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Bülent Kacan: Spurensuche

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Bülent Kacan

Spurensuche


Es ist nicht die Sinnlosigkeit, die jenseits des Sinnhaftigkeit des Seins auf der Lauer liegt, es ist der Unsinn diesseits davon, der uns im Leben fortwährend verzweifeln lässt. Dies ist auch der Grund, weshalb wir an einen höheren Sinn im Leben glauben müssen, wollen wir nicht - zutiefst enttäuscht davon - das Leben selbst in Zweifel ziehen. Der Unsinn darin macht uns entweder zu Gläubigen, die den Sinn, gar höheren Sinn ihrer eigenen irdischen Existenz ins Jenseits verorten, diesen gleichsam in den Schoß eines bedeutungsschwangeren Gottes legen oder aber wir nehmen die Haltung von Zynikern ein, die verbissen an einem Leben hängen, das sie zutiefst verachten, ja, es regelrecht verabscheuen, hieraus jedoch unter keinen Umständen freiwillig scheiden möchten, durch ihren Trotz eben diesem Leben letztlich doch den höchsten Sinn verleihen, der sie am Leben erhält (und wie belebend, wie wiederbelebend ist doch die Verachtung des Zynikers!). Die allermeisten Menschen aber sind weder aus tiefster Überzeugung gläubig, noch sind sie von Grund auf zynisch – sie sind unumkehrbar stumpfsinnig, widersinnig, irrsinnig. Das Gros der Menschen befindet sich von klein auf in Hamsterrädern, die sie unter keinen Umständen verlassen wollen. Unaufhörlich beschäftigt, wie sie sind, ist die Welt vorläufig für sie in Ordnung. Es ist der Stillstand im Hamsterrad, das plötzliche, von außen aufgezwungene Innehalten, vor dem sie sich vor allen Dingen fürchten. Mit dem abrupten Wegfall routinierter Abläufe, die ihnen im akuten Stillstand - da sie nunmehr unfreiwillig Abstand zu ihren Routinen gewonnen haben und diese nunmehr als das erkennen, was sie sind - ausnahmslos sinnentleert erscheinen müssten, wären sie gewissermaßen gezwungen zu verzweifeln. Der Zweifel in der Krise aber ist Ausdruck einer Existenz, die sich ihres eigenen Fehlgangs bewusst geworden ist. Im Zweifel die richtige Wahl zu treffen heißt nicht, die automatisierten Abläufe des Daseins zu hinterfragen und anschließend weitermachen zu machen, wie bisher. Im Zweifel einer existenziellen Krise eine richtige Auswahl treffen hieße vielmehr, die gewohnten Routinen als Ganzes zu hinterfragen, sie, im Hinblick auf die Endlichkeit der eigenen Existenz, für unsinnig zu erachten, das Hamsterrad zu verlassen und sich auf die Suche nach einem Sinn, nach einem höheren Sinn im Leben oder außerhalb davon zu machen.Jene Spur, die zum höheren Sinn im Sein führt, verläuft über das Selbst. Dieses vorgefundene Selbst allerdings ist ein vorläufiges, die sinnvolle Spurensuche danach keine endgültige.

 
Bülent Kacan (Ich oder Auf dem Heimweg von mir zu mir selbst. Aufzeichnungen 2020)


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