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Asmus Trautsch: Der Umschlag von allem in nichts - Teil 2

Rezensionen/Verlage


Jan Kuhlbrodt

Asmus Trautsch: „Der Umschlag von allem in nichts – Theorie tragischer Erfahrung“. Berlin (De Gruyter - Deutsche Zeitschrift für Philosophie / Sonderbände, 43)  2020. 888 Seiten. 149,95 Euro.

Teil 2 zu Asmus Trautsch
Metabole


Der Begriff der Tragödie beziehungsweise der des Tragischen begegnet einem, zumindest mir ging es so, jenseits vom Alltagsgebrauch, wo er doch zumeist mit einem persönlichen Unglück in Zusammenhang gebracht wird, als Strukturelement antiker Theatertexte. Der Held versucht, einem prophezeiten Schicksal zu entgehen, und sorgt mit diesem Versuch gerade dafür, dass sich die Prophezeiung erfüllt. Eben der Versuch der Flucht schafft die Bedingungen, die zur Erfüllung der Prophezeiung notwendig sind. Ödipus zum Beispiel wird als Neugeborener vom Hof seiner Eltern entfernt, weil prophezeit ist, dass er den Vater töten und die Mutter ehelichen wird. Er begegnet aber gerade deshalb dem Vater und der Mutter später als Fremden, und nur deshalb war er in der Situation, den Vater zu töten und die Mutter zu heiraten. Als er den Inhalt seiner Taten erkennt, straft er sich selbst.

Das Ende der Tragödie ist die Erkenntnis der verfahrenen Situation und damit der Tod des Helden. Die Dramatik der Handlung sollte, so will es die Theorie bei Aristoteles, im Zuschauer zu einer Läuterung führen, einem kathartischen Effekt. Hiermit wäre das Theater zugleich als Erziehungs-anstalt eingeführt. Das beschreibt aber nur die Beziehung des Theaters zum Publikum. Bei Platon bekam die Sache noch eine andere Wendung, denn er sieht das technische Moment, dass der Darsteller ja in der Aufführung einen anderen verkörpert, und somit auch Eigenschaften übernimmt, die seiner eigenen Funktion in der Polis widersprechen. Dieses könnte ihm in der Erfüllung seines der Polis gemäßen Auftrags im Weg stehen. Deshalb plädiert Platon im „Staat“ für die Verbannung der nachahmenden Künste. Später in seiner Schrift „Die Gesetze“ sieht er sie, streng reglementiert, in den Erziehungsprozess eingebunden.

Beide Autoren, also Platon und Aristoteles, beschreiben in ihren Texten ein Verhältnis mimetischer Künste hinsichtlich ihrer Wirkung einerseits auf den Zuschauer und andererseits auf den Darsteller selbst, und in den meisten Texten, die ich zum Tragischen in der Folge Platons gelesen habe, standen diese im Mittelpunkt, bis hin zu Brechts Versuch der Überwindung des Theaters in aristotelischer Tradition in seiner Theorie des Lehrstücks.

Bei Trautsch nun rückt ein anderes Moment der dramatischen Struktur in den Mittelpunkt. Dieses Moment ist bereits im Titel der Arbeit genannt. Es ist das Moment des Umschlags. Auch diesen Begriff findet Trautsch bei Platon und Aristoteles, aber eben nicht auf jenem ausgetretenen Pfad der Dramentheorie, wie sie mehr von ihrer psychologischen Seite her in die Allgemeinbildung eingeflossen ist und an Gymnasien als Prüfungsleistung abgefragt wird. Und vielleicht ist ja dieser Begriff genau das Moment, dass die Struktur der Tragödie mit der politischen und gesellschaftlichen Struktur menschlicher Organisation als Gefahr verbindet.

„Es ist die plötzliche Aufhebung der Identität an ihr selbst. Sofern dieser Identität ein Wert oder normativer Gehalt zukommt, ist der Wechsel ins Gegenteil eine Gefahr. Die metabole ist der unheimliche Riss durch die Zeit.“

Trautsch bezieht sich in der Extrapolierung des Begiffes zunächst vor allem auf Platon und dessen Einordnung des menschlichen/gesellschaftlichen Momentes in einen kosmologischen Zusam-menhang. Und damit der Unmöglichkeit der Beherrschbarkeit des Ganzen, was ja nicht zuletzt ein, wenn nicht der Motor abendländischer Forschung war. Aber das Kosmologische wirkt auf den Einzelnen, wird, wenn man so will, auf ihn zurückgebogen.

„Da auf das Handeln von einzelnen Menschen alles ankommt, auch die Persistenz gut verfasster Staaten, bildet erst die Tragödie, in der es um Individuen geht, das angemessene Modell, um die existenziellen Risiken der Praxis begreifbar zu machen.“

In diesem Satz klingt an, was Trautsch im Folgenden ausführt. Nämlich die Dimensionen des Umschlags, aber auch die Bedeutung hinsichtlich einer Auswirkung menschlicher Praxis im Anthropozän.


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