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Daniel Bayerstorfer: Ohne Titel

Dreißig Jahre Lyrik Kabinett
Daniel Bayerstorfer

„Jawohl!“

Ich beginne mit einer Anti-Anekdote. Denn wenn man unter Anekdote eine besondere, in der Zeit abgeschlossene und fixierbare Begebenheit versteht, die sich mit einer Pointe versehen lässt, dann ist das jetzt wirklich keine Anekdote. Denn es fällt mir nichts schwerer, als auf den berühmten Punkt zu bringen oder den bestimmten Moment zu nennen, als ich, als wirklicher Nobody (ohne Verlag und nennenswerte Publikationen) im Lyrik Kabinett als Lyriker begrüßt worden bin, weil dem irgendwie zu Ohren gekommen war, dass ich mich als solcher begreife. Man musste hier noch keine Lesung gehabt haben, um sich als Teil des Kabinetts zu fühlen oder endlich zu beweisen, was man kann. Das lief alles so natürlich ab. Und weil es eben keinen besonderen Punkt in der Zeit gab, wo das, wofür ich aber so außerordentlich dankbar bin, eingetreten ist und immer noch eintritt, war das gerade Notierte eben keine Anekdote. Aber doch zwei Geschichten, die ich mit der Anfangszeit verbinde: Die beneidenswert kompetente, und im besten Sinne des Wortes eloquente Pia-Elisabeth Leuschner hat sich bereit erklärt, bei unserem Großen Tag der Jungen Literatur einen Leseblock zu moderieren. Und alle, die wir da vortrugen, haben wir das Geschenk von ihr erhalten, eine dermaßen liebevoll wissende Einführung zu unseren Texten zu hören, dass ich noch heute mit Rührung daran denke. Nur ein Beispiel, wie das Lyrik Kabinett, mit Hilfe all seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, nicht nur bei sich im Stammhaus sondern auch an den Außenposten großzügig und bereichernd agiert.

Aber auch die Bibliothek! Siehe dazu: Tristan Marquardt und ich haben einmal einen ganzen Nachmittag im Lyrik Kabinett verbracht und in alten George-Ausgaben gelesen. Und obwohl wir nur Symbolismus und Kaffee (! Ja hier gibts immer Kaffee!) zu uns genommen haben, sind wir aus dem Kabinett getorkelt wie die besoffenen Frackträger einer Lubitsch-Komödie. So was passiert an diesem großartigen Ort nicht selten. Und deshalb sollte man JEDES MAL, wenn man durch den Eingang bei der Amalienstraße kommt und das Lyrik Kabinett sieht, genauso verfahren, wie wenn der Fußballclub, den man unterstützt, ein Tor schießt: Man sollte die Faust ballen, den Ellenbogen zur Hüfte ziehen und JAWOHL! schreien.


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