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Botho Strauß: Die Expedition zu den Wächtern und Sprengmeistern

Rezensionen/Verlage


Stefan Hölscher

Botho Strauß: Die Expedition zu den Wächtern und Sprengmeistern. Kritische Prosa. Hamburg (Rowohlt) 2020. 400 Seiten. 26,00 Euro.

Subtilität und Hau-drauf-Mentalität –
Der Zorn des einsamen Wächters


Der Titel der im Oktober im Rowohlt Verlag erschienenen Essaysammlung von Botho Strauß „Die Expedition zu den Wächtern und Sprengmeistern“ kann neugierig machen, eröffnet er doch nicht nur einen Assoziationsraum des gesellschaftspolitisch Relevanten und Brisanten, sondern erweckt wohl gleich auch die Frage, ob vielleicht die „Wächter“ in Personalunion auch die „Sprengmeister“ sind. Da Botho Strauß ein Meister dramatischer Zuspitzung ist, verspricht die Sammlung „kritischer Prosa“, wie sie im Untertitel heißt, Anregung oder sogar Zündstoff.
    Der Blick ins Inhaltsverzeichnis verrät, was sich in den fünf Teilen des Buches alles versammelt hat: Essays zu Literatur, Theater, Bildern, Zeitgeschehen und im letzten Teil „Sprengsel“.

Was mir auf jeden Fall gefehlt hat, ist ein Vor- oder Nachwort, sei es vom Autor selbst oder einem/einer kundigen Heraus-geber/in, das über die kruden Titel im Inhaltsverzeichnis hinaus, ein wenig Orientierung stiftet. Nicht jeder ist ein intimer Kenner des (Essay-)Werks von Botho Strauß oder interessiert sich gleichermaßen für all die unterschiedlichen kulturellen und gesellschaftlichen Phänomene und Facetten, auf die in den einzelnen Beiträgen, die insgesamt aus einem Zeitraum von etwa 40 Jahren stammen, Bezug genommen wird. So darf ich als Leser selbst schauen, wie ich mich hier zurechtfinde. Recht unwahrscheinlich dürfte dabei sein, dass dies ein Buch ist, das man von Anfang bis Ende, Seite für Seite, liest. Es bietet sich eher zum Rauspicken an.

Gut gefallen haben mir dabei die Reflexionen von Strauß etwa zu Rudolf Borchardt oder den sonst wenig beachteten philosophisch-lyrischen Mischformen im Werk Heideggers. Und natürlich gibt einem der Weg der Lektüre, wie immer man ihn auch wählt, jede Menge anregender und knackiger Impulse zur Welt des Theaters mit:

Vom Pathos wissen wir heute nur, daß es eine Menge hohles Pathos gibt. Dennoch muß die alte Sache noch einmal neu verhandelt werden. Nach dem Abzug der Weltverbesserer, nach dem Verblassen endzeitlicher Visionen bleibt von der ganzen moralischen Anstalt vorerst nur ein Nutzen übrig: das Training der Empfindungskraft. Mehr als mein Gefühlsleben kann ich im Theater nicht verbessern.

Vermutlich hineinstöbern werden wohl die meisten, die dieses Buch in den Händen halten, auch in die Essays zum Zeitgeschehen, nicht nur, weil sich darunter auch die neuesten Beiträge befinden, sondern weil einen hier schon die Titel in Fahrt bringen können: Da gibt es etwa den „Abschied vom Außenseiter. Von den meisten und den wenigen“ oder die „Reform der Intelligenz.“ Und hier zeigen sich Stärken und Schwächen des kritischen Denkens von Botho Strauß gleichermaßen unübersehbar.
    Schauen wir einfach auf ein paar Zitate:

Spaßhaben mit ‹King Lear›. Überall steht das Publikum für Schnäppchen an. Billig muß etwas sein, das man begehrt, auch der Witz, den man aus einem Kunstwerk macht. «Saturn» und «Apple-Store» sind daher die wahren Kult- und Feierstätten, Festungen, die nächtlich belagert werden, wo die Hype-Heuschrecken niedergehen, schwarze Wolke, die abräumt, sobald eine Neuerung oder Preissenkung ruchbar wird.

Denn es ist ja nicht in erster Linie eine rechtliche, sondern überwiegend eine sittliche Bekenntnisoffensive, welche die gleichgültige Mehrheit darüber belehrt, wie man zur Verbürgerlichung abweichender Lebensformen gelangt. Diese wird es ohne Aufmucken hinnehmen, findet sie doch ihren sozialen Frieden mitsamt wirtschaftlicher Erfolgs-geschichte durch ihre Gleichgültigkeit aufs neue bekräftigt. Widerspruch gegen das Gute gehört sich nicht. Sieht man etwas genauer hin, erkennt man sehr wohl den despotischen Umriß des hinkenden Guten.

Man könnte die neuen Benimmregeln, «rassistische» Äußerungen betreffend, auch eine linksbürgerliche Form der Etikette nennen, im Sinne der guten Manieren einer ins Feministische gewendeten Erika von Papritz, jener Anstandsdame aus der Adenauer-Zeit, wären sie nicht so aggressiv, ausgrenzend und persekutorisch.

Mit beispiellosem ökonomischem Aufschwung überdeckten die Deutschen ihre Weigerung, das Unfaßbare zu würdigen. Das Unfaßbare der Wiedervereinigung wurde verdrängt und zerkleinert in tausend Verdrießlichkeiten sozialer und behördlicher Natur. Doch damit schaffte man den Wiederaufbau. Nach ähnlichem Muster wurde schon das Unfaßliche der Hitler-Verbrechen sich ferngehalten und unverzüglich in wirtschaftlichen Erfolg umgemünzt. Auch die Unfähigkeit zum Pathos trägt Züge des Inhumanen. Wir werden unserer kuriosen emotionalen Defizite wegen in der Welt nicht geliebt.

All dies ist geradezu dramatisch kraftvoll formuliert: starke Worte für starke Positionen. Fast wie auf der Bühne. Doch zugleich könnte man an offenbar vielen Stellen begründete Zweifel und Gegenargumente vorbringen: Zieht es das (Theater-)Publikum wirklich nur zu Schnäppchen hin? Geht es bei Themen wie Integration, Inklusion und diversity-bewusster Sprache wirklich nur um eine „Bekenntnisoffensive“, hinter der der „despotische Umriß des hinkenden Guten“ steckt? Steckt darin nicht zumindest zum Teil auch trotz aller Holprigkeiten sehr gehfähiges Gutes und mehr als das: notwendig zu Tuendes? Und sind nicht gerade „rassistische Äußerungen“ „aggressiv und ausgrenzend“ und manche Regel im Umgang damit ein hilfreiches Korrektiv? Zeigt die deutsche Geschichte nach dem zweiten Weltkrieg und der Wiedervereinigung neben ziemlich unübersehbaren „emotionalen Defiziten“ nicht auch Tugenden wie Zuversicht, Zukunftsorientierung und vitalen Pragmatismus?
    Hier ist nicht der Ort, solche Debatten auszutragen. Ich muss aber sagen, dass mich ab einem bestimmten Punkt die argumentativen Pauschalkeulen von Strauß, so dramatisch-knackig sie auch formuliert sein mögen, in ihrer empirischen Undifferenziertheit und Hybris (‚der große Denker als großer, einsamer Kulturkritiker‘) schlichtweg gelangweilt haben. Auf die Position von anderen mit Wucht einzudreschen, ist bekanntlich kein Problem, wenn man sich diese Position nur gut genug zurechtgelegt hat. Das aber ist zwar kein „Schnäppchen“, aber gleichwohl unter Gesichtspunkten vernünftigen und integren Argumentierens billiges Theater. Nichtsdestotrotz: wer bereit ist, über den Hang zur selbstverliebt lauten ‚Ich-allein-weiß-Bescheid‘-Attitude hinwegzusehen, kann vieles in den Essays von Botho Strauss finden, was spannend, wissenswert und inspirierend ist.  


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