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Björg Björnsdóttir: Zwei Gedichte aus "Der Jahresring"

Lyrik heute
Foto: Dagur Gunnarsson
Björg Björnsdóttir

Zwei Gedichte aus:
DER JAHRESRING
Poesie des Tags

Verlag Bjartur, Reykjavík 2020

Aus dem Isländischen übertragen von
Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer


Haustmánuður – Der sechste Sommermonat.


Ein bunter Streifen.
Beerenblau.

Schafsgeblöke.
Der Tag des Sterbens naht.

Das Laub bewegt sich sacht,
es möchte nicht fallen.

Ich sehne mich nach neuen Farben, einem neuen Blatt.

Ein Schrein randvoll
mit gebrochenen Farben
und vergilbten Blättern
zehrt an mir.

Doch für einen Augenblick bin ich frei.
Suche dich der du mir alles gegeben hast.

Bitte dich
nachdrücklich
mich von diesem
Joch zu befreien.

Wir vergleichen
mit leiser Stimme unsere Bücher.
Wunderschön
reinigst du die Buchstaben.

Halten wir kurz inne
in der ansteckenden Stille.



Þorri – Der vierte Wintermonat


Der Morgen erweist sich als Nacht.
Schwarzblauer Himmel,
dunkle Erde.

Ich trete vorsichtig hinaus in diese kalte Umarmung.
Die Fußwege sind glatt,
der verharschte Schnee stöhnt auf bei jedem Schritt.

Im Herzen
Bedauern.

Im gefrorenen Atemzug
Luftschlösser,
die sich in der Dunkelheit verlieren.

Die Leere im Inneren
sorgfältig verborgen.
Das Jahr hat seine Kunst vollendet.

Das Licht schleicht sich an.
Nahrung für ein Fass ohne Boden.



Björg Björnsdóttir studierte in Frankreich Journalistik; im Anschluss war sie u.a. in den Bereichen Medien und Öffentlichkeitsarbeit tätig. 2013 schloss sie ein Masterstudium in praktischer Redaktion und Herausgabe ab. Árhringur / Jahresring ist ihr erster Gedichtband. Sie lebt in Egilsstaðir, der größten Stadt im Osten von Island.
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