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Bertram Reinecke: arminbaustelle

Diskurs/Poetik/Essay > Diskurse

Bertram Reinecke


arminbaustelle

Mein Artikel über Jürgen Brôcan muss Armin Steigenberger irgendwie gaga gemacht haben. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass dieser redliche Mensch derart unfair wird. Auch die vielen intellektuellen Patzer sind teils zu täppisch, als dass man sie mit Böswilligkeit erklären könnte. Als Verteidigung von Brôcans Text funktionieren seine Ausführungen ebenfalls schlecht.
¹ Er lobt etwa, dass Brôcans Text einem Song gleiche, der beim ersten Hören angenehm ist. Ich will nicht bestreiten, dass Brôcans Behauptungen eher einschmeichelnd als wahr sind ... Insgesamt hängt Armin sentimental an Brôcans vereinfachtem Bild von Lyrik und Literaturbetrieb und er muss mich deshalb zum Überbringer einer überraschenden Nachricht stilisieren, als könnte einem die Fehlerhaftigkeit dieser Sicht nicht schon auf den ersten Blick auffallen. Ich könnte die Sache auf sich beruhen lassen, wenn mich Armins Ausführungen nicht einigen, durch Brôcans Ausführungen bestärkten Verdächtigungen aussetzen würden.
Das Perfide an Armins Text ist, dass es ihm um Argumente gar nicht geht. Er macht folgerichtig mein sentimentales Verhältnis zu Ressentimentlosigkeit zum Aufhänger seines Gegenangriffes.
²  (Ich bleibe aber dabei, dass man möglichst wenig Vorurteile haben sollte, ich bliebe das wohl auch, wenn Armin mir darlegte, welche Ressentiments denn nun als sozusagen gesundes Volksempfinden natürlich und unabänderlich wären und welche nicht.³) Nahezu allen meiner Argumente stimmt Armin ja zu, um das Ganze dann mit verächtlicher Geste vom Tisch zu wischen: „Ich fand Brôcans Feststellungen im Großen und Groben dennoch richtig, dergestalt, dass einige, etliche, viele Beobachtungen mir ganz gelungen erschienen.“ Auf mich wirkt das destruktiv, denn das ist eine der Haubitzen aus den längst eingemotteten Arsenalen der offenbar gemeinsam von Armin und Brôcan vertretenen 50er Ästhetik: Jemandem eine vage Verfehlung anzudichten, die alle Argumente zu unwesentlichem Klein-Klein herabstimmt.
Am leichtesten erreicht man dies, indem man widersprüchliche Maßstäbe aufrichtet, an denen der intellektuelle Gegner notwendig scheitern muss. (Ich hatte über dies Konzept der vagen Verfehlung mit Armin mal am Beispiel von Drawerts These diskutiert, heute könnten die Leute nicht mehr richtig scheitern. - Ist nun Armin richtig gescheitert?)  Natürlich wehre ich mich, ich kann freilich wieder nur Argumente bringen. Ich werde also seinen Text „ausweiden“ müssen, manchmal auch langatmig sein, weil eine Interpretation immer am Text belegen sollte, wo es hergenommen ist. Kein Wunder, wenn dann nicht mehr der „gelöste Tonfall stimmt“, ich die Verfehlung erneut begehe, der er mich bezichtigt. Steigenberger wünscht offenbar das Unmögliche: Einen gesicherten Text, der trotzdem in freundlichem Parlando flutscht.

Armin muss, so lehren es auch seine verstorbenen Vorbilder, von sehr weit oben schauen, aus einer richterlichen Haltung des Nichtinvolviertseins also, die verbirgt, wie weit sie selbst Partei ist. Diese Haltung ist vielleicht bloß eine altmodische Ausprägung der von beiden angegriffenen Strategie von Ironie und kaltem Witz. Denen geht es auch darum, Gegenargumente zu blockieren und eigene Betroffenheiten zu verschleiern.
Zunächst ist mir eines auffällig: „Grundsätzliches“ sieht Armin in einem Atemzug mit „Häme“ und „Spott“ als kritikwürdig an. Und wenn ich nun in manchem grundsätzlich anderer Meinung bin als Brôcan? Dürfte ich das dann sagen? Kaum, denn Armin findet, alle Lyriker säßen in einem Boot und sollten sich deswegen nicht streiten. Bleiben wir bei diesem problematischen Bild: Ich hatte eher das Gefühl, Brôcan wolle einige Lyriker aus dem gemeinsamen Boot herauswerfen, indem er Vorurteile streut und die Einen gegen Andere ausspielt. Sprachverliebte gegen Dringliche, Urbane gegen Provinzielle, Leise gegen Laute ... (Man gestehe mir zu, dass ich kaum sagen werde: „wir helfen dir, wir machen deinen Artikel nochmal neu und gut und setzen all unsere Kraft ein, um ...“) Wenn ich mich gegen diesen Rausschmiss wehre, soll ich plötzlich schuld sein, wenn das Boot dabei wackelt?
 Perfide von Armin, mir dann auch noch zu unterstellen, es sei „Fast, als hätte man auf so etwas gewartet“! Ich hätte gern verzichtet und sagte das auch deutlich. Aber Armin meint, dieser explizite Unwille bedeute eigentlich doch „ja“.  Abgesehen davon finde ich Armins Geste: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Lyriker!“ unangebracht. Wurde diese rhetorische Figur doch immer schon dazu verwendet, einen Frieden aufgrund oberflächlicher Gemeinsamkeiten unter Nivellierung wesentlicher Interessengegensätze zu stiften, einen „Burgfrieden“ also.¹⁰  
Anders als für Armin ist es für mich kein Argument, dass „das Meiste“ im Brôcantext richtig sei. Entscheidend ist, ob das Wichtige richtig ist. Auch hier mag ein politisches Beispiel Klarheit schaffen: „Die Menschen sind verschieden. Unterschiede sind gut, deswegen sollte man Unterschiede nicht vorschnell nivellieren, das sollte sich auch in der Politik wiederspiegeln, z.B. in einer Steuerpolitik, die hohe Einkommen nur mäßig belastet.“ Wenn einer widerspräche und z.B. für Chancengleichheit einträte, wäre es adäquat, ihm wie Armin folgendes entgegenzuhalten: „Wir reiben uns wohlgemerkt vorwiegend an Nebensätzen“ („die hohe Einkommen nur mäßig besteuert“) oder: „Man muss ihn nicht loben, aber sollte auch anerkennen, dass er – was Basics angeht – einiges sehr verständlich und klar formuliert.“ („Menschen sind ja wirklich unterschiedlich!“ Etc.) ?
¹¹ Und ebenso offenkundig würde die Unsinnigkeit des Bildes „mit der Lupe lesen“ für den Umstand, dass sich meine Brôcankritik teils an Nebensätzen entzündete.
Es stimmt nicht, dass Brôcans Artikel die hehren Ziele verfolgt, die Armin ihm andichtet: Leser neugierig machen, einen ersten Einstieg bieten usw. Brôcans Text richtet sich an Entscheider.
¹²  Er erweckt Misstrauen gegen die Vorstellung, Dichter könnten poetische Entdeckungen gemacht haben, die Kritiker und Juroren nicht hatten. Er macht allen Betriebshansen pauschal das Kompliment, sie wüssten bereits genug über Lyrik und deren Möglichkeiten - vorausgesetzt sie vergeben ihre Preise an stille Provinzdichter wie Brôcan. Ich habe nichts dagegen, dass stille Provinzdichter Preise bekommen. Meinen Unmut erregt der Umstand, dass Brôcan seinem Leser zuruft: „Bleib wie Du bist, das ist ganz in Ordnung“, und ansonsten lieber dumpfe Affekte erregt, als ihm Informationen zu vermitteln.
Sollte Armin wirklich meinen, man könne nur schwer einen Text machen, der den Bedürfnissen eines „einfachen Lesers“ nach Information gerechter wird als Brôcans Anspielungsreigen?
¹³   
Es dürfte im übrigen ohnehin naiv sein, wie Armin nach dem lyrikfernen Leser fragt. Einen Artikel über Dichtung lesen eher jene, die sich schon vorgängig dafür interessieren. Und denen kann man mehr zumuten. Ich glaube also nicht was Armin meint: „Hätten wir dann nicht stattdessen einen zwar in sich stimmigen, 'poetologisch korrekt' ausbuchstabierten Artikel, der dann aber wieder bei der uns so bekannten 0,1 %-Knappschaft hängenbleibt, zu dem die 99,9 %-Leserschaft aber keinen Zugang findet?“ Ich halte Lyrik nicht für etwas dermaßen esoterisches, dass man ein Gespräch der „Masse“ nicht zumuten könnte.
¹⁴ Ich halte überhaupt die theoretische Entgegensetzung von Massengeschmack und Qualität für geschmacklos.
Armin nimmt offenbar auch nach wiederholtem Lesen das Problematische an Brôcans Text nicht wahr. Er gibt mir zwar recht, als ich schrieb: „Die Geschichte von der reinen Spracherkundung ist eine Wanderlegende, zu jeder Zeit wird sie anderen angeheftet ...“, heftet mir diese Legende jedoch ebenfalls sofort an: „Niemand würde sich einen Film ansehen, wenn das, was zu erschauen ist, nur als Lichtgeflimmer des Materials perzipiert werden würde. Das ist überhaupt der Punkt, wo es mir bei Reinecke einen Tick zu sehr in den linguistischen Dreh hineingeht und die ganze intentional(istisch)e Dimension kurzerhand abspaltet.“ Hätte ich gesagt: Texte sind nur Geräusche oder Schwärzungen auf dem Papier, dann wäre Armins Anschluss vielleicht legitim. Er nimmt sein Urteil aber aus der Formulierung: „Gedichte sind nur Sprache“. Er bestreitet das demzufolge. Er kann das nur, weil er eine Doppelbewegung macht: Zunächst reduziert er (und nicht etwa ich) Sprache auf die physikalische Dimension, um mich dann auf seine selbstgebastelte Rumpflinguistik (samt abgespaltener intentionaler Dimension) festzunageln. Warum traut er mir das Selbstverständlichste nicht zu, dass auch ich schon einmal dem Phänomen begegnet bin, dass Leute mit ihren Worten auch etwas meinen?
Warum schreibt er mir eine verquere Sprachauffassung zu, statt einer, die vielleicht nicht nur Bedeutungsaspekte, sondern auch pragmatische nicht nur nicht abspaltet, sondern gar auflöst? Bin ich denn bescheuert, dass ich von all dem nie was mitbekommen hätte, oder ignoriere ich einfach verstockt, was mir nicht in den Kram passt? Bin ich also dumm oder böse?
¹⁵ Ich setzte wider Brôcan damals fort: „Wie in jeder Schulklasse irgend ein Mädchen aus meist kinderreicher Familie gemobbt wird. So beweisen sich alle anderen, dass sie richtig liegen mit ihren Entwürfen“ Nun weiß ich umso besser, wie berechtigt mein Einwurf war!
Eine zweite Stelle, wo ich mich durch Armins Text eher bestätigt als widerlegt sehe, ist folgende:  „Wie es um die 'echte Dringlichkeit' bestellt ist und wie sie funktioniert, ist nach meiner Einschätzung an dieser Stelle erst einmal zweitrangig, weil Poesie nur einen unter 1.000 interessiert.“ Interesse ist also schon eine sehr markante Eigenschaft vereinzelter Individuen, wenn man von diesen noch jene abspaltete, denen es dringlich ist, von denen wiederum jene, denen es echt dringlich ist … auch so herum gedacht, wäre Brôcans „echte Dringlichkeit“ eine elitaristische Monstrosität.
Insofern kann ich kaum „Brôcan zugutehalten, dass er den Stein ins Rollen brachte“. Welchen Stein? Eine von Armin und mir als fruchtlos erkannte Diskussion weiterzuführen? Ist Brôcan wohlmöglich dann auch dafür verantwortlich, dass ich den Essay über Mara Genschel heute wieder nicht schreiben konnte? Oder Armin? Oder bin ichs doch selbst? Und weil Armin mich dafür verantwortlich dafür macht „a) Herauszufinden, woher das schlechte Klima für Lyrik kommt und b) was man aktiv tun könnte, dass sich etwas verbessert“: Vielleicht gibt es ja fruchtvollere Debatten und besseres Klima, wenn man nicht immer dem Ersten, oft Prominenteren in der Debatte alles Positive und den gesamten Müll den Nachfolgenden zurechnet?
¹⁶  Diskursiv bestärkt Armin leider das Bild von den wenigen Heroen, denen irgendwie dauernd eine mediokre Masse übel will. Nach Armins Darstellung steht dem dankenswerten Brôcan lediglich ein unangenehmer Shitstorm gegenüber. Ich habe vergeblich danach recherchiert, fand nur meinen Artikel (samt einer Hand voll Kommentare, die von der argumentativen Qualität Armins Artikel allesamt mindestens ebenbürtig sind). Braust Armin auch mitunter etwas?  

Dreister als dies Gebraus ist es aber von Armin, einen positiven Artikel zu fordern, als wäre ich im Gegensatz zu Brôcan von etwas anderem in destruktiver Weise abhängig. Als machte Brôcan originelle oder originale Bemerkungen und setzte sich nicht ebenfalls von einem festen Ist-Zustand kritisch ab … die Einführung in die Poesie, die er meiner Destruktion als positives (gesundes) Beispiel kontrastierend entgegen hält,
¹⁷ findet sich ja nicht im taz-Artikel!¹⁸
Armin wirft mir auch vor, meine Einwände seien alt: Das war mir bekannt. Argumentativ ist das ebenso fair¹⁹ und schwungvoll, als hätte ich Häme über Brôcan gegossen, weil er sich mit Provinzlyrikern einen ziemlich marginalen Gegenstand vorgelegt habe. Dies ist zusätzlich deshalb dreist, weil er die Nase ob dieser Gängigkeit überhaupt erst rümpfen kann, nachdem er meine Darstellungen vorher als subtil und tief hochgejubelt hat. Ich hatte nie etwas anderes behauptet als das Offensichtliche zu sagen: Viele Argumente hatte ich in der Tat schon 2011 geäußert, als Brôcan einen ähnlich gelagerten Artikel in der NZZ veröffentlichte.²⁰ Weil ich den alten Artikel kenne und darüber hinaus auch andere von Brôcan, wird mir da eine Haltung klar.²¹   
Ich habe das Gefühl, gerade wo jemand kaltschnäuzig eine längst obsolete Position in der Hoffnung vertritt, der Gegner sei nun müde, soll man laut sein. Ansonsten bekenne ich, ich war überrascht, als es Ende September so aussah, als neigte sich das „Hauptpendel in eine bestimmte [meine] Richtung“. Ich hatte schon von Anfang an mehr Ärger für mich erwartet, der dann erst mit Armin geballt kam. Dass vom „Hauptpendel“ und den „sehr gut ausgebauten Entgegnungs-Standards“ hätte Armin noch vor 5 Jahren kaum insinuieren können. Insofern habe ich das Gefühl, dass das öffentliche Gespräch unter Lyrikern, so interruptiv und sporadisch es geführt wird, doch mehr bringt als Häme und Beleidigung. Insofern ist es inadäquat, dass Armin dem niederen Gezänk auf der einen Seite eine gemeinsame Poetik bloß als eine schöne Utopie entgegenstellt. Denn offenbar gibt es in dem scheinbaren Gezänk auch bereits die Weiterentwicklung gemeinsamer poetischer Ideen. Armins idealisches Hoffen in Ehren, aber wenn sein Reinheitsideal ihn übersehen lässt, dass das, was er kaum zu hoffen wagt, längst passiert, es ihn sogar anstachelt, diese Ansätze gemeinschaftlicher Poetik zu hintertreiben, indem Debatten mit immer wieder den gleichen pauschalen Misstrauensreflexen künstlich offen gehalten werden, ist mir die Wirklichkeit lieber.  
Es ließe sich über Ressentiment (haben immer die anderen),
²² den Vorwurf des Apodiktischen (sind auch immer die anderen ) Metrik(hasser) und einiges mehr polemisieren. Ist geschenkt.²³ Es ließe sich aber sogar über einiges auch diskutieren, was denn z.B. mit den Metropolen ist. Man habe aber Verständnis, dass ich, so harsch angegangen, dazu keine Lust habe.

¹  Armin räumt es hellsichtig mit Nietzsche ein, auch mit Brechts „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“ hätte man es gekonnt.

²  Er sagt es unfreundlicher.

³  Mit ihrem Raisonement über „gängige Coolness- bzw. Ironie-'Störung'“ fassen beide etwas als kühle Gedanklichkeit, was man auch als Gedankenlosigkeit oder dem Gefühl des zu-kurz-gekommen-Seins, also mit Ressentiment und Vorurteil in Verbindung bringen kann.  

(Genie- ) (hermeneutischen -)

 Es habe irgendwie mit meinem falschen Verhältnis zur Sprache zu tun, ansonsten sei ich irgendwie destruktiv, mein Ton … aber Genaues erfährt man naturgemäß nicht.

⁶  Ansonsten kritisierten mich schon damals in der Schule meine Lehrer immer wegen meines Tonfalls, wenn sie gegen meine Argumente nichts mehr einzuwenden wussten.
⁷  „eine Verbesserung des „Dichterklimas“ anzumelden“ ist sicher ebenfalls nicht verwerflich, ich sehe sie nur nicht darin, im Gegenteil.
 - „Sie soll sich nicht so haben, sie wollte es doch auch!“

Wenn ich hier mit Beispielen aus der Politik hantiere, dann nicht, weil ich auf irgendwelche politischen Grundeinstellungen ausgehe, sondern weil wir in der Politik schärferes Nachdenken gewohnt sind, sensibler gegen Betrug sind, wo es um unsere grundsätzlichen Interessen geht. Ich muss hier länger reden, weil Armin, Versehen oder Absicht, mitunter so tut, als wäre die Sache selbst, was nur illustrierendes Beispiel war: „Ich lese Brôcans 'Schutzzonen' viel basaler, also weniger als materiellen Schutzraum“ … jaja schon klar!
¹⁰  Meinem schriftstellerischen Begehren sind z.B. Prosaschriftsteller wie Kurt Vonnegut näher als Dichterinnen wie Ina Seidel.
¹¹ Oder diese Erwiderung „zu gut gebrüllt, als dass ich es in seiner Gesamtheit nicht wertschätzen könnte“?:  Ach möchten doch die Leute ebenso scharf wie über Politik auch über Lyrik nachdenken und nicht so schöngeistig darüber stehen!
¹²  
Die Beispiele sind reichlich  „Warum fallen verdiente Autoren wie Klaus Demus vollkommen aus der Wahrnehmung selbst bei versierten Lesern?“ Das kann ja der einfache Leser nicht einmal raten! „Warum wagen Juroren so selten einmal unbequeme Entscheidungen, damit nicht immer wieder dieselben Namen im Gespräch sind? Warum orientieren sich die Feuilletons so häufig an Bekanntem?“ Was wüsste der Lyriknichtkenner davon? „Die mediale Aufmerksamkeit müsste dezentralisiert werden,“ worauf soll der Leser gleich nochmal damit neugierig gemacht werden? „Darüber hinaus sollten Preise und Stipendien der vorhandenen Vielfalt stärker als bisher Rechnung tragen“ was kann der einfache Leser dafür tun? „Einschränkende Stipendienkriterien wie Alter, Wohnort, Geschlecht, Thema etc. sind natürlich einerseits sinnvoll, schließen andererseits eine Majorität aus und berücksichtigen vor allem nicht immer die realen Lebensverhältnisse der Autoren.“ Ist das nicht erst interessant, wenn man die Einführung in die zeitgenössische Lyrik schon bekommen hatte? „Offenheit in dieser Hinsicht gäbe auch jenen Stimmen einen Raum ...“ Wie gibt der einfache Leser dem Raum? Warum sollte er denn überhaupt dafür nicht offen sein, das müsste man ihm zunächst erklären! „Dann mag auch mancher Leser seine Scheu vor der Lyrik verlieren“ Hier wird doch wohl über und nicht mit dem Leser geredet? „ … dass es neben den bekannten Strömungen und Ismen eine 'Duplizität der Linien', 'mit einem Wort: ein doppeltes 20. Jahrhundert' gegeben habe. Diese doppelte Linie der selten gehörten Stimmen setzt sich in unserem Jahrhundert fort; sie freizulegen und zu befördern wäre eine lohnende Aufgabe.“ Das ist selbst für mich als relativem Kenner eher eine vage Anspielung als eine Information. Wie mag es dem Leser, der nie von Lyrik gehört hat, damit gehen? (Das war jetzt nicht mehr pars pro toto, oder, Armin?) Warum will Armin nicht bemerken, wie voraussetzungsreich und zu wem hier gesprochen wird?
¹³ Ein Artikel vor einigen Jahren in der taz machte zumindest schon vieles besser als Brocan: Wenn ich dort Chefredakteur wäre, würde ich auch anderes anders machen. Susanne Messmers Kookbooks Hagiographie dort dürfte für den „einfachen Leser“ immer noch weit hilfreicher sein als Brôcans Artikel. Usw.

¹⁴ Glaubt Brôcan das?

¹⁵ Offenbar jedenfalls ist das wahrscheinlicher, als dass man meinen Einwand gegen Brôcan ernstnimmt, eventuell auch dem Hinweis auf Wittgenstein nachgeht etc. Vorsicht übrigens hier „geht ein Gebraus“!
¹⁶ Man darf Brôcan ebenso böse sein, weil man sich zu Wort genötigt sieht, wie man selbst stolz darauf sein kann, etwas Bestimmtes in einer Diskussion herausgearbeitet zu haben.
¹Er tut dabei gerade so, als hätte ich mich nicht schon oft in der von ihm angemahnten Weise positiv zu Wort gemeldet, ohne meine Poetik durch Kritik von anderen abzustützen. Wenn er darüber nicht orientiert ist, hätte er googeln müssen. Warum überhaupt beide Formen gegeneinander ausspielen? Ich glaube, dass bei einer Gemeinschaftspoetologie die Armin vorschlägt, ein verwaschenes Papier der Formelkompromisse herauskommen würde. Wie kurz und knackig das wird, lehren uns politische Verlautbarungen.
¹⁸ denn da gibt es nur eine erweiterte Mäkelrunde: Siehe Fußnote 12. Ansonsten wird die Frage „Wo bleibt das Positive, Genosse?“ im Osten mit guten Gründen nur ironisch gestellt. Ich möchte niemanden ausschließen: Man kann nicht nur durch Erfahrungen, sondern auch durch Lektüre erfassen, dass die Frage nach dem Positiven seinerzeit viel benutzt wurde, um berechtigte Kritik mundtot zu machen.
¹⁹  Und man kann aus logischen Gründen mir nicht gleichzeitig das alte Argument zugestehen, dass  Brôcan eigentlich nicht von Lyrik rede sondern von anderen Dingen und im gleichen Atemzug aufs Brot schmieren dass er damit an einer Stelle über Lyrik rede, wo dies sonst nicht geschehe.
²Brôcan hat das nicht interessiert, er hat nun fast die gleiche Leier nochmals gespielt.
²¹ Ich kann Brôcan deshalb auch nicht wie Armin in Schutz nehmen, indem ich vermute, dass ev. redaktionell nachgebessert wurde, er für manches nichts könne. Was auch immer geschehen ist: das ist schon alles wiedererkennbarer Brôcan.
²²  Und zwar genau da, wo sie anderer Meinung sind. Siehe ansonsten Fußnote 5.
²³  Mindestens jeder zweite Satz erschien mir bei ihm verquer. Weil es in anderer Tonlage sein leidiges Wir-sitzen-letztlich-alle-in-einem-Boot-Argument wiederholt, sei einem Detail aber doch noch widersprochen. Dass „letztlich“ beide arm sind, mag für denjenigen, der sein Mietgeld vom Amt bekommt, genauso gelten, wie für denjenigen, der darum verlegen ist. Es mag demjenigen, der seine Miete regelmäßig zu bezahlen weiß, aber eher auffallen, während der andere sich genauso zu Recht in einer komplett anderen Situation sieht.

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