie erhoben immer ein grauenhaftes Jammergeschrei, daß man sie einsperre und ihnen nicht erlaube, in Freiheit zu sterben, wie sie es nannten, und wie sie es sonst getan hätten.
    Dies Umherlaufen der kranken Personen auf der Straße war sehr arg, und die Behörden taten ihr Äußerstes, um es zu unterbinden; aber da es gewöhnlich nachts und immer ganz plötzlich war, daß solche Versuche gemacht wurden, konnten die Beamten nicht immer zur Hand sein, um es zu verhindern; und auch wenn am Tage Kranke herausgelangten, waren die zuständigen Beamten nicht geneigt, sich mit ihnen einzulassen, denn da sie alle, wenn sie erst in dieses Stadium kamen, schwer verseucht waren, waren sie noch ansteckender als gewöhnlich und sie anzufassen gehörte zum Gefährlichsten, was man tun konnte. Sie hingegen rannten meist einfach drauflos, ohne zu wissen, was sie taten, bis sie tot umfielen oder bis sie sich so erschöpft hatten, daß sie hinsanken und dann vielleicht in einer halben Stunde oder einer Stunde starben; und, was am mitleiderregendsten zu hören war, sie kamen mit Bestimmtheit innerhalb dieser halben Stunde oder Stunde wieder völlig zu sich und erhoben dann ganz gramvolle und durchdringende Schreie und Klagerufe, wenn sie sich in tiefem Schmerz ihres Zustandes bewußt wurden. Dies kam besonders häufig vor, ehe die Verordnung über das Versperren der Häuser so strikt durchgeführt wurde, denn zu Anfang waren die Wachmänner nicht so unnachsichtig und streng darin, die Leute drinnen zu halten, wie sie es später waren; das heißt, bevor sie, ich meine einige von ihnen, schwer dafür bestraft wurden, daß sie ihre Pflicht vernachlässigten und die Leute, die unter ihrer Obhut standen, davonschlüpfen ließen oder ein Auge zudrückten, wenn sie außer Hauses gingen, ob gesund oder krank.


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