Direkt zum Seiteninhalt

Bülent Kacan: Zu früh gefreut, zu spät erkannt

Home
Foto: Lennart Rühle
Bülent Kacan

Zu früh gefreut, zu spät erkannt: Das trügerische Licht am Ende des Tunnels
Es existiert ein Licht am Ende des Tunnels, das den Fahrgästen erst rückblickend als Beginn weitaus düsterer Zeiten in Erscheinung tritt, und zwar dann, wenn diese, kaum, dass sie den Tunnel verlassen haben, ungebremst in den nächsten Tunnel einfahren müssen, dessen Länge unbekannt, dessen Ende nicht absehbar ist. Womöglich besteht die Kunst einer klugen Staatsführung - die einer existenzgefährdenden Krise entgehen möchte - darin, gar nicht erst auf sie zuzusteuern?
    Das Licht am Ende des Tunnels, diesem in die Metapher übergegangenen real existierenden Bedürfnis, einer Gegenwart, die als nicht enden wollende Belastung empfunden wird, zu entkommen, gleichsam aus ihr auszutreten, unterschlägt vorhandene Auswege, nachträgliche Umwege, künftige Ab-wege. Angesichts der Existenz des Menschen in Zeiten der Krise ist es möglicherweise ratsam, die Metapher, letztlich die Sprache den gegenwärtigen Ereignissen anzupassen: Die Lichter an den Enden der Tunnel wäre solch eine Anpassungsleistung, sie kommt sowohl der Pluralität der Krisen, wie auch ihren Kontinuitäten nach, auch wenn diese unter anderem Namen firmieren. Sodann besteht die Gefahr für die Fahrgäste darin, die Lichter an den Tunnelenden, diese im Zuge der aufkommenden Geschwindigkeit aufflackernden Lichteinschnitte, für endgültige Abschnitte, gleichsam für Zäsuren zu halten, die ein Ende der aktuellen Krise andeuten, während sie rückblickend als Übergang in die nächste Krise erscheinen, während die Fahrtstrecke den Fahrgästen insgesamt als ein Streckenverlauf erscheint, in welcher der Übergang von einer Krise in die nächste mangels alternativer Fahrtstrecken unausweichlich ist.
  Die zivilisatorischen Schneisen, die der Fortschritts-optimismus im Verlauf des 20. Jahrhunderts und noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts in die Restgefilde der natürlichen Umwelt geschlagen hat – sinnbildlich hierfür stehen die Schneisen, welche die Profitgier der holzverarbeitenden Industrie in den intakten Amazonas-Regenwald hineinfräst - sie verlaufen linear, womöglich erlauben sie ein Ausscheren der Fahrgäste nur unter der Voraussetzung, die vorgegebenen Pfade der Zivilisation zu verlassen. Tatsächlich lauert die Barbarei des 21. Jahrhunderts nicht abseits der Zivilisation, sie ist normativer Ausdruck der-selben, sie firmiert schlichtweg unter anderem Namen, das massenhafte Artensterben ist solch ein Ausdruck des norma-tiven, allgegenwärtigen globalen Wahnsinns.
 Hier nun wäre es wichtig, den Fahrgästen den staats-männischen Rat mit auf den Weg zu geben, die Lichter ihrer Fahrzeuge regelmäßig zu überprüfen, womöglich werden diese für unabsehbare Zeit die einzigen Lichtquellen bleiben. Möglicherweise besteht die Kunst der klugen Staatsführung aber auch nachgerade darin, aufkommende Krisen hinzunehmen - welche gleichwohl das Potential besitzen, die bereits existie-renden sozialen Ungleichheiten, die permanente Krise des kleinen Mannes und der kleinen Frau, zu zementieren - sich keiner Täuschung hinzugeben, die schiere Evidenz ihrer Existenz zu akzeptieren, hierbei allerdings nichts unversucht zu lassen, ihre Auswirkungen abzumildern, sie mit rechtsstaatlichen Mitteln anzugehen, sie schließlich zu beenden.
    Die äußere Krise ist immer auch ein Prüfstein für die innere Krisenfestigkeit einer Gesellschaft, für die Standfestigkeit des Rechtsstaats. Die Krise des Rechtsstaates äußert sich im Zuge der Zuspitzung der äußeren Krise im Symptom des Ausnahme-zustands. Der Rechtsstaat kann nach der über-wundenen äußeren Krise nicht in den Status quo ante zurückfallen, entweder wächst er an der Krise, die er überwunden hat, gehen seine Institutionen folglich gestärkt aus der Krise hervor oder aber es droht ein Verfall – zur Symptomatik des verfallenden Rechtstaates würde die dauerhafte Beschneidung der Grundrechte seiner Staats-bürger zählen. Verliert der Rechtsstaat den Kampf gegen die äußere Krise, nimmt er also Züge eines Un-Rechtsstaates an, so mag die äußere Krise zwar überwunden sein, die eigentliche Krise würde allerdings erst bevorstehen.
Bülent Kacan. 2021


Zurück zum Seiteninhalt