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Bülent Kacan: Philosophie des freien Falls

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Bülent Kacan

Philosophie des freien Falls

Der Fallende stürzt im freien Fall nicht grundlos. Er findet sich in den wenigen Augenblicken, in denen ihm die Bodenlosigkeit seiner Existenz schlagartig die Augen öffnet, als Erkennender wieder.
Überlebt er den Sturz, kommt er gar unbeschadet davon, so wird er als Erkennender von seinen Erkenntnissen berichten, allein, die Nicht- und Noch-Nichtgefallenen werden seinen Berichten keinen Glauben schenken. Und die Menschen sehen nur, was sie sehen wollen, wollten sie aber weitaus mehr sehen, als ihnen bereits bekannt ist, so müssten sie in einen Abgrund stürzen, der ihnen mit einem Schlag die Augen öffnet. Die S t r a u c h e l n d e n allein sind im Besitz der Kenntnis von der geringen Spannweite einer halbwegs sicheren Existenz, die schrittweise von einer vorübergehenden Unsicherheit in eine bevorstehende Unhaltbarkeit übergeht. Die S t a n d -h a f t e n hingegen haben die halbwegs sichere Existenz der Strauchelnden gegen eine Sicherheit eingetauscht, in der ein Erkennen zwar möglich ist, diese Erkenntnisse aber sind nichts anderes als das Ergebnis eines permanenten Kreisens der Standhaften um sich selbst.

Es sind allein die S t ü r z e n d e n, die im freien Fall eine Lösung, eine Loslösung von sämtlichen vorherrschenden Unsicherheiten und Unhaltbarkeiten sehen. Kommen sie unbeschadet davon, so dehnen sie die geringe Spannweite einer halbwegs sicheren Existenz ins schier Unermessliche aus. Sie erweitern aber auch den begrenzten Standpunkt einer sicheren Existenz um eine Unfassbarkeit des Seins, die ihresgleichen sucht - die ihresgleichen aber auch von Fall zu Fall findet.


Bülent Kacan. Ich oder Auf dem Heimweg von mir zu mir selbst. Aufzeichnungen 2020.


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