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Bülent Kacan: Fundamentale Form der Philosophie

Diskurs/Poetik/Essay > Glossen
Illustration von
Kornelius Wilkens

Bülent Kacan

CCXXVI. Fundamentale Form der Philosophie


Es existiert eine fundamentale Form der Philosophie, es ist dies die Philosophie des Wandelns auf einer Linie, deren Ausgangspunkt, mag er zeitlich auch eindeutig bestimmbar sein, unbestimmt ist und deren Endpunkt, so bestimmt er auch erscheinen wird, unklar bleibt bis zuletzt. Alles, was zwischen A und B angesiedelt ist, das Leben selbst, wird von zwei Eckpfeilern - der Geburt des Menschen und seinem Tod - eingerahmt. Es sind dies Eckpfeiler, die der Linie, dem menschlichen Leben, jene spezifische Spannkraft verleihen, die zwangsläufig nötig ist, um dem Menschen überhaupt eine Zielrichtung vorzugeben, die er unweigerlich einschlagen muss, kaum, dass er das Licht der Welt erblickt hat. Dieses Ziel aber ist sein endgültiges Vergehen, der Ausgangspunkt ein Vermächtnis seiner Vorfahren, der Weg selbst sein Verhängnis, schließlich gibt es keinen Ausweg, der Mensch ist der Linie auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Diese fremdbestimmte Laufbahn ist dem Menschen vorgegeben, mag er sich in der Wahl seiner eigenen Laufbahn auch für selbstbestimmt halten, er bleibt der ihm vorgegebenen Linie ausgeliefert, er kann ihr nicht entkommen. A ruft unweigerlich B hervor, ein C, einen weiteren Zielpunkt wird es nicht geben. B schon von Weitem vor Augen, unternimmt der Mensch alles Erdenkliche, das gemeinhin Menschenmögliche, dem Endziel zu entkommen, er wird ihm aber nicht ausweichen können, denn schon am Tag seiner Geburt wurde ihm sein Vergehen, sein Verhängnis als Mitgift mit auf dem Weg gegeben. Diese Mitgift ständig vor Augen, weiß der wissende Mensch wahrhaftig zu leben, schließlich weiß er von seiner Geburt, auf die er keinen Einfluss hatte, schließlich weiß er auch von seinem Tod, auf den er letztlich keinen Einfluss haben wird, schlussendlich weiß er aber auch um die Linie zwischen den beiden Eckpfeilern seiner Existenz, auf die er gleichermaßen gewissenhaft wie geflissentlich den größtmöglichen Einfluss ausüben wird, aufheben wird auch er sie nicht können. Im Grunde seines Herzens ist der Philosoph ein Seiltänzer.

© Bülent Kacan (Aus den Aufzeichnungen Ich oder Auf dem Heimweg von mir zu mir selbst, 2018 / Illustration mit freundlicher Genehmigung des Künstlers Kornelius Wilkens 2019)
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