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Birgit Kreipe: mähdrescher

Gedichte der Woche
Birgit Kreipe

mähdrescher              

1

raupenräder fahren unbeeindruckt über felder, kleine meere, darin wüstungen, landschaft im fieber. nach kilometern hast du einmal die welt umfahren. millionen brötchen-vorläufer warten still in der halle, weizenkörner, berge frisch entwerteten golds. als ob die rotationen nie enden: rote haspeln und zinken, die trommel, noch schwindlig vom sommer. sensoren tasten den boden ab, senden botschaften ins koordinatensystem weiter flächen. upgrade, geisterhaft rieseln körner durch siebstufen, ihr rauschen im trägen gebläse; dann dreht sich eine getreideschnecke, wirft sie in ein unsichtbares silo oder über den rand der welt. dann lenkt der mähdrescher sich selbst zurück auf ein gleißendes, endloses feld. keine früchte. nur sanftes ent- und vorübergleiten.

2

im sommer, nachts, schwebt der mähdrescher wie eine raumfähre über reifem getreide. LED - diademe erleuchten die ähren bis in die letzten grannen. die phalanx zieht auf, hinter ihr die elternmaschinen, die großelternmaschinen, die sensen und dreschflegel. generationen in rauen händen, sichelnde hämmernde sprache; ihre hände berühren die armaturen, sie studieren vergeblich betriebssysteme, verstecken sich wieder im häckselwerk. bei demonstrationen wüten die maschinen, und bei der arbeit, doch wenn ihr zorn verraucht, bilden sie einen kreis und strahlen mir warm entgegen


aus übung mit landmaschinen, in Birgit Kreipe: „aire“, Berlin (kookbooks) 2021.
80 Seiten. 19,90 Euro.
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