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Ben Lerner: No Art - Teil 2 (Prosagedichte)

Rezensionen/Verlage


Jan Kuhlbrodt

Ben Lerner: No Art. Poems/Gedichte. Englisch/deutsch. Übersetzt von Steffen Popp. In Zusammenarbeit mit Monika Rinck. Berlin (Suhrkamp Verlag) 2021. 512 Seiten. 34,00 Euro.

Versuch über Lerners Prosagedichte


„DIE ERWARTBARKEIT DIESER RÄUME ist, mit einem Wort exquisit. Dieser Räume in einem Wort. Der Mond ist erwartbar exquisit, wie auch der Blick auf den Mond durch das Wort. Nichtsdestoweniger. Wir hofften auf weniger. Weniger Raum, weniger Licht. Wir hofften darauf, mehr zu bezahlen, öffentlich zum bezahlen gezwungen zu werden. Wir suchen einen flachen künstlichen Ton. Eine Achtung Hund auf Rasen betreten verboten. Die gläserne Decke ist exquisit. Ist sie aus Glas? Nein, gläsern.“

Dieser Text findet sich in der bei Suhrkamp erschienenen Sammlung von Ben Lerners Gedichten: No Art. Und an diesem Text scheint mir, wird Lerners ironischer Selbstbezug deutlich. Das Wir ist ein gebrochenes. Ihm ist nicht zu trauen, und dennoch ist es Bedingung des Selbst.

Ungefähr die Hälfte der Gedichte im Band sind Prosagedichte. Es sind also Texte, die auf Vers und Zeilenbruch verzichten und nur selten strophisch strukturiert sind. Ihre kleinste Einheit entzieht sich somit dem Vers oder der Zeile und damit der unmittelbaren Sichtbarkeit. Ihre kleinste Einheit kehrt somit zum Satz zurück.

Zu verdanken haben wir diese Form den französischen Modernen des 19. Jahrhunderts, allen voran Baudelaire und auch Aloysius Bertrand. Letzterer entwirft in seinem Zyklus „Gaspard de la Nuit“ diese Form. Baudelaire dazu:

„Als ich, mindestens zum zwanzigsten Mal, den berühmten Gaspard de la Nuit von Aloysius Bertrand durchblätterte (...), kam mir die Idee, etwas Gleichartiges zu versuchen und auf die Beschreibung des modernen Lebens oder vielmehr einer Seite des modernen und abstrakteren Lebens die Vorgehensweise anzuwenden, die er auf das Gemälde des altertümlichen, so seltsam malerischen Lebens angewandt hat.“

Im Gefolge wären dann noch unbedingt Rimbauds Illuminationen zu nennen, die dem Ganzen ihre nostalgische Stimmung nahmen, „Nach dem Gesang der Abgesang auf reine Poesie, auswandern ins andere seiner selbst.“ Heißt es im Klappentext zur Engeler-Ausgabe, die von E.G. Schmidt übersetzt wurde. Mit Rimbaud also befinden wir uns im Freien. Aber mit Freiheit muss man erst einmal zurechtkommen. Sie ist kaum auszuhalten, weil da nichts mehr ist, an das man sich halten könnte.

Der schmale Grat des Prosagedichtes situiert es immer vor einem Kippen. Einem Kippen in die Prosa selbst, was nicht so dramatisch wäre, aber es steht auch am Rande des Kitsches, also dort, wo aus Beobachtung sentimentale Zuschreibung wird. Dem entgeht Ben Lerner und mit ihm sein Übersetzer Steffen Popp aus verschiedenerlei Gründen.

Als ersten, sehr wesentlichen Grund würde ich in einem Hintergrund sehen. Lerner studierte in Providence an jener Universität, an der auch Keith und Rosmarie Waldrop unterrichteten. Beide sind vertraut mit den Bewegungen der französischen Moderne und zeitgenössischen Literatur. Keith Waldrop hat einige der zentralen Werke auch übersetzt. Und gerade Rosmarie Waldrop führt in ihrem eigenen lyrischen Schaffen das Prosagedicht fort, indem sie zum Beispiel Beobachtungen mit Theoremen engführt und so etwas wie eine ästhetische Erkenntnis zelebriert.

Auch Lerner, der sich natürlich mittlerweile freigeschwommen hat, und nicht mehr als Schüler, sondern Kollege neben den Waldrops steht, ist mit vielerlei theoretischen Wassern gewaschen. Was   ihn nicht davon abhält, seine Beobachtung unmittelbar zum Ausdruck zu bringen, wo es politisch Not tut, um den zeitgenössischen Möglichkeitswahn anzugreifen. „Die Bienen, die wir ins All schickten, stellten die Honigproduktion ein.“

Lerner geht einen Weg weiter, den Baudelaire betreten hatte. Er führt in eine in sich verworfene Gegenwart.


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