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Bülent Kacan: Die Höhle von Altamira

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Steppenbison in der Höhle von Altamira (Museo Nacional y Centro de Investigación de Altamira,
Santilla del Mar, Cantabria)


Bülent Kacan


Die Höhle von Altamira



Waren wir nicht von der vollkommenen Stille überwältigt, nachdem wir, erschöpft vom stundenlangen Fußmarsch, endlich die Höhle von Altamira betreten hatten? Hofften wir nicht wenigstens hier, an diesem gottverlassenen Ort, dem hektischen Treiben dort oben für eine Weile zu entkommen und einzutauchen in die Eingeweide dieser Erde, vordergründig auf der Suche nach Ruhe und Besinnung, in Wahrheit aber auf den Spuren unserer eigenen kreatürlichen Existenz? Zitterten unsere Hände und Knie nicht vor Aufregung und rührten uns die eindrucksvollen Zeichnungen, kaum, dass wir sie zu Gesicht bekamen, nicht zu Tränen? Hielten wir nicht schon nach wenigen Metern begeistert inne und erinnerten wir uns nicht daran, dass wir selbst es waren, die vor uralten Zeiten schon einmal hier gewesen sind, in Fellen und Häuten gekleidet und halbwegs geschützt vor den Widrigkeiten einer rauen und unberechenbaren Natur, mit langen, zerzausten Haaren und zotteligen Bärten, mit grimmigen und gehetzten Blicken, gleichermaßen Jäger, wie Gejagte, archaische Kreaturen in Menschengestalt, den Affen in vielerlei Hinsicht noch immer näher stehend, als dem modernen Menschen und womöglich aus diesem einzigen Grunde unwiederbringlich frei und unbefangen? Haben wir in dieser Höhle nicht schon einmal unsere Ahnen in ekstatischen Tänzen um Beistand für die Jagd am kommenden Tage gebeten? Und tanzten wir im lodernden Fackellicht nicht auch mit den Geistern der wilden Stiere, Pferde, Hirsche, die dort draußen, in der endlosen Steppe, auf jahrtausendealter Wanderschaft waren? Sprangen wir hier nicht schon einmal auf die mächtigen Rücken kolossaler Bullen? Hielten wir uns hier nicht schon einmal triumphalisch zwischen zwei mächtigen Hörnern auf, Hörner, die den gewaltigen bleiernen Himmel über uns trugen? Hielten und streichelten wir nicht schon einmal die langen Mähnen der zügellosen kantabrischen Wildpferde? Flüsterten wir hier nicht schon einmal einer weißen Stute magische Worte zu, einen geheimnisvollen, längst vergessenen Singsang aus uralten Zeiten, auf das uns das Tier ruhig und besonnen in die aufgestellte Falle am anderen Ende des Tales folge? Und ritten wir hier nicht auf brüllenden Kälbern jauchzend durch die Nacht, argwöhnisch beäugt von einer silbernen Mondscheibe und begleitet von Myriaden hellauf begeisterter Sterne am nächtlichen Firmament?
     Noch waren wir damals ungeboren und unschuldiger noch, als das neugeborene Kind, bemalten wir den Uterus der großen Mutter Erde mit unseren bloßen Händen, mehr noch mit unseren Herzen, als mit unseren bloßen Händen. Da wir aber nun einmal gezwungen waren, aufzubrechen - der Hunger riss uns mit aller Macht aus unserem stillen, steinernen Traumgemach - verließen wir noch am selben Tag die abgeschiedene Höhle von Altamira, trauernd, um den Verlust einer mütterlichen Geborgenheit und geblendet vom strahlenden Sonnenschein, wie ein neugeborenes Kind, blinzelnd und sichtlich betäubt von den hereinbrechenden Eindrücken und doch mit der unstillbaren Neugier des Erwachsenen in der Brust.



© Bülent Kacan (Erzählung, verfasst im Jahr 2011)

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