Bjarni M. Bjarnason: Im Sommer und andere Gedichte
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Bjarni
M. Bjarnason
Im
Sommer und
andere Gedichte
(Aus:
Rétta persónan / Die richtige Person, zur Veröffentlichung
anstehendes Manuskript)
Aus dem Isländischen von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer
IM
SOMMER
Der
Sommer so blau,
dass
du nach dem Sprung vom Boot ins Wasser,
ohne
dass du es vorher weißt,
im
Himmel schwimmst.
Du
triffst auf die Sonne,
die
sich darüber ärgert, so hell zu sein,
dass
keiner sie anschaut.
Sie fragt nach dir wie ein schüchternes kleines Mädchen,
und das so früh am nächsten Morgen,
dass du nicht fähig bist,
den richtigen Weg
aus deinen Träumen zu finden.
Dann
spiele ich einfach mit den Vögeln, sagt sie,
schließlich
werden sie die einzigen sein,
die
es im Leben so weit nach oben schaffen
wie
ich.
Mittags verliert sie sich im Blau.
Du
springst ihr ins Wasser
hinterher.
ZUHAUSE
Der Wald, das einzige gemütliche Haus im Dorf.
Hier sind Wohnzimmer, Schlafzimmer und Küche,
alles
in einem Raum,
das
Bild an der Wand
verschwindet
mit einem Wurm im Schnabel,
erscheint
mit Karnickelohren wieder.
Der
Wald, das einzige Haus, in dem
der federnde Boden stets einen neuen Teppich trägt
und
alle Türen sperrangelweit offenstehn.
Die
geheimen Verkündungen des Winters dringen hinein,
untergraben
das Reich des Lichts:
Wir
brauchen einen starken Führer!
Bei
den Wahlen im Herbst fallen die Stimmen
wie
Blätter
wie
Schneeflocken
und
die Menschen kehren in ihre Häuser zurück.
NOCH
EIN ZUHAUSE
Müdigkeit
im ganzen Körper
vom
Schlafen, Essen, Zähneputzen
und
Liebemachen.
Nebel im Kopf von liebevollen Gesprächen,
von Streicheleinheiten und Bestätigung.
Ein
schwarzes Pferd wiehert draußen in der Nacht.
Ein
unsichtbares Schlachtfeld des Geistes,
das
Alltagsleben,
ein
Hirsch, gebeugt unter den Mäulern tobsüchtiger Schlafhunde,
sie
verstecken sich neben dem Sofa,
dem
Sessel und Bett.
Die nackte Göttin des Waldes lockt dich zu sich,
mit
einem Ehering am Finger, der das Symbol des Einhorns trägt,
schleicht
sich aus dem Blätterdickicht bis an den Frühstückstisch,
den
Mittagstisch, den Schreibtisch.
Und
der fröhliche Freund, der mit dir einen Sieg feiern will,
der
Sohn mit der tapferen Puppe, fragt
wohin
du gehen möchtest.
Ein
Schwarzes Pferd wiehert draußen in der Nacht.
Ich öffne ihm die Tür
und lasse es auf die weiten Ebenen
des Zuhauses.
Bjarni M. Bjarnason, geb. 1965 in Reykjavík, lebte
zunächst im Ausland, veröffentlichte aber seit seiner Jugend Gedichte in
isländischen Zeitungen und Zeitschriften. 1989 erschien sein erstes Buch, der
Gedichtband Upphafið / Der Anfang, und noch im selben Jahr die lyrische
Prosa Ótal kraftaverk / Unzählige Wunder. Seitdem hat er neben seiner
Arbeit als Kulturwissenschaftler und Literaturkritiker weitere Gedichtbände,
Sammlungen mit Theaterstücken und Kurzgeschichten sowie Romane veröffentlicht,
u. a. 1996 den Roman Endurkoma Maríu, der 2012 unter dem Titel Die
Rückkehr der Jungfrau Maria im Tropen Verlag in Stuttgart in deutscher
Übersetzung erschien. Für seine literarische Arbeit wurde er sowohl mit dem Tómas-Guðmundsson-Literaturpreis
als auch mit dem Halldór-Laxness-Literaturpreis ausgezeichnet. Zwei seiner
Romane wurden für den Isländischen Literaturpreis nominiert, zahlreiche seiner
Werke sind auch in andere Sprachen übersetzt. Sein Roman Andlit / Das
Gesicht aus dem Jahr 2003, der von Kritikern als moderner Klassiker
bezeichnet wurde, ist 2025 in erweiterter und verbesserter Fassung vorgesehen.
Im Frühjahr 2026 hat Bjarni M. Bjarnason seine
Doktorarbeit im Bereich Literaturwissenschaft an der Universität Island zu verteidigen.
In seiner Arbeit befasst er sich mit Traumpoesie in isländischen Volksmärchen
und Legenden.
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