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Carles Riba: »Feliç qui ha viscut ...« / »Glücklich , wer ...«

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Carles Riba

»Feliç qui ha viscut ...« / »Glücklich , wer ...«

Übertragen von Àxel Sanjosé


Uns wiegen lassen, wie
Auf schwankem Kahne der See.
(Hölderlin)

Feliç qui ha viscut dessota un cel estrany
                           i la seva pau no es mudava;
i qui d’uns ulls d’amor sotjant la gorga brava
                           no hi ha vist terrejar l’engany.

I qui els seus dies l’un per la vàlua de l’altre
                           estima, com les parts iguals
d’un tresor mesurat; i qui no va a l’encalç
                           del record que fuig per un altre.

Feliç és qui no mira enrere, on el passat,
                           insaciable que és, ens lleva
fins l’esperança, casta penyora de la treva
                           que la Mort havia atorgat.

Qui tampoc endavant el seu desig no mena:
                           que deixa els rems i, ajagut
dins la frèvola barca, de cara als núvols, mut,
                           s’abandona a un aigua serena.


Uns wiegen lassen, wie
Auf schwankem Kahne der See.
(Hölderlin)

Glücklich, wer unter fremdem Himmel gelebt hat,
                           und sein Friede wechselte nicht;
und wer, den Malstrom in Liebesaugen erspähend,
                           dort nicht Verrat kreisen sah.

Und wer den Wert seiner Tage, eines wie des andern
                           gleich schätzt, wie gleiche Anteile
eines abgemessnen Schatzes; und wer nicht nachstellt
                           der Erinnerung, die fliehend der nächsten weicht.

Glücklich, wer nicht schaut ins Vergangne,
                           das uns unersättlich aufwärts treibt
zur Hoffnung, dem keuschen Unterpfand der Frist,
                           die der Tod uns eingeräumt hat,

– wer selbst sein eignes Verlangen nicht schürt,
                           sondern das Ruder lässt und, liegend
in schwankem Kahn, den Blick zu den Wolken, stumm
                           sich einem nüchternen Wasser überlässt.


Aus: Carles Riba: Llibres de poesia. Hg. v. Jordi Malé. Barcelona: Edicions 62, 2019 (Erstdruck 1930 im Band Estances, geschrieben 1922 in München)


Carles Riba (1893–1959): Mit Einflüssen von Leopardi und von Maragalls Poetik des »lebendigen Worts« wurde die Lyrik des in Barcelona geborenen Dichters zunächst – sein erster Gedichtband, Estances (Stanzen) erschien 1919 – als eher dunkel wahrgenommen. Bis zur nächsten poetischen Publikation verging über ein Jahrzehnt, in welchem Riba sich philologisch und essayistisch betätigte und sich mit Rilke, Hölderlin und der europäischen Lyrik der Moderne, vor allem Mallarmé, auseinandersetzte. Seine literaturkritischen Schriften lassen den Einfluss des Romanisten Karl Vossler erkennen, dessen Vorlesungen Riba 1922 während eines Studiensemesters in München besuchte. In den 1930er Jahren etablierte er sich mit dem zweiten Band von Estances (1930) und Tres suites (1935) als einer der anerkanntesten Lyriker seiner Zeit, die im Exil geschriebenen Elegies de Bierville (1943) der Band Del joc i del foc (Vom Spiel und vom Feuer, 1946) und die Sonettsammlung Salvatge cor (Ungezähmtes Herz, 1952) festigten seine Rolle als der sicherlich einflussreichste Autor für die nachfolgenden poetischen Generationen. Carles Riba war auch als Übersetzer tätig und schuf katalanische Fassungen der Odyssee sowie mehrerer Dramen von Aischylos, Sophokles und Euripides. Mit seiner Übertragung einer Auswahl von Hölderlins Lyrik entdeckte er den deutschen Dichter für die katalanischsprachige Welt und erschloss ihn mittelbar auch der spanischsprachigen.

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