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Carolin Callies: der zettelkasten

Das besondere Gedicht
Foto: Thommy Mardo
Carolin Callies

der zettelkasten


I. ein zettel & seine verzweifelte suche nach einer ordnung, der alles gehorcht
war einst ein zettel, ein merkheft mit lexikalkraft:
wie seltsam, die kategorien der dinge. ich habs stets geschultert:
einhundert ablagesysteme & linien, denen ich traute, die

lohnten
schonten
schönten
& bohnen aß ich, fleckig, das sieht man

& um mich herum warn kartons voller williger & reicher materie
(muscheln, federn, fleischtöne z.b.),
& die masse & der stoff, den ich versoff zu später stunde,
als auf mir ein ganzer handballen stempelfarbe auslief,
dem ich sonst alles diktierte

& um mich herum enzyklopädien ganzer generationen,
dazwischen die frage nach dem nutzen & ein apfelbutzen,
den aß ich, fleckig, das sieht man,
& hier war ein abbildung zu sehen

II.
& doch schlichen sich mit einem male seltsamkeiten ein.
die butter funktionierte plötzlich nicht mehr auf zettel „b“
& zettel „d“ verweigerte auch seinen dienst:
lemmata
dilemmata
dilemma da
die lämmer da.

wie seltsam, die kategorien der dinge. ich habs so lange geschultert
& nun mehr bloß einhundert ablagesysteme von totgeglaubtem:

regenerieren,
regen & nieren
regen gerieren
fegen & frieren & sterben, bestimmt. man sieht es uns an.


III. ein anderer zettel & sein verwegener versuch von chronologie

früher war hier zu lesen vom holz, vom stein & vom pflug
& das war vor meiner industrialisierung,
eingebettet zwischen materialienkunde tl. 1, bd. 1
& der wissenschaft vom später.

doch langsam kollabieren hierinnen alle systeme.
gibt es etwa ein draußen
& was geschieht dort an der stelle von alphabet & linien?

etwas abzulegen glich scheinbar keinem befehl mehr.
kein: bewahr es auf!
kein: heb es auf!
kein: erinner dich!

hier auf dem zettel lebte einst ein tier, fleckig, das sieht man -
was ist aus ihm geworden?

& dann kam die zeit des hotelboys in der lobby
& ich scheu mich nicht,
ihn aus dem dickicht der karte zu ziehen,
ihn getreu gegen das licht zu halten
& unter „h“ hotelgeschichten zu erzählen, ganze nächte lang,
aber wen interessiert das noch?

& unter dem „i“ knrscht auch schon de blestftsptze
(darauf: „versuch einer femnstschen hstore der mkere“).
du siehst, was mir passiert, ich rette mich auf
zucker & zähne & den zettel „zett“. wer notiert mich noch?
notiert da wer? ist da jemand?

IV. ein andrer, ein letzter zettel, angena—
rafft alles zusammen, kumpanen, auf ein weitres, dunkles blatt papier, hier!
das ist unser floß. wir gehen. wir flie
oh nein, jetzt wird hier händisch was nachgetra!
okay, ich zieh den fa
durchs kästchen, folgt mi
wir finden den ausga

die tinte war leer & der apfel & die bohnen. ein hunger hierinnen.…& da warn die anderen
zettel, die in der dunkelheit anfingen, sich gegenseitig aufzuessen. sie versteckten sich in
den nischen des zettelkastens, er wurde immer fleckiger.

ruhig hier. es ist ruhig hier.

ich bin jetzt der letzte zettel.. beschreibst du mich? gibt es dich?


ich ess mich jetzt auf. siehst du? (abb.)


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