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Christian Metz: Beugung

Rezensionen/Verlage


Stefan Hölscher

Christian Metz: Beugung. Poetik der Dokumentation. Berlin (Edition Panopticon – Verlagshaus Berlin) 2020. 48 Seiten. 7,90 Euro.

Beugen beugen – Wir Porsche Fahrer


Lieber vielfältig beugen als einseitig reflektieren

Wer sich für Gegenwartslyrik und Modelle zu ihren tektonischen Besonderheiten interessiert, wer nach Ansatzpunkten für einen besseren Kontakt zu solcher Lyrik und ihren Entstehungs-hintergründen fahndet, wer vielleicht einfach neugierig ist auf einen poetologischen Essay des Autors von „Poetisch denken“, der 2018 bei S. Fischer erschienenen und sicher nach wie vor lesenswerten Monographie zur „Lyrik der Gegenwart“ –, dessen Auge fällt vermutlich auch auf „Beugung“, das gerade mal gut 40 Seiten, kleiner als Postkartengröße umfassende neue Buch von Christian Metz mit dem Untertitel: „Poetik der Dokumentation“.

Den Eingang des Essays bildet die Feststellung: „Die Literatur ist gegenwärtig von Inszenierungen bestimmt, die entweder nicht-fiktional oder nicht eindeutig als fiktional zu identifizieren sind … Es herrscht der blanke Dokumentarismus.“ Ausgehend von dieser Phänomen-Beschreibung will Metz den Lesenden ein Modell vorstellen, „das großes Potential sowohl für die Lyrik als auch für die Lyriktheorie aufweist.“ Womit er das Modell der „Diffraktion“ oder eben „Beugung“ meint, das er in Anlehnung an die theoretischen Arbeiten von Karen Barad und Donna Haraway für die theoretische Beleuchtung wichtiger Teile der Gegenwartslyrik in Anschlag bringt. Das Modell der Diffraktion grenzt Metz dabei von dem der „Reflektion“ ab:

„Wellen (wie die des Lichts) werden gebeugt, wenn sie durch eine Lücke in einer Barriere dringen. Statt wie etwa bei der Reflexion beim Auftreffen auf eine Fläche zurückgeworfen (und damit gebrochen) zu werden, geht es bei der Beugung um ein Überfließen des einen Mediums in ein anderes… Aus dieser Überlagerung verschiedener Wellen, mit unterschiedlichen Amplituden, kommt es bei der Beugung zu Unschärfeeffekten dort, wo die Wellen aufeinander treffen. In diesem Pattern von Interferenzen tritt fortgesetzt das Unterschiedliche gleichzeitig auf, statt sich zu einem Dritten zu vereinen.“

In den auf die theoretische Hinführung folgenden Kapiteln seines Essays bringt Metz dann vier Beispielsbereiche, um sein Modell zu exemplifizieren:

„DAS DIFFRAKTIVE SUBJEKT UND DIE SELBSTDOKUMENTATION“ – dargestellt anhand eines Textausschnitts von Hendrik Jackson; DIFFRAKTIVE AUTOR*INNENPOETIK: DOKUMENTATION LYRISCHER ARBEIT – mit dem Blick auf Arbeiten von Brigitte Oleschinski; DOKUMENTATION DES LESENS: LIES BEUGUNG – mit Textbeispielen von Sylvia Geist, Christian Schloyer und Carl-Christian Elze sowie WELTDOKUMENTATION: VERSCHRÄNKUNG VON WAHR-NEHMUNG UND AUSSEN unter Rückgriff auf Texte von Christiane Heidrich, Christian Lehnert und Marion Poschmann.

Um eines gleich vorwegzunehmen: Mit seinen Veranschaulichungen gelingt es Metz durchaus zu zeigen, dass das Modell der Beugung, wie er sagt, „das Potenzial“ hat, auffällige Verschränkungsphänomene und deren Wirkung in Texten wie den herangezogenen zu beschreiben und bildlich zu fassen. Daher kann man schon an dieser Stelle sagen: (Essay-)Ziel erreicht!

Nichtsdestotrotz gibt es zwei Punkte, die mich bei der Lektüre wie auch dem Eindruck danach immer wieder ins Fragen und Zögern gebracht haben: der eine liegt eher an der Oberfläche des Geschehens, der andere darunter.

Im Dunkeln ist gut funkeln  

Christian Metz vermag es, wie er ungleich stärker, als es in dem kurzen Essay möglich wäre, in „Poetisch denken“ zeigt, Gedichte sehr fein und genau in ihren Strukturen und Zusammenhängen wahrzunehmen und diese Wahrnehmungen in einer geistvollen und eloquenten Sprache zum Ausdruck zu bringen. Auch in „Beugung“ wird diese Tugend, besonders bei der Beleuchtung einiger Textbeispiele, wie etwa denen von Jackson, Geist oder Lehnert deutlich. Gleichzeitig gibt es bei Metz aber auch immer mal wieder die Tendenz, mit schönen Worten schön zu nebeln; und diese Tendenz zeigt sich stärker, wenn es nicht um konkrete Textanalysen, sondern allgemeinere Aussagen geht:

„Oleschinski bringt die Auto(r*innen)poetik als jene Schreibform in Position, in der sich die materiale Autor*-innenschaft – in ihrer Leiblichkeit – verschränkt mit der Textualität des Textes. Eigener Leib und Schriftkörper, Erlebnis und Gedächtnisspeicher beginnen, sich paradoxal zu überlagern.“

Was genau ist hier gemeint? Falls Metz uns sagen möchte, dass auch bei Oleschinski das Leibliche sich auf den Text auswirkt (und vice versa sicher auch), erfahren wir hier nicht allzu viel Neues. Offenbar möchte Metz hier aber mehr, wenn er konstatiert, dass „Eigener Leib und Schriftkörper, Erlebnis und Gedächtnisspeicher beginnen, sich paradoxal zu überlagern.“ Kann ich als Lesender aus dem Kontext noch ein Verständnis entwickeln, was hier mit „überlagern“ gemeint sein könnte, so finde ich die Behauptung des Paradoxalen zumindest für die Darstellung des Oleschinski-Beispiels schlichtweg im Text nicht belegt. Worin in diesem konkreten Fall die Paradoxien bestehen sollen, darüber können bei Metz die Lesenden höchstens spekulieren. Es sei denn, sie wollen davon ausgehen, dass ohnehin alles im Leben paradox sei. Aber dann müsste man das wohl auch nicht mehr eigens erwähnen.
     Wenn Metz die für sein Modell konstitutive Theorie von Karen Barad einführt, schreibt er:

„Nicht bestehende, abgeschlossene Entitäten verbinden sich miteinander, sondern die Elemente konstituieren sich erst in fortlaufender Verschränkung. Für Barad ragen das Asemiotische, sprachlich nicht gefasste Materiale (matter), die Leiblichkeit der Körper, die Materialiät der Dinge, in die symbolische Ordnung (des Verstehens) hinein. Und zwar nicht etwa passiv, sondern agentiell. Barad spricht daher von Intraaktion und von Figuren der Verschränkung.“

Fangen wir mit dem zweiten Satz an, dass Materiales („Matter“), das „Asemiotische“, die „Leiblichkeit der Körper“ in die „symbolische Ordnung“ hineinragt. Wer, der nicht so gänzlich indiskutable Positionen wie einen dichotomen ontologischen Dualismus oder einen psychischen Monismus (á la George Berkeley & Co) zugrunde legen würde, könnte das hier Gesagte im Ernst bestreiten? Jawohl, die Materie (aus der wir ja nicht zuletzt auch bestehen) macht was mit uns. Entdeckung! Und sogar mit unseren Texten! Hier wären wir also wieder, wenn auch mit schön klingenden Worten, im eher trivial Wahren. Auch an dieser Stelle ist aber offenbar mehr gemeint, wenn Metz referiert: „Nicht bestehende, abgeschlossene Entitäten verbinden sich miteinander, sondern die Elemente konstituieren sich erst in fortlaufender Verschränkung.“

Was bitte sollen „abgeschlossene“ Entitäten sein? Entitäten, die für alle möglichen (äußeren) Einflüsse unerreichbar sind und die daher ganz und gar unveränderlich wären? Wer – mit irgendwie wissenschaftlicher Grundbildung ausgestattet – würde im Ernst derlei Entitäten (jenseits eines möglichen Gottesglaubens) voraussetzen? Wenn die Entitäten andererseits aber durch Einflüsse, Wirkungen, Wechselwirkungen etc. veränderbar sind, warum ist dann von „Intraaktion“ und nicht von „Interaktion“ die Rede? Auch hier dürfen die Leser*innen des Essays spekulieren, phantasieren oder einfach die Augen verschließen und die schönen Worte genießen. Und das führt denn auch schon zu dem zweiten, etwas grundlegenderen Schönheitsfehler, der mich bei der Argumentationsweise von Metz immer mal wieder ein wenig zucken lässt.

Ein Fundament, das trägt, wenn man leicht darüber geht

So wie Metz die Theorie, auf der sein Modell fußt, darstellt, steht das Fundament auf etwas tönernen Füßen. Dies beginnt übrigens schon damit, dass Metz sein Konzept der Beugung ja dezidiert absetzt von dem der Reflektion. Dabei versteht er Reflektion als das reine „Zurückgeworfen“-Sein des Licht- oder eben Erlebnisstrahls. Diese Definition ist natürlich nicht falsch (da Definitionen ja bekanntermaßen als Setzungen gar nicht falsch sein können); sie ist aber zu eng gemessen an dem, was seit Jahrhunderten in der Geistes- und Kulturgeschichte unter „Reflektion“ verstanden wird, nämlich Dinge wie etwa: tieferes Nachdenken, sich in Beziehung setzen zu, bewusst Resonanz geben auf, eine Metaebene zu einer Objektebene einnehmen etc. – jedenfalls nicht nur linear „zurückwerfen“.

Nun ist es sicher in Ordnung, wenn Metz das Phänomen der Beugung akzentuieren möchte, dieses Phänomen auch konzeptionell gegenüber Anderem zu schärfen. Nicht schlecht wäre es allerdings gewesen, deutlich zu machen, dass er dabei von einer ganz bestimmten Definition von „Reflektion“ ausgeht und keinesfalls vom allgemeinen, nicht-physikalischen Verständnis dieses Begriffs. Metz erweckt jedoch den Anschein, als hätte er neben dem kruden Reflektieren für das Feld der Lyrik nun etwas ganz Anderes und Neues entdeckt: eben das phänomenale Beugen.

Und Beugen, so wie Metz es in Anlehnung vor allem an Barad versteht, ist eben immer auch ein interferenzstiftendes Intraagieren nicht abgeschlossener Entitäten. Hier kann nicht der Ort sein, den größeren Fragen, die sich an ein derartiges Theoriegebäude hinsichtlich seiner Konsistenz und Fundiertheit stellen ließen, ernsthaft nachzugehen. Klar scheint mir aber zumindest eines zu sein: dass nämlich die Theorie, auf der Metz sein Modell gründet, durch das, was er in seinem Essay zu ihrer Plausibilisierung anbietet, in ihrer Plausibilität bei Lichte betrachtet unklar bleibt.
    So spricht Metz zum Beispiel einerseits davon, dass sich in der Diffraktion „Elemente“ (die ja nicht abgeschlossene Entitäten sein sollen) „sich erst in fortlaufender Verschränkung“ konstituieren, gleichzeitig aber betont er als eine der zentralen Komponenten seines Modells, dass die Grenzen „zu keiner Zeit aufgelöst“ werden. Wenn es aber Grenzen gibt, dann gibt es doch offenbar auch jenseits und diesseits der Grenzen identifizierbare Entitäten, die sich nicht erst in irgendwelchen „Intraaktionen“ konstituieren. Und dass aus dem Zusammenspiel (um nicht zu sagen: aus den Interaktionen) verschiedener Elemente neue Qualitäten (Emergenzphänomene!) und auch Interferenzen erwachsen können: war uns das nicht irgendwie auch schon vorher bekannt?

Dem Unscharfen mit dem Unscharfen begegnen     

Obwohl man dem theoretischen Unterbau von Metz‘ Modell einige Fragen entgegenhalten könnte, funktioniert das Modell in seiner Anwendung. Metz zeigt es ja selbst in seinen Beispielen, in denen er „Verschränkungen“, „Überlagerungen“, „Interferenzen“, „Unschärfen“ etc. als systematische Mittel und Effekte der von ihm betrachteten Beispieltexte trefflich diagnostiziert. Bei der Lektüre hatte ich allerdings zum Teil den Eindruck, das von Metz mit dem Diffraktionsmodell Beschriebene könnte man auch einfacher beschreiben.

Wenn verschiedene Ebenen, Phänomene, Sprech- und Denkbereiche, wie etwa Inneres und Äußeres, Bewusstseinssprache und neurophysiologische Sprache, Wahrnehmungserleben und Gehirnaktivität, Analoges und Digitales etc. so miteinander verschränkt und in Interferenz gebracht werden, dass dadurch die Bereiche selber ausgeleuchtet werden und zugleich aus ihrer Interferenz (unscharf) ein anderes / neues / ungewohntes Wahrnehmen entsteht, so  könnte man dies recht prosaisch auch als „Cross-Over-Interventionen“ oder vielleicht etwas gediegener als „System-Springer-Liaisonen“ bezeichnen.

Nicht nur in der Lyrik, sondern in nahezu allen Lebens-, Kunst- Service- und Produktbereichen sind Cross Over Varianten heutzutage stark angesagt. Und das natürlich auch deswegen, weil Cross-Over Vorteile bietet. Das Auto, das zugleich Kombi-, Limousinen- und Sportwagenfunktionen in sich vereint, kann schlichtweg mehr als eines, das nur eine dieser Funktionen hat. Und – um zur Ausgangsdiagnose von Metz zurückzukommen – „Literaturinszenierungen“, die zwischen Fiktion und Dokumentation changieren, bringen den großen Vorteil mit sich, dass man die Freiheiten der Fiktion mit dem Fundus des Erlebten und Dokumentierbaren mischen kann. Cross-Over-Formationen zu nutzen, ist also schlichtweg auch ganz clever. Und sie in der Kunst und insbesondere in der Lyrik zu nutzen, eröffnet nicht nur neue Freiheits-, sondern zugleich auch erweiterte Erkenntnisräume. Der Begriff der „Intervention“ würde dabei betonen, dass die Erzeugung von Cross-Over-Phänomenen gezielt geschieht, um damit in der Interaktion zwischen Text und Lesenden die Erfahrung dieses Anderen und Neuen zu ermöglichen, ohne das Vertraute dabei (ganz) zu verlassen.

Ähnlich das Konzept der System-Springer-Liaisonen, das zwar nun auch eine theoretische Anleihe macht, aber nur in den allgemeinen Grundlagen der Systemtheorie. Ein System ist dabei – nach heutzutage unter Systemiker*innen gängiger Auffassung – eine Menge von Elementen mit einem Innen und Außen, also einer Grenze derart, dass gesagt werden kann, was zu dem System gehört und was nicht zu ihm gehört. Was als System betrachtet wird, entscheidet dabei immer ein*e Beobachter*in. In der Welt unserer Alltags- und Wissenschaftssprache gibt es typische Systemunterscheidungen wie eben die erwähnten: Inneres und Äußeres, Bewusstseinssprache und neurophysiologische Sprache, Wahrnehmungserleben und Gehirnaktivität, Analoges und Digitales etc. Das Springen zwischen diesen Systemen führt dabei sowohl dazu, dass die vertrauten Systeme anders und möglicherweise bewusster wahrgenommen werden als auch dazu, dass schillernde Verbindungen, eben Liaisonen zwischen den Elementen der verschiedenen Systeme entstehen, die, wie Metz sagt, als Interferenzen und Unschärferelationen wahrgenommen werden können.

All dies lässt sich natürlich auch mit der Metapher von „Beugung“, von „Diffraktion“ beschreiben. Aber dafür würde tatsächlich schon die reine Metapher mit dem Bezug auf das physikalische Phänomen genügen. Warum dann das deutlich größere Geschirr mit dem ausschweifenden Rückgriff auf die Theorien von Barad & Co? Es kommt mir ein bisschen so vor wie die Frage, warum jemand, der sich fast nur in verstopften Städten durch verstopfte Straßen bewegt, dafür ein Porsche SUV aus seiner Garage holt. Zumindest setzt man sich damit von der Masse derer ab, die nur einen leicht verbeulten Skoda Fabia vor der Haustür haben. Und wenn schon die Lyrik heute wohlmöglich ein ganz klein wenig zum Komplex-Vertrackt-Elitären neigt, warum sollte die Theorie der Lyrik ihr dann irgendwie nachstehen? Wäre das angemessen? Wäre das gerecht? Dürfte das überhaupt möglich sein?

Man muss nicht Skoda fahren, wenn man auch den Porsche nehmen kann. Und vielleicht hat die leicht nebulöse Unschärfe, die hinter der Diffraktionsmetapher von Metz steckt, ja auch, wie Metz vermutet, genau das richtige Potenzial, wichtige Teile gegenwärtiger Lyrik in ihrer Tektonik und Dynamik nicht nur zu beschreiben, sondern ihrerseits auch zu inspirieren. Ähnliches mit Ähnlichem zu behandeln, funktioniert doch auch schon in der Homöopathie bekanntermaßen… (bitte wähle: bestens / miserabel / gar nicht).

Konzentrieren wir uns bei der Frage nach der Validität einer Theorie also exklusiv auf ihren Nutzen statt auf die anstrengenden Fundierungsfragen (womit wir auch ganz gut im Zeitgeist liegen), dann kann es sein, dass hier wirklich alles passt – gerade auch das etwas Dunkel-Diffus-Dubiose. Es wäre dann der Lyriktheoretiker im Grunde seines Herzens zwar ein knallharter Utilitarist. Aber es gibt schlimmere Dinge. Und ein so kurzer Lyriktheorie-Essay, der so viele Fragen und Impulse erzeugt, ist doch auf jeden Fall schon mal eines: spannend. (Im Ernst.)


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