Direkt zum Seiteninhalt

Dana Ranga: Cosmos!

Rezensionen/Verlage


Jan Kuhlbrodt

Dana Ranga: Cosmos! Berlin (Matthes & Seitz) 2020. 114 Seiten. 20,00 Euro.

Zu Dana Ranga
Cosmos!


Mit Cosmos! hat Dana Ranga einen Gedichtband vorgelegt, der es wirklich in sich hat, der also Wirklichkeit in sich hat, was paradox anmutet, weil das Weltall doch mehr oder weniger noch immer eine Projektionsfläche darstellt, auch wenn die Menschen es von Beginn an im Blick haben. Wir wissen noch immer relativ wenig.

Man begreift
dass man neue Symbole
neue Metaphern braucht.
    
So heißt es in einem Text des Bandes, in dem der Astronaut Story Musgrave zitiert wird. Musgrave war übrigens mit allen fünf Shuttles im All. Ein alter Hase, kann man vielleicht sagen, wenn es in der Raumfahrt überhaupt so etwas wie alte Hasten geben kann. Denn erst am 12. April 1961 startete Gagarin zum ersten Raumflug. Und auch Gagarin sprang für einen verunglückten Kollegen ein, erfahren wir bei Ranga.

Das kyrillische Alphabet benutzt für den laut S einen Buchstaben, der im lateinischen ein C ist. So kam es , dass auf den Helmen sowjetischer Raumfahrer CCCP stand, das P ist das kyrillische Zeichen für den Laut R. Ich las als Kind, bevor ich ab der fünften Klasse das kyrillische Alphabet erlernte, statt EsEsEsR also CeCeCePe. Was allerdings die Faszination für die Raumfahrt nicht schmälerte.

Es waren die Siebzigerjahre, als Kosmonauten und Astronauten im Orbit die Annäherung und Entspannung trainierten und eine Apollokapsel an eine Sojuskapsel andockte und sich sowjetische und amerikanische Raumfahrer, also Kosmonauten und Astronauten im All begegneten. Auf der Erde waren sie so weit voneinander entfernt, dass es für die politische Trennung als räumliche Entsprechung vielleicht nur die Unendlichkeit gab. Zumindest fühlte sich das für mich auf Erden so an. Und ich verschlang jede Menge Science Fiction, um diesem Zustand der Unendlichkeit nahe zu kommen, und vor allem, weil ich als Karl-Marx-Städter das Irdische als ziemlich dröge empfand, und nur das Weltall wirklich Rettung verhieß.
    In Rangas Buch vermischen sich die Geschichten von Kosmonauten und Astronauten geradezu natürlich.

Und Ranga geht in ihren Raumfahrtgedichten auf eine spektakuläre Art nüchtern vor. Im Grunde konfrontiert sie den Leser mit einer kosmischen Realität, indem sie Selbstaussagen von Kosmonauten, Astronautinnen und Astronauten aufarbeitet und in den Texten kompiliert. Auf diese Weise entgeht sie den Pathosfallen, die das Thema zur Genüge produziert.

Das Buch gliedert sich in drei Kapitel. Das erste Kapitel präsentiert Momente der Auswahl der Reisenden und der sich daran anschließenden Ausbildungen und Trainings.
    Im zweiten Kapitel geht es um die Raumfahrten selbst, die Erfahrungen, Beobachtungen und Selbstbeobachtungen. Die Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme, aber auch Verschiebungen in den Charakteren der Reisenden. All das wird gewissermaßen protokollarisch aufgenommen und nicht weiter interpretierend ausgeführt. Der Effekt ist aber, dass bei aller Nüchternheit der Darstellung im Leser sich eine Art Resonanz- und Reflektionsraum bildet. Es entstehen reflektorische Echokammern, die das Gelesene nachhallen lassen, auch wenn die mehrfach erwähnte enorme Lautstärke der technischen Geräusche auf den verschiedenen Shuttles und Stationen zum Glück nur als Information verstört und sich nicht in das Umfeld des Lesers niederschlägt. Und in diesem Kapitel finden sich Fotografien sowohl vom Blick in den Weltraum, als auch aus ihm heraus, von der Ansicht von Strukturen auf der Erde. Die Raumfahrenden wandern in einem Zwischenreich.

Das letzte Kapitel ist dann der Nachbereitung gewidmet und dem Zustand der Reisenden nach ihrer Rückkehr. Hier findet sich Pathos sehr unterschiedlich ausgeprägt, vom achselzuckenden: „Es war halt ein Job“ bis hin zu einer fundamentalen Verunsicherung, was den Sinn eines Lebens auf der Erde betrifft.

Das Gehirn
hat jetzt eine Menge
damit zu tun
sich wieder
an die Schwere zu gewöhnen.

Vor nicht allzu langer Zeit stellten wir hier Ethel Adnans „Wir wurden kosmisch!“ vor, ein langes Gedicht, das sich von den kosmologischen Implikationen der ersten Raumflüge inspirieren ließ und einen großen überzeitlichen Bogen spannte. Ranga fängt diese Energie ein, fokussiert, ohne dass die Faszination für das Thema verloren geht. Diese beiden Bücher machen sich neben-einander sehr gut.


Zurück zum Seiteninhalt