Direkt zum Seiteninhalt

Bülent Kacan: Nomaden oder Selbstlosigkeit

Diskurs/Poetik/Essay > Glossen


Bülent Kacan


Nomaden oder Selbstlosigkeit



Jeden Tag wenigstens einen Satz aufschreiben, um auf der Spur zu bleiben, die zu dem führt, was wir gemeinhin als Ich bezeichnen. Irritationen an Tagen, an denen nichts aufgezeichnet wurde, mit dem Ergebnis, dass ich neben mir stehe, dass ich nicht bei mir selbst bin, dass ich dieses Selbst gewissermaßen unentwegt umkreise, es selbst immerzu verfehle und also gar nicht umhin kann, als diese existenzielle Vergeblichkeit - die sich darin äußert, niemals bei mir selbst anzukommen - in Kauf zu nehmen. Die Erkenntnis, dass ich niemals ankommen werde, dass ich fortwährend unterwegs sein werde, dass ich ein zur endloser Reise Verdammter bin, eine Reise, die im besten Fall Etappenziele bietet, eine endgültige Ankunft jedoch kategorisch ausschließt, ist die Süße, ist zugleich der Schmerz, der mich, der ich mich aus freien Stücken dem nomadischen Dasein verschrieben habe, dazu antreibt, das Schreiben unter keinen Umständen aufzugeben. Das Ziel meiner Suche nach dem, was man gemeinhin als Ich bezeichnet, erschließt sich mir allein auf einer Strecke, die kein Ende nimmt und also die Selbstlosigkeit des Suchenden geradewegs voraussetzt.


© Bülent Kacan (Aus den Aufzeichnungen Ich oder Auf dem Heimweg von mir zu mir selbst, 2016)

Zurück zum Seiteninhalt