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Ása Þorsteinsdóttir: Der Mond

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Ása Þorsteinsdóttir
 
DER MOND

(Aus: Ljóðbréf Nr. 7 / Poesiebrief Nr. 7, Tunglið forlag, Reykjavík 2023)

Aus dem Isländischen von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer


DER MOND

Noch klein, sah ein Mädchen zu,
wie der Mond ein Auto verfolgte,
den ganzen Weg nach Hause, und es überlegte,
was der Mann im Mond wohl dazu sagen würde.
Das kleine Mädchen verstand auch nicht,
warum der Mond manchmal des Morgens zu sehen war,
obwohl er sein Zuhause doch in der Nacht hatte,
wünschte dem Mann im Mond aber dennoch einen guten Tag
und sah zu, wie er hinter dem Auto herlief,
den ganzen Weg bis in den Kindergarten.

Einige Jahre später, nicht mehr ganz so klein,
hatte das Mädchen begriffen,
dass der Mond keine Autos verfolgte
und dass die Flecken auf ihm auch kein Gesicht waren.
Aber durchtränkt von der Romantik der Welt,
blickte es dennoch verträumt zum Mond hinauf
und stellte sich vor, dass es irgendwo auf der Erde
einen Seelenverwandten gäbe, der auch zum Mond hochsah
und an sie dachte.

Später, als junge Frau will sie nicht so tun,
als wüsste sie nicht, dass der Mond Ebbe und Flut bestimmt,
dort, wo sie am Meeresufer steht
und in den Nachthimmel schaut.

Als junge Frau glaubt sie nicht mehr an Seelenverwandte
oder an zuckersüße Liebesmärchen,
aber sie kann nicht aufhören, sich zu fragen,
ob nicht auf der anderen Seite des Landes,
irgendwo in Reykjavík,
ein junger Mann den Mond anschaut
und an sie denkt.


Ása Þorsteinsdóttir,  geboren 1999, wuchs in einer abgelegenen Landschaft im Osten Islands auf. Im Alter von sechs Jahren beschloss sie, Dichterin zu werden und seither arbeitet sie auf diesem Gebiet. Gedichte von ihr wurden beispielsweise in der Gedicht-sammlung Bók sem allir myndu lesa / Ein Buch, das jeder lesen sollte (2016) und in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht. Ása Þorsteinsdóttir ist Teil des Poesie-Kollektivs Yrkjum / Lass uns dichten, einer Gruppe junger Frauen, die unter anderem Leseabende junger Dichterinnen und Dichter in Reykjavík organisieren. Ása Þorsteinsdóttir studiert an der Universität von Island und möchte Isländischlehrerin werden.

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