Augusta Laar: Exsultate, Jubilate. Zu Ingeborg Bachmann, "Malina"
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Fotos:
Fritz Peyer,
rechts Jens Mauritz
Augusta Laar
Exsultate Jubilate
Zu Ingeborg Bachmann, „Malina“
Malina bekam ich von meiner besten Freundin Gabi zum Geburtstag, war es mein 18.
oder 19.? Ich weiß es nicht mehr. Ich war schon mal beeindruckt, es von ihr zu bekommen,
und auch sowieso von dem Titel und dass das Buch von einer Frau geschrieben war, in den 70er-Jahren noch eine Seltenheit. Malina habe
ich in einem Zug gelesen, überflogen, genauer gelesen, einzelne Passagen immer
wieder gelesen. Dieses Buch war nicht der Einstieg in meine Freude an Lesen und
Literatur, aber der Einstieg in eine lebensverändernde Literatur-Erfahrung.
Hier schrieb eine Frau, eine Schriftstellerin, von ihren eigenen Zweifeln,
ihrer Liebe, ihrem Beruf, vor allem aber von ihrer Selbst-Ermächtigung als
Künstlerin, als Literatin, als Frau und Mensch, und von ihrer
Selbstverständlichkeit, dieses Künstlerinnen-Leben zu führen. Die Ups und
Downs, die Treffen im Café Landtmann, die „fliegende Hast“, die ständige Flucht
vor anderen. Die sie zelebriert in filigraner „konvulsivischer“ Verletzlichkeit.
Diese Frau – Ingeborg Bachmann – hat es sich erlaubt, von ihren vielschichtigen
Gefühlen und Wahrnehmungen zu schreiben, genau wie sie das wollte. Das war für
mich ungeheuerlich und neu. Für sie waren diese Mikro- Beobachtungen der Stoff
für ihre Literatur. Ich hatte gar nicht geahnt, dass man so etwas darf, vor
allem als Frau, und natürlich waren mir diese Gefühle vertraut, für mich, im
Geheimen. Aber Ingeborg Bachmann hat ihr Inneres geöffnet und ihr Mut legte den
Grundstein für meinen Mut, zuerst Tagebücher zu schreiben und, viel später,
auch Schriftstellerin zu werden. Wie euphorisch und vorsichtig zugleich sie ihre
Liebe beschreibt zu Ivan und wie einsam sie mit ihm ist, unmissverständlich. Was
für eine tragische und traurige Liebe – und sie ist immer noch „Glücklich mit Ivan“,
sie verordnet sich quasi dieses Glück. Und genau nach dieser Überschrift erkennen
wir: das stimmt nicht, sie ist nicht glücklich mit Ivan, sie ist unglücklich.
Er liebt sie nicht so wie sie ihn. Und ab hier habe ich gebangt um sie, dass
sie ihre Freiheit behält, ihre Genauigkeit, sie ist die Chronistin ihrer
Gefühle und Reaktionen, nur, er ist es nicht wert, oder? Und Malina, der kommt
als Mann kaum vor, eher als Über-Ich? Oder als unnahbarer Freund? Bis zum
Schluss ist nicht klar, ob Malina überhaupt existiert oder ob er ein Teil ihrer
selbst ist. Sie beschwört diese Liebe zu Ivan und stellt sie als Bollwerk gegen
alles andere, das in ihrem Leben passiert und ihr in die Quere kommt, sie
verteidigt diese Liebe bis zur bitteren Neige.
Malina als Roman hält sich nicht an Roman-Regeln. Die Autorin wechselt
innerhalb der Prosa-Sequenzen u. a. in kurze Notizen, in Telefon-Sätze,
Dialoge, angeordnet wie Libretto- oder Verszeilen teils mit dynamischen
Anweisungen versehen, und gleitet dann hinüber ins Erzählen. In den
Märchen-Passagen in Kursivschrift, in den heillos absurden Briefen oder
Brief-Fragmenten, den Absagen, an Bürgermeister, Präsidenten, Redakteure von
Tageszeitungen, den Einblicken in ihr mondänes Leben als bekannte Wiener
Autorin – und gleichzeitig die Mühen, sich darstellen zu müssen, genau diese
Autorin sein zu müssen. Sie, die die Liebende ist, eigentlich. Ihre
Unfähigkeit, „Nein“ zu sagen, ihre fast zwanghafte Hilfsbereitschaft, Menschen Geld
zu geben oder andere Güter, eine Fahrkarte usw. Und Malina, der sie rettet, der
immer Geld spart, für einen neuen Mantel, für die Miete. Malina, der so diskret
ist, nie nach Ivan fragt, der einfach da ist, und nicht da, wenn sie ihn nicht
braucht, eine schattenhafte Gestalt, ob real oder nicht, aber eine Stütze, ein
geheimer Begleiter, genau so einen habe ich mir auch gewünscht. Und dann die
langen Passagen als haltlose Liebende, die Ivan hinterherläuft, bis er es
selbst ausspricht: „Du sollst nicht mir nachlaufen.“ Der ein Spiel haben möchte
mit ihr, der ihre Bücher nicht lesen möchte, der andere, freudenvolle Bücher
von ihr erwartet – Exsultate Jubilate –, der eine andere Frau möchte, nicht
diese Tiefe, nicht solche ernsthafte Dramatik, auf die diese Liebe hinausläuft
… der immer weniger Zeit für sie hat.
Das Buch heute zu lesen ist genauso spannend wie zu Beginn der
70er-Jahre, Malina ist immer aktuell. Malina ist ein radikal
subjektives poetisches Buch. Was ich von Ingeborg Bachmann, von Malina gelernt
habe, ist mein Zugang zur Sprache, über Liebe und Nicht-Liebe und das
Dazwischen, die Stadien des Verlassenseins und der Einsamkeit, das alles sah
ich seither mit ihren Sätzen und ihren Auslassungen. Und: Dieses Buch war durch
und durch rätselhaft für mich, im besten Sinn, ich hatte nicht wirklich
verstanden, worum es da ging. War die Protagonistin am Ende tot? Wirklich
ermordet? Oder war es ein Gleichnis? Etwas Geheimnisvolles umgibt dieses Buch,
das ich nach Jahrzehnten wieder gelesen habe.
Malina ist Bachmanns „imaginäre Autobiographie“, u. a. auch über die
Forderungen an sich selbst als Frau und Künstlerin und die Über-Forderungen,
die Rastlosigkeit, den Auftrag der Wahrheit, das, was das Schreiben und Leben
als Schriftstellerin ausmacht: die Ängste, die Alpträume, die Dekonstruktion
der Erinnerung, das Straucheln und die Verzweiflung, die Liebe als Utopie und
ihr Ende. Und letztendlich die Rätselhaftigkeit des Lebens an sich, das immer
fragil, immer schön und immer verstörend ist und auch nicht unbedingt gut
ausgehen muss. Zugleich ist Malina ein Buch über Sprache. Die Autorin,
das „Ich“, schreibt über intimste Dinge, die aber niemals und zugleich immer
zur Sprache kommen, zur schönsten und poetischsten Sprache, die mich von Anfang
an und bis heute begeistert. Malina hat meine eigene Sprache geweckt und
aus mir herausgeholt, eine bessere Einführung in die Ästhetik der Sprache und
ihre vielen Facetten könnte ich mir nicht vorstellen. Zusätzlich wurde dieses
Buch meine Wien-Bibel, ich wollte alle Orte und Plätze erkunden, die in dem
Buch vorkamen, und tatsächlich konnte ich dann für einige Jahre im 3. Bezirk
eine kleine Wohnung nehmen, was für ein Geschenk. Und dieser 3. Bezirk wird
immer mein Lieblingsbezirk sein. Exsultate – Jubilate. Danke, Ingeborg Bachmann.