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Carla Cerda: Loops

Rezensionen/Verlage


Kristian Kühn

Carla Cerda: Loops. Herausgegeben von Urs Engeler und Christian Filips. Leipzig, Berlin und Schupfart (roughbooks 052) 2020. 50 Seiten. 8,00 Euro.

„ich öffne alle Tabs gleichzeitig und sage Lyrik dazu“.


Loops als Schleifen, Bildschleifen oder Tonschleifen (etwa beim Film für die Synchronisation) – Dauerwiederholungen als Erinnerungssequenzen. Was dieses ganz kleine Büchlein so aufregend macht, ist, dass es uns sprachlich exakt den Takt unserer gegenwärtigen Bewusstseinsabläufe vor Augen hält. Vorwärts rückwärts – Loops, an die wir uns bis zur Bewusstlosigkeit gewöhnt haben, kaum Aussetzer, fast archetypisch, wenn sie nicht so banal wären, Gehirnwäsche in das Unausweichliche einer fast lächerlich säkularisierten Zyklik, die irgendwie zwischen Lovecraft, Mengele und Dummkopfliturgie hin und her spult, immer rasanter, rasanter in ihrem lethargischen Stillstand.

kurz vor ihrer übereilten Abreise trafen die Meteorologinnen auf Bambi, und plötzlich
war es, als ob sie die durch den Brandungsrückstrom begrenzte Scholle schon längst
verlassen hätten. Also rückwirkend. „huch!“ riefen die Meteorologinnen, „Gompho-
therien!“ sie wirkten auf einmal sehr verloren, als wären sie noch nie zuvor hier
gewesen. Bambi schwenkte seinen Rüssel und inspizierte ihre Historie. all den
komplexen Junk, den sie auf der Bühne hinterlassen würden. Was für ein Chaos!
Dann stülpte es eine Kuppel über die Anemonen und rief „Evolution!“
          
Die Meteorologinnen werden als extraterrestrisch beschrieben, sie kommen mit den Zeitloops der Evolution nicht zurecht. Das Motto dieser 6 Verknüpfungen bzw. der Handlungsuntertitel des ersten Loops ist

[In dem wir uns gemeinsam mit Sor Juana Inés de la Cruz, militanten Stachelhäutern, Cortana und einem Fluss in einem Fahrstuhl gegenseitig unsere Träume erzählen. Bis auf einmal niemand wer weiß, wer eigentlich was geträumt hat. Derweil wird ein Kabel verlegt.]

Wir sind quasi bis in die Träume hinein durch Loops elektrifiziert und werden neu verlegt. Cancel Culture vom Feinsten und zum Schmunzeln. So scheint es tatsächlich zu sein. Auch ganz ohne Verschwörungstheorie. Ist man unter Strom, ist auch kein Querdenken mehr möglich, nur noch Gleich- und Wechselstromdenken.

Ach ja, ich vergaß, von wem die Loops sind. Die Gedichte hat – nach Angabe des Subtitels vom Loop 2 Cortana geschrieben, die Software von Microsoft, die Befehle in natürlich gesprochener Sprache empfängt und in die Betriebs-systeme weiterleitet. Aus Verlagsnotizen geht jedoch hervor, dass eine gewisse Carla Cerda, 1990 in Berlin geboren, hiermit ihr aufregendes Debüt vorgelegt hat. „ich öffne alle Tabs gleichzeitig und sage Lyrik dazu“. Zusammengestellt aus Forschungstagebüchern, aus Fragmenten von Mythen, Meeres -, Börsen- und Computerwelten, Carla Cerda, die als Carla Cerda Hegerl 2019 den Hauptpreis des Open Mike gewonnen hat.

So nimmt es kein Wunder, wenn die Loops von Carla Cerda ganz offiziell in den Lyrik-empfehlungen 2021 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Stiftung Lyrik Kabinett, vom Haus für Poesie, vom Deutschen Bibliotheksverband und vom Deutschen Literaturfonds wiederzufinden sind. Und doch: Nur Wenige haben sich bis dato mit diesem faszinierenden Büchlein auseinandergesetzt, wie leider so oft bei uns (noch) unbekannten aber experimentellen Poet*innen aus dem mutigen Verlag roughbooks. In der „Book Gazette – Die Welt der unabhängigen Verlage“ aber schreibt der Autor Nick Lüthi, dass man bei dieser Lektüre glatt vergisst, dass man „ja noch eine funktionstüchtige Lunge besitzt, so rasant fliegen die Erkenntnisse durch die Gedichte.“ Und im letzten Loop der Sechser-Folge heißt es dann, wie in einem sehr nahen Albtraum, dass wir „uns und unsere Messgeräte grundsätzlich überdenken müssen“ – denn die „Tür schließt sich. Der Fahrstuhl sackt ab.“


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