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Christoph Leisten: „Bei den Glutnestern Wache gestanden“ - 100 Jahre Dagmar Nick

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Dagmar Nick und Christoph Leisten
Christoph Leisten

„Bei den Glutnestern Wache gestanden“


Die am 30. Mai 1926 in Breslau geborene Dichterin Dagmar Nick feiert ihren 100. Geburtstag: Ausblicke auf ein Jahrhundertwerk.

Vor mehr als 80 Jahren, im Oktober 1945, also gerade einmal fünf Monate nach dem Ende der nationalsozialistischen Terrorherrschaft, erschien in der ersten Ausgabe der Münchener „Neuen Zeitung“ das lyrische Debüt einer damals 19-jährigen Dichterin, das Erich Kästner in seinem Begleittext deutete „als ein gutes Zeichen dafür, daß unsere Hoffnung nicht zu trügen scheint“. Das Gedicht, auf das sich Erich Kästner hier bezieht und das er in dieser unmittelbaren Nachkriegszeit als ein „Hoffnungszeichen“ für die Literatur betrachtet, trägt den Titel „Flucht“ und stammt von Dagmar Nick.

Flucht

Weiter. Weiter. Drüben schreit ein Kind.
Laß es liegen, es ist halb zerrissen.
Häuser schwanken müde wie Kulissen
durch den Wind.

Irgendjemand legt mir seine Hand
in die meine, zieht mich fort und zittert.
Sein Gesicht ist wie Papier zerknittert,
unbekannt.

Ob du auch so um dein Leben bangst?
Alles andre ist schon fortgegeben.
Ach, ich habe nichts mehr, kaum ein Leben,
nur noch Angst.

Ohne Larmoyanz und in einer kompromisslosen, bildstarken Sprache macht Dagmar Nick bereits in diesem frühen Gedicht die psychologische Zerrüttung und die moralischen Wunden ihrer traumatisierten Generation auf eindringliche und zugleich unverwechselbare Weise deutlich. Wenngleich diese Verse – vordergründig – noch dem traditionellen Reim verbunden bleiben, zeigt sich schon hier: Da spricht eine neue poetische Stimme, die keineswegs bereit ist, sich einer kollektiven Opfererzählung hinzugeben oder in den Eskapismus einer neoromantischen Naturdichtung zu flüchten, sondern schonungslos auf die nackte Existenz des Menschen in einer von Totalitarismus und Krieg verwüsteten Zeit blickt. Inhaltlich klingt mit „Flucht“ bereits ein Thema an, das Dagmar Nick immer wieder aufgreifen und variieren wird, und die formale Gestaltung durchbricht – ungeachtet der durchgängigen Reime – durch die extrem verkürzten Schlussverse bereits die traditionelle Form in Richtung einer eigenständigen Modernität. Liest man heute dieses Gedicht, das in der Folgezeit vielfach nachgedruckt wurde, so zeigt sich, dass es nichts von seiner Aktualität verloren hat. Im Gegenteil: Es sind zeitlose Verse, die der hier noch adoleszenten Dichterin gelingen, und deren außerordentliche Begabung kommt nicht von ungefähr.

Dagmar Nick kommt am 30. Mai 1926 in Breslau in einer Familie zur Welt, in der das Musische von konstitutiver und zugleich prägender Bedeutung ist, sowohl durch den Vater Edmund Nick, der als Komponist, Kapellmeister der Schauspielbühnen in Breslau und ab 1924 als künstlerischer Leiter des Rundfunksenders „Schlesische Funkstunde“ arbeitet, als auch durch ihre Mutter Kaete („Katja“), die als Konzertsängerin und Gesangslehrerin und Diseuse tätig ist. 1933 wird Edmund Nick im Zuge der nationalsozialistischen „Gleichschaltung“ beim Sender entlassen; die Familie zieht nach Berlin. Katja Nick erhält aufgrund ihrer teilweise jüdischen Vorfahren Berufsverbot; die Eheleute halten sich mit verschiedenen Tätigkeiten – teilweise unter Verwendung von Pseudonymen – über Wasser. Als 1944 ihr Berliner Domizil ausgebombt wird, flüchtet die Familie zunächst unter schwierigen Umständen nach Mähren, später nach Bayern, wo sie das Kriegsende erlebt. Ab Oktober 1945 arbeitet Edmund Nick u.a. für das neugegründete Münchener Kabarett „Die Schaubühne“.

In diesen Jahren leidet Dagmar Nick stark unter den Folgen einer schweren Tuberkulose-Erkrankung. Trotzdem reift nach dem Debüt in der „Neuen Zeitung“ kontinuierlich ein lyrisches Werk heran. 1947 erscheint ihr erster eigenständiger Gedichtband unter dem Titel „Märtyrer“ im Drei Fichten Verlag. Beigegeben ist diesem Band eine Widmung: „Geschrieben für jene, die die Konzentrationslager erlebten“. Vier Gedichte dieses Bandes sind mit der titelgebenden Überschrift „Märtyrer“ versehen, und sie setzen an mit kompromisslosen Fragen: „Wer sah sie denn in ihrem großen Leid? / Wer fühlte ihre ungesagten Bitten? / Sie waren hinter Gittern abgeschnitten. / Sie waren weit. // […] Und alles schwieg. Sie blieben ungeglaubt / und standen in den aufgetürmten Leiden / der ganzen Welt und waren wie entlaubt.“ Indes belässt die poetische Gestaltung es nicht bei der Klage, und so folgt im vierten dieser Gedichte ein Aufruf: „Wir müssen sein, sonst wären nicht die Guten, / sonst wäre nirgends Unterschied. // […] Wir wachen nur und ritzen in die Wände / Gebetetes hinein.“

Zweifellos ist dieser frühe Band durch das Bedürfnis gekennzeichnet, den Opfern der Schreckensherrschaft ein würdiges poetisches Gedenken zu verschaffen. Aber er beschränkt sich nicht darauf. Vielmehr ist es so, dass Dagmar Nick aus der Hinwendung zu den Geschundenen dieser Zeit bereits das Potenzial für eine universale Auseinandersetzung mit der Flüchtigkeit und den Gefährdungen der menschlichen Existenz zu schöpfen scheint. So klingen hier schon Themen an, die das weitere lyrische Werk maßgeblich bestimmen werden, etwa die Anonymität der modernen urbanen Gesellschaft, existentielle Einsamkeit, das Leid von Flüchtenden – und das Thema der Liebe, die das Gefühl des Alleinseins wenigstens punktuell zu durchbrechen vermag. Es ist kaum verwunderlich, dass Dagmar Nick angesichts dieser poetischen Schöpfungen bereits 1948 ausgezeichnet wurde, nämlich mit dem Liliencron-Preis der Stadt Hamburg. Es ist ein Jahrhundertwerk, das in diesen Jahren seinen Anfang nimmt.

Nach dem „Buch Holofernes“ (1955), in dem die biblische Figuren- und Motivwelt erstmals einen zentralen Platz einnimmt, folgen in Dagmar Nicks lyrischem Werk die Bände „In den Ellipsen des Mondes“ (1959, neu aufgelegt 1994) sowie „Zeugnis und Zeichen“ (1969, neu aufgelegt 1990). Die Dichterin selbst hat betont, erst in diesem Band „völlig ihre eigene Stimme gefunden“ zu haben, wie Pia-Elisabeth Leuschner im „Kritischen Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“ vermerkt. Dahinter mag sich auch eine große Portion Selbstkritik und Bescheidenheit verbergen. Aber wie dem auch sei: Hier weichen traditionelle Metren und Reime einer freien, stets hochmusikalischen Rhythmisierung, die auch das weitere Werk Dagmar Nicks kennzeichnen wird. Thematisch kommen, neben Natur und Mythos, die den Menschen auf seine Begrenztheit verweisen, zunehmend auch die aktuellen gesellschaftlichen und (welt-)politischen Gefährdungen der Gegenwart zur Geltung, wie sich schon im Titel des Auftaktgedichts, „Den Generälen ins Soldbuch“, andeutet. „Ordnet die Himmel neu, / ihr Herrscher der Heerscharen,“ heißt es dort, „setzt den Monden, / die ihr mit euren Sonden beleidigt, / neue Gezeiten, / teilt die Sonnensysteme / unter euch auf, / ihr braucht Raum für die Toten, / fügt ins Sternbild der Zwietracht / den Kainsstern, das Brudermal, / Grabmal für einen und tausend Gemordete, / […] aber vergeßt nicht die Hölle, / ihr Herrscher der Heerscharen, / eine neue Hölle für uns, / die wir zu überleben hofften / am Rande des Chaos.“ Hier erklingt eine poetische Stimme, die sich den (welt-)politischen Verwerfungen, der Hybris von Herrscherwahn und Militarismus, entgegensetzt, nicht plakativ, sondern mit gleichermaßen subtiler wie bitterer, entschiedener und daher umso wirkungsvollerer Ironie.

Auch in den nachfolgenden Jahrzehnten geraten in Dagmar Nicks Lyrik die aktuellen Verhältnisse immer wieder in den Blick, etwa in dem 1992 erstmals veröffentlichten Gedicht „Idylle“, das vermutlich unter dem Eindruck der „neuen“ Kriege in der Balkan- und der Golfregion - entstanden ist und das auf unnachahmliche Weise die Diskrepanz zwischen dem durch den Krieg verursachten Leid und dessen medialer Präsenz aufgreift:

Idylle

Von Vergänglichkeit wird nicht geredet.
Auch der Waffenstillstand vom Montag
ist schon am Dienstag gebrochen.
Wie leicht fliegt die Leuchtmunition
über den Bildschirm, wie hübsch
das Phosphorgrün der Raketen
bei Nacht.
Morgens sind die Gesichter der Toten
mit Tüchern bedeckt, die Gesichter
der Lebenden mit Händen.
Einer wird gewinnen, verspätet.
Wir warten, todsicher
in der ersten Reihe.

Auf kunstvoll-lakonische und zugleich erschütternde Weise wird hier die mitteleuropäische Fernsehkultur der 80er und der frühen 90er Jahre (mit Samstagabend-Sendungen wie „Einer wird gewinnen“ und dem Werbespruch „Bei ARD und ZDF sitzen Sie in der ersten Reihe“) der todbringenden Kriegswirklichkeit konfrontativ entgegengesetzt, und zwar dergestalt, dass die medialen Begrifflichkeiten im Kontext des Kriegerischen eine völlig neue Bedeutung erhalten. Vielleicht werden Leserinnen und Leser, die diese Zeit nicht miterlebt haben, diese Anspielungen nicht unmittelbar entschlüsseln, aber der nachhaltigen und gewiss überzeitlichen Wirkung dieses Gedichts tut dies keinen Abbruch. Vielmehr zeigt sich in diesem Gedicht bereits früh eine außerordentliche poetische Sensibilität für die Problematik medialer Phänomene, die erst in neuerer Zeit zum allgegenwärtigen Thema geworden ist.

Eine außerordentliche Sensibilität zeigt Dagmar Nick auch im Hinblick auf das Thema der Liebe, deren gleichermaßen erfüllte wie gefährdete Gestalt sie in tiefgründigen Gedichten immer wieder – seit den Anfängen und bis in die heutige Zeit – darstellt. So rekapituliert das Gedicht „Früher“ (erstmals 1996 in dem Band „Gewendete Masken“) die kühnen Stationen einer – anscheinend mittlerweile erkalteten – Liebe in einer faszinierenden, auf weitläufige gemeinsame Reisen rekurrierenden Bildlichkeit.

Früher

Früher liebten wir uns
über dem Abgrund, wo anderntags
der Orientexpress von der Brücke
sprengte; die Wüsten Arabiens
durchrasten wir ohne Kompass und
kamen doch auf den erkorenen
Gipfel, betraten die Arche,
die keine Planken mehr hatte,
und kreuzten damit übers Meer;
bei der Ankunft im Hafen
der Albatrosse steckte der Frühling
uns an und wir phosphoreszierten
mit den Hinterleibern der Leuchtkäfer
um die Wette; eine einzige
steingemeißelte Quetzalfeder
genügte uns, abzuheben
von dieser Welt. Früher
liebten wir uns.

Anfang und Ende dieses Gedichtes scheinen klar darauf hinzuweisen, dass die hier thematisierte Liebesbeziehung an ein Ende gelangt ist. Aber vielleicht ist diese Liebe auch nur ungewiss geworden. Die Zeilen dazwischen lassen indes keinen Zweifel daran, dass diese Liebe – ungeachtet aller damit verbundenen Gefährdungen und Waghalsigkeiten – ein Zustand höchster Erfüllung war, in dem es gelang, „über dem Abgrund“ zu schweben (und zu lieben!), „ohne Kompass“ zu reisen, „auf den Gipfel“ zu gelangen, auf plankenloser „Arche […] / übers Meer“ zu fahren und „abzuheben / von dieser Welt“. Die hier dargestellte Liebe fand, so zeigt sich, ihre Erfüllung im gemeinsamen, von allen äußeren Begrenzungen losgelösten Reisen und den damit verbundenen, tiefgreifenden Erfahrungen. Und es schmälert diese Liebe nicht, wenn sie nunmehr, wie die damit verbundenen Reisen, der Vergangenheit angehören soll. Das Vergangene muss erinnert und – in der Dichtung – bewahrt werden.

Dagmar Nick ist selbst eine Weitgereiste, sowohl geografisch als auch in Bezug auf ihre Lektüren. Schon 1960 kam sie erstmals nach Israel, weitere Aufenthalte folgten; in den Jahren 1963 bis 1967 lebte sie dort. Bereits 1963 publizierte sie eine Prosa unter dem Titel „Einladung nach Israel“; später, nach eingehenden Reisen in den mediterranen Raum, folgten die Bände „Rhodos, erinnert“, „Sizilien“ und „Götterinseln der Ägäis“, die heute allesamt in Neuauflagen vorliegen. Diese Bücher sind weit mehr als eine konventionelle Reiseprosa, sie sind vielmehr von stilistischer Vollkommenheit geprägt und bezeugen auf eindringliche Weise, wie weltgewandt und klug Dagmar Nick in der mediterranen Welt und im antiken Mythos zu Hause ist. In ihren Prosabänden und Monologen wie „Medea“ (1988),  „Lilith“ (1992) und „Penelope“ (2000) zeigt Nick eine tiefgreifende, subversive Kraft im Umgang mit der Mythologie. Sie gibt darin den weiblichen Figuren eine Stimme und dekonstruiert dabei den heroischen Mythos des Mannes. Damit befreit ihre Darstellung die Frauenfiguren aus ihrer passiven Opferrolle und kennzeichnet sie als die eigentlichen, oft schmerzvollen Trägerinnen der Existenz. Es ist eine literarische Emanzipation, die völlig ohne theoretische Manifeste auskommt – sie vollzieht sich rein über die psychologische Präzision und die Wucht der Sprache. Von stilistischer Brillanz zeugen auch ihre Hörspiele (zusammengefasst in dem Band „Die Flucht“, 2006) sowie ihre gesammelte Prosa, die unter dem Titel „Momentaufnahmen“ 2015 erschienen ist.  Nicht vergessen werden darf an dieser Stelle und im Zusammenhang mit ihrer Prosa Dagmar Nicks umfängliche Familienchronik „Eingefangene Schatten“, die 2015 im Verlag C.H. Beck erschienen ist und die vier Jahrhunderte wechselhafter jüdischer Geschichte rekonstruiert. Wie in ihren Gedichten, schreibt die Autorin auch hier gegen das Vergessen an.

Ungeachtet dieser allesamt sehr lesenswerten Werke auch jenseits der Poesie ist Dagmar Nick in allererster Linie immer Lyrikerin gewesen – und, bis heute, geblieben. Eine Lyrikerin, die erstaunlich früh ihre Themen gefunden hat und sich nie hat verbiegen lassen von den poetischen Moden und Manierismen ihrer Zeit, sondern in tief beeindruckender Konsequenz ihren eigenen Weg gegangen ist. Poetologische Theoreme sind ihr fremd; unprätentiös und bar jeder Eitelkeit hat sie bei Gelegenheit mehrfach betont, Gedichte würden ihr „passieren“.

Seit mittlerweile mehr als dreieinhalb Jahrzehnten hat ihr Werk im Rimbaud Verlag eine Heimat gefunden. Hier ist annähernd ihr Gesamtwerk in schöner Kontinuität präsent. Seit den frühen neunziger Jahren sind bei Rimbaud zahlreiche Bände erschienen, teilweise als Neuauflagen früherer Werke, wie etwa  - neben den bereits erwähnten lyrischen Frühwerken „Zeugnis und Zeichen“ und „In den Ellipsen des Mondes“ – auch der ursprünglich 1986 erschienene Band „Gezählte Tage“ (1992), aber auch zahlreiche neue Bände wie „Im Stillstand der Stunden“ (1991), „Sterngefährten – Gefährten“ (1993), „Gewendete Masken“ (1996), „Trauer ohne Tabu“ (1999) und „Schattengespräche“ (2008). Zunehmend kommen in den Gedichten dieser Zeit das Alter und die Endlichkeit der menschlichen Existenz sowie – auf schwebende, offene Weise – auch das Metaphysische in den Blick, ohne jede Weinerlichkeit, sondern vielmehr mit einem präzisen und hochpoetischen Sensorium für die Conditio humana. Dass – abgesehen von mehreren bibliophilen Publikationen, u.a. im Babel Verlag – bei Rimbaud, ihrem Hausverlag, selbst innerhalb der letzten Dekade noch zwei neue, und höchst eindrucksvolle Gedichtbände der inzwischen hochbetagten Autorin erschienen sind, nämlich „Im freien Fall“ (2016) und „Getaktete Eile“ (2021), führt unmissverständlich vor Augen, dass wir es bei dieser Dichterin mit einer Ausnahmeerscheinung zu tun haben.

Für ihr literarisches Werk ist Dagmar Nick – mit gutem Recht – vielfach geehrt worden: Dem frühen Liliencron-Preis folgten u.a. der Eichendorff-Literaturpreis (1966), der Tukan-Preis der Stadt München (1981), der Andreas-Gryphius-Preis (1993), der Jakob-Wassermann-Literatur-preis (2002), der Horst-Bienek-Preis (2009) sowie die Auszeichnung Pro meritis scientiae et litterarum (2020). Jüngst wurde ihr – eingedenk des bevorstehenden 100. Geburtstages – der Kulturelle Ehrenpreis der Stadt München, wo sie seit langer Zeit lebt, verliehen.

Ihr Hausverlag legt nun, pünktlich zum 100. Geburtstag, unter dem Titel „Wegmarken“ eine neue, deutlich erweiterte Ausgabe ihrer „Ausgewählten Gedichte“ vor. Àxel Sanjosé hat diese Ausgabe auf sorgfältige Weise ediert. Neben den bereits in der ersten Ausgabe dieser „Wegmarken“ versammelten Gedichte, die im Jahr 2000 erschien, dokumentiert dieser neue Band zusätzlich auch Dagmar Nicks umfangreiches lyrisches Schaffen der letzten zweieinhalb Jahrzehnte, darunter auch Gedichte aus jüngster Zeit, die bisher z.T. nur in Zeitschriften wie den „Akzenten“ und „Das Gedicht“ zugänglich waren. Holger Pils beschreibt diese Gedichte in seinem gehaltvollen und sehr würdigenden Vorwort zum neuen Band wie folgt: „Sie sinnen nach über die Gratwanderungen des Lebens, über erfüllte und verlorene Liebe, über die Abschiede und Aufbrüche. Und das Eindrucksvollste vielleicht: Sie sind immer noch voller Neugier.“ Dem können wir uns nur anschließen. Diese Gedichte bezeugen die ungebrochene Schaffenskraft einer Autorin, deren Stimme, ungeachtet aller Leiden des Alters, heute lebendig ist wie eh und je.

In ihrem kenntnisreichen und äußerst erhellenden Nachwort zu diesem neuen Band schreibt Pia-Elisabeth Leuschner: „Tatsächlich kennzeichnet die Dichterin Nick zeitlebens – und speziell in den vergangenen zwei Jahrzehnten – eine unverbrüchliche Entschlossenheit, das Irdische und Wirkliche bis in seinen letzten Moment wahrnehmend zu (durch)leben.“ Diese treffenden Worte gelten unzweifelhaft auch für das nachfolgende Gedicht.

Vita

Durch alle Feuer gegangen, auch
durch die Explosionen der Liebe
und anderer Versuchungen
ohne Verlust.
Bei den Glutnestern Wache gestanden
bis sie erkaltet waren, und die Asche
mit unseren Initialen markiert,
bevor sie zerstob.
Es gab nichts zu bereuen und
nichts zu bedauern. Und wenn
die nächsten Scharmützel
auf den Vulkanen begännen –
ich wäre dabei.

Es entsteht der Eindruck, dass die großen Themen der Dagmar Nick in dieser poetischen Rückschau auf das bisherige Leben geradezu kulminieren, untrennbar ineinander verwoben: das ausgeprägte Bewusstsein von den Verwerfungen in Geschichte und Gegenwart, das feine Gespür für die Vielschichtigkeit der Liebe und das entschiedene Bestreben, Erinnerung zu bewahren und wachsam zu bleiben – auch für die Zukunft, und im Einverständnis mit den Bedingungen der humanen Existenz. Es ist eine zutiefst menschliche Stimme, die aus diesen Versen spricht, eine Stimme voller Empathie, deren Bedürfnis, „[b]ei den Glutnestern Wache“ zu stehen, damit das Vergangene und die Vergänglichkeit selbst nicht dem Vergessen preisgegeben werden, bis heute ungebrochen ist. Dagmar Nicks Dichtung zu lesen, sich in diesen einzigartigen poetischen Kosmos zu versenken, ist vielleicht gerade in unserer Zeit so wertvoll und fruchtbar wie nie zuvor. Wir gratulieren aufs Herzlichste zum 100. Geburtstag!


Literaturhinweis:
Dagmar Nick: Wegmarken. Ausgewählte Gedichte. Erweiterte Neuausgabe, herausgegeben von Àxel Sanjosé. Aachen (Rim-baud Verlag) 2026. 148 S. 20,00 Euro.

Die Rechte aller im Text zitierten und besprochenen Gedichte liegen beim Rimbaud Verlag, Aachen. Das Gedicht „Flucht“ ist abgedruckt in dem Band „In den Ellipsen des Mondes“ (Rimbaud 1994, S. 5); in der Neuausgabe der „Wegmarken“ sind die Gedichte „Idylle“ (S. 15), „Früher“ (S. 26) und „Vita“ (S. 124) vorhanden.


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