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Ayna Steigerwald: tagslichtdosen

Rezensionen/Verlage


Astrid Nischkauer

Ayna Steigerwald: tagslichtdosen. London.München (materials.materialien Verlag) 2019. 28 Seiten. 5,00 Euro (plus Versand)

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Ayna Steigerwalds Umgang mit Sprache ist ungemein präzise, dabei zugleich immer aber auch sehr leichtfüßig. Vierundzwanzig Gedichte umfasst ihr Gedichtband tagslichtdosen, erschienen bei materialien in München. Es ist ein sehr schön gemachtes Heftchen mit „klammerheftung aus leidenschaft“.
    Der Band enthält sehr vorwitzige, flinke Gedichte, die, wenn wir sie einmal ganz genau mustern wollen, sofort hakenschlagend Ausschau halten nach einem „fluchtweg oder / notausgang“ und sich überlegen, ob sie „wahlweise türmen / oder verduften“ sollen. Aus einer inneren Notwendigkeit sind die Gedichte sehr mutig und stürzen sich, wie junge Lummen noch flugunfähig, die Felsen hinab ins Meer: „meine lumme, die den fels / verlässt. ein lummensprung: halb / lust zum flug, halb erdanziehung.“
     Die präzise Leichtfüßigkeit überzeugt sofort und auch, wenn man ganz genau hinsieht und –hört. Da wäre einmal der wunderschöne Titel tagslichtdosen, der auf dem Cover vorne in drei Zeilen unterteilt ist: „tags/licht/dosen“. Schon „tags“ ist mehrdeutig, man kennt den Begriff aus der Informatik (Schlagworte), aber auch aus der Graffiti-Szene (Signaturkürzel). Lesen wir tagslichtdosen aber in einem, sehen und hören wir darin auch „Tageslichtdosen“, die bei analoger Fotografie verwendet werden, um den Film auch bei Tageslicht ohne Dunkelkammer – „hypertonisch: meine dunkelkammer“ – selbst entwickeln zu können. Dass diese Doppel-deutigkeit von der Autorin intendiert ist, darauf deuten auch die alten Diafotorahmen am Cover und die Tatsache, dass man auf der Homepage von Ayna Steigerwald auch eigene Fotos sehen kann. Wenn man möchte, könnte man die Gedichtanzahl von vierundzwanzig auch in Bezug zu analoger Fotografie setzen, da auf einem Analogfilm meist vierundzwanzig oder sechsunddreißig Fotos sind.

Im ersten Gedicht sind Gleichklänge besonders auffällig: „strahlen-strobo, reflektoren-retro.“, „zerknautschtes knäuel“. Wie um uns hellhörig zu machen, dass auch in den übrigen Gedichten der Wortklang „zwischen schnaps und schnapp- / schuss“ eine ganz wichtige Rolle spielt, da Ayna Steigerwald Worte auf Gleichklänge richtiggehend abklopft und abhorcht: „ich klopfe, horche / meine unruhe ab. herztamponade, // herztrampolin. ein gegen-regungstest.“

In vielen der Gedichte taucht Licht auf, das können Leuchtreklamen sein: „das irre schillern, lichtreklamen.“, flimmerndes Kinolicht: „schwarz-weiß-gescheckt flackert / mein hirnfirma-ment.“, oder vorübergehende Lichtempfindlichkeit: „licht und ich: nicht kompatibel.“
    Wenn man möchte, kann man aus den vierundzwanzig Gedichten auch eine Minierzählung hinein- oder herauslesen. In den Gedichten begegnet uns ein Ich, das sich zunächst einmal mit sich selbst befasst: „sortiere mich numerisch durch dickicht“, „wiedergebe mich, wenn auch zögerlich.“ Dann kommt ein Du hinzu und das Ich ist nicht länger allein: „das gefertigte wir-gefühl: ich / und eine art du verein.“ Doch dann ist das Ich als „solonummer“ wieder alleine: „verlust wird begriffen. mein jähes lächeln / huscht durchs bild. korrigiere: / verlust ist ein begriff.“ Aber irgendwann findet das Ich dann doch wieder zu sich selbst: „beim ausatmen: rücksturz ins selbst – / ich falle, lande, ein mysterium. unbeschadet / zwischen brache, parkdeck und terrassentür.“
      Die Gedichte sind offen für Fachvokabular, das sich uns in ungewohntem Kontext vielleicht im ersten Moment mehr klanglich als semantisch erschließt, wie ein unerwartetes „dosimeter“ (Messgerät zur Messung der Strahlendosis) auf einer Autobahnauffahrt. Selbst eine Zeile wie aus einem Kreuzworträtsel findet ganz selbstverständlich Platz in einem der Gedichte: „antikes tongefäß mit 7 buchstaben“. Und auch Western-Versatzstücke findet man in den Gedichten, kombiniert mit Weltraumfahrt: „because a cowgirl should be like / an astronaut.“ So wie bei einer Collage unterschiedliche Materialien und Malweisen zu einem Bild zusammen gefügt werden, finden in Ayna Steigerwalds Gedichten Worte aus oft weit entfernten Kontexten zu einem harmonischen Ganzen zusammen. Was dabei herauskommt sind in sich stimmige, dabei aber überaus spannungsgeladene und quicklebendige Gedichte. Oft flimmert das Bild, als säßen wir im Dunkel eines Kinosaals und das letzte Gedicht ist dann eine Art Abspann, es winkt uns noch ein letztes Mal zu und fährt dann gewissermaßen mit „schall und fauch“ aus dem Bild und Band.
    tagslichtdosen überzeugt Gedicht für Gedicht und auch im Ganzen, bereitet großes Lesevergnügen und macht neugierig auf mehr. Zu hoffen ist, dass Ayna Steigerwald weitergeschrieben hat und ihrem 2019 erschienenen Debütband vielleicht bald schon ein nächster Gedichtband folgen wird!


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