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Birgit Kreipe: Aire

Rezensionen/Verlage


Michael Braun

Birgit Kreipe: Aire. Gedichte. Berlin (kookbooks Verlag) 2021. 96 Seiten. 19,90 Euro.

Seelen aus Wasser
„Aire“: Birgit Kreipes neue Gedichte kartografieren die Landschaften des Bewusstseins


Wenn Poesie und Malerei einander nahekommen, entsteht eine eigene Energie, die unsere Wahrnehmungsgewohnheiten aus den Angeln hebt. Es beginnt – in den Bildern der Maler - mit einer Bewegung intensiv leuchtender Farben. Die Gedichte reagieren darauf ihrerseits mit einer starken Schwingungsaktivität, es lockern sich die Bezüge zwischen den Sinneinheiten und so kommt es zu starken Wörterfluktuationen. In den modernen Formen des Gemäldegedichts emanzipiert sich der Text stets von der Bildvorlage und entwickelt seine Figurationen in ganz eigene Richtung. Das Gemäldegedicht spricht gleichsam auf Augenhöhe mit dem Künstler oder der Künstlerin, bewegt sich weg vom linearen Illustrieren des Bildes und erschafft sein eigenes Geheimnis. Die poetischen Formen verfestigen sich nicht, sondern bleiben in einer fließenden Bewegung, wie in einem Stadium des unaufhörlichen Werdens.
    Sehr signifikante Beispiele für den poetischen Emanzipationsprozess des Gemäldegedichts finden wir in den drei zentralen Kapiteln von Birgit Kreipes neuem Gedichtbuch „Aire“. Ihre starke Strahlung gewinnen diese Gedichte aus der sorgsamen Komposition von „Licht- und Farbprotokollen“. Bereits der Buchtitel generiert ja einen poetischen Schwebezustand, den die artifiziellen Texturen dieses Buches dann auf Dauer stellen. Je nachdem, ob wir die vier Buchstaben von „Aire“ als französische, altenglische oder spanische Vokabel lesen, können wir einen Hinweis auf einen französischen Fluss, ein Synonym für „Raum“ oder „Gegend“ oder die spanische oder altenglische Bezeichnung für „Luft“ darin erkennen. In zwei Kapiteln des Bandes reagieren die Gedichte auf abstrakte Gemälde Gerhard Richters. Das eine Werk Richters, mit dem sich Birgit Kreipe beschäftigt, heißt „Faust“. Es ist eine abstrakte Farbkomposition, ein dreiteiliges Gemälde aus dem Jahr 1990, ein Triptychon, in dem sich intensive Gelb und Rot-Figurationen überlagern. Das andere Werk nennt sich „Park“, eine Serie von zwölf farbigen Offsetdrucken aus dem Jahr 1990, die mit grüner Ölfarbe bearbeitet sind. Es sind mal hellere, mal dunklere Variationen von Grün, mit denen hier ein Foto übermalt wird. Die zwölf Teile von „Park“ basieren auf der Fotografie einer Parkanlage in Köln.
    Was tut nun Birgit Kreipe, wenn sie sich in zwei Zyklen ihres neuen Gedichtbands mit diesen abstrakten Werken Richters auseinandersetzt? Sie übersetzt Wahrnehmungszustände ihres lyrischen Ich in eine Licht- und Wellen-Metaphorik, die Gedichte bekommen etwas Fluides. Wenn der Gedichtzyklus „als es den trödelstern traf“ seine Farbwahrnehmungen entfaltet, sprechen sie unmittelbar von den leuchtenden Farbflächen in Richters Triptychon „Faust“:

(ein) gürtel
leuchtender farben, aus form und funktion gelöst
als hätten sie frei – oder fänden nicht wieder

zurück. mohngelbe, mahnrote flächen
ein meergrüner pfeil wirbelte presto vorüber
loser zellstoff, quitte – ich war sicher
diese farben waren blumen gewesen oder wollten blumen werden…
        
Diese Poesie erzeugt in ihrer fließenden Bewegung eine eigentümliche Form von Helligkeit und Lumineszenz, die uns beim Lesen dieser Gedichte in die Welt hinausführt. Es scheint, als würden wir den Zustand des Geborenwerdens noch einmal neu erleben, vermittelt durch die Bewusst-seinsform und den Trancezustand des sprechenden Ichs in diesen Gedichten.
    In einem weiteren Kapitel, den „Francesca-Woodman-Gedichten“, widmet sich Kreipe den Fotografien einer vom Surrealismus sozialisierten Künstlerin, die in ihren eindring-lichen Selbstporträts immer wieder ein Zwischenstadium zwischen Anwesenheit und Abwesenheit sichtbar machte. Bereits im Alter von 22 Jahren wählte Francesca Woodman im Jahr 1981 den Freitod. Birgit Kreipe transformiert die opake Intensität von Woodmans Fotografien in irisierende Bildgedichte:

ist da eine tür, blättert sich ein körper
aus der tapete, die in fetzen herabhängt?
onerioride, seelen aus wasser. milchtür
von der die farbe in hellen pusteln abplatzt.

Birgit Kreipes neues Buch verdankt viel den Gedanken des britischen Psychoanalytikers Wilfred Bion und dessen Überlegungen zur Verwandlung seelischer Inhalte im Rahmen intimer Beziehungen. Traumbilder und überscharfe Imaginationen vermischen sich, das lyrische Ich durchquert mit „Zwischenwesen“ ein Schattenreich, die Gestalten und Naturstoffe, denen sie begegnen, verwandeln sich auf dieser Wanderung unablässig. Diese Dichterin schenkt uns in ihren Gedichten und poetischen Metamorphosen Innensichten eines erweiterten Bewusstseins und verblüffende Erleuchtungen: „einmal sah ich eine gleißende fläche hinunter/ ein unendlicher fokus lag auf einer unendlichen landschaft/ ich sah das alles, ich sah das alles nie wieder.“


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