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Crauss.: wohnzimmerlesungen

Diskurs/Poetik/Essay > Diskurse > Das Digitalisieren des poetischen Körpers
Crauss.

 
wohnzimmerlesungen
 

Voraus gingen dieser Antwort von Crauss. ein Live-Interview von Konstantin Ames zum Thema "Dichterlesung seit den 1950er Jahren" und ein reger email-Wechsel. Zuletzt:.

Lieber Crauss,
unter den derzeitigen sozialen Shutdown-Bedingungen blühen die Wohnzimmerlesungen, d.h. Streamings aus privaten Räumen in private Räume. In einem anderen Sinn als das von Dir entwickelte Format gemeint  war. Was würdest Du ggf. kritisieren, i.e. was findest Du gut, was misslungen an den neuen Formaten?
Herzliche Grüße aus Shutdown-n-up-Berlin
Konstantin


zunächst einmal finde ich sehr schön, dass sich in zeiten verordneter sozialdistanz - und das wird trotz einiger lockerungen weiter anhalten bzw. nachwirkungen im gemeinsamen miteinander haben - das wort von der kunst verbreitet. wo bislang eher der einzelne autor oder bildende künstler sich gedanken gemacht hat, wie man kunst in den digitalen raum bringen kann oder wie man neue und hybride formen dort überhaupt erst entwickeln kann, fühlt sich nun auch die breite masse gefragt. das hat vor- und nachteile.

den einzelnen dichter findet und erinnert man besser – wenn hunderte autoren plötzlich lesungen streamen, wirds unüberschaubar, insbesondere, wenn das streaming in unübersichtlichen medien wie facebook oder instagram vollzogen wird. ich merke das bei mir selbst: facebook empfiehlt mir eine veranstaltung, ich klicke auf "interessiert" oder "zusage", aber das ist etwas anderes als eine reale lesung an einem nichtvirtuellen ort, die ich mir als termin zum hingehen oder hinfahren aktiv in meinen kalender eintrage. facebook öffne ich unregelmäszig und verpasse dadurch vieles, was mich vielleicht begeistert hätte.

die wohnzimmerlesungen, die ich 2019 sehr intensiv gemacht habe und weiterhin anbieten werde, hatten ja gerade zum konzept, dass potenziell fremde menschen in die wohnung des gastgebers eingeladen wurden, sich dort umsahen, bewegten, das spezielle ambiente wahrnahmen und erlebten und dem dichter quasi privat gegenüber sassen (manchmal auch gemeinsam an einem grossen tisch). es ging ausser um die präsentation meiner texte unbedingt auch um den austausch, das fragen-können und sich-selbst-einbringen.
das alles ist beim streamen aus (im gegensatz zu in) einem wohnzimmer nicht möglich. der dichter liest seinen text, dann wird weitergeklickt. zwar kann man in der kommentarfunktion lob und fragen hinterlassen; während er streamt, kann der dichter aber nicht antworten. und wenn er antworten kann, klickt sich die gemeinde schon weiter zum nächsten stream.

ausser bei kurzen irritationen (katze oder kind laufen durch bild) ist das private hier also nur pseudo-privat bzw. pseudo-intim. deshalb ist es auch gleich, ob ich aus meinem wohnzimmer oder von der wiese streame. streaming braucht ein mindestmasz an inszenierung, angefangen vom beherrschen der technik (gegen schlechtes internet ist in deutschland leider noch nichts gewachsen, gegen die nichtbeherrschung des selfie-modus beim mobiltelephon aber schon) bis hin zur überlegung, vor welchem hintergrund oder in welchem gewand ich mich präsentiere. das muss nicht übertrieben, sondern kann sehr schlicht eingerichtet sein (im frühsommer wird ein virtuelles #sprachglitter-konzert mit Nils Wilkinson und mir fürs kunsthaus mürzzuschlag online gesendet, wobei mein part in einer ausgeräumten garage aufgenommen wurde).

ich selbst habe mich nicht am massen-streaming in den letzten monaten beteiligt, gleichwohl einige kurzvideos extra aufgenommen oder ältere zurechtgeschnitten und zb. auf meinen youtube-kanal gestellt. es ergab sich einfach, weil ich durch ausgefallene veranstaltungen mehr zeit hatte als sonst. ausführlichere vorträge oder videoarbeiten sollten allerdings entsprechend bezahlt und behandelt werden wie real stattfindende lesungen.



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