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Aphoristik - zwei Neuerscheinungen

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Matthias Messmer

Die hohe Kunst der knappen Form:
Vom Glanz des Gedankens im Miniaturformat
Zwei Neuerscheinungen zur Aphoristik


Kurz gesagt, ich bin ein Gegner der Kürze, trotz der versprochenen Würze.  Der Grund: Von den knappen WhatsApp-Nachrichten über kurze Mittagspausen, rasche Meetings, flüchtige Arztbesuche und schnelles Online-Banking bis zum Quickie – nein, nicht die Rollstuhlmarke! – zwingt die heutige Gesellschaft ihre Mitglieder geradezu, kurz und bündig zu sein, ganz nach dem Motto: «Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.» Dieser Gruppenzwang passt mir nicht.    
Andererseits und länger gedacht: Wer stört sich nicht an den langatmigen Reden von Politikern? Was ist mit den langwierigen bürokratischen Prozessen? Oder den langweiligen Smalltalks auf Anlässen und Veranstaltungen? Den langandauernden Kriegen auf der Welt? Oder auch den langanhaltenden körperlichen Beschwerden? In all diesen Fällen würde etwas mehr Knappheit mitunter für eine angenehme Erleichterung sorgen.    
In der Belletristik gilt der Aphorismus als die Quintessenz des Lobes der Kürze. Seltsam nur, dass gerade dieser Aphorismus, also der «prägnant-geistreiche, in sich geschlossene Sinnspruch» (Duden), in der heutigen Zeit von Beschleunigung und Zeitknappheit einen schweren Stand hat. Und das sowohl bei Autoren als auch bei Lesern.
Auf der Autorenseite gilt der Aphorismus heute oft als veraltet oder zu elitär. Ein großes Publikum scheint sich für Minitexte zwischen Philosophie und Poesie ohnehin nur noch punktuell zu interessieren. Aphoristische Weisheiten von Autoren und Autorinnen wie Georg Christoph Lichtenberg, Marie von Ebner-Eschenbach, Friedrich Nietzsche, Karl Kraus, Hans Kudszus, Nicolás Gómez Dávila oder Stanisław Lec werden heute bestenfalls in Todesanzeigen oder Kalendern abgedruckt. In letzteren meist als «Mutmacher des Tages», «Kraftgedanke» oder «Zitatmoment». Sie sollen all jenen als Sinnsprüche dienen, die keine Zeit (oder keine Lust) mehr zum Lesen von Büchern haben.
Ich gestehe, dass ich kein Experte für Aphorismen bin und demnach über zu wenig Expertise verfüge, um zu beurteilen, was in diesem Genre das Prädikat «gut» verdient. Dennoch möchte ich gerne darüber schreiben. Ganz im Sinne von Kästners Diktum: «Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.»  
Ein Aphorismus wie «Die Phantasie ist ein guter Diener, aber ein schlechter Herr» von Karl Kraus bringt mich zum Schmunzeln. «Wer heute noch lacht, ist morgen schon tot» von Kurt Tucholsky ist vielleicht zum Lachen – oder aber zum Weinen. Martin Walsers «Sich verstehen heißt noch lange nicht, einverstanden sein» ist auch so ein Kurztext zum Grübeln. In «Sehnsucht ist Trauer um das, was noch nicht ist. Trauer nach vorn» von Jürg Amann bedrängt einen schon eher das Gefühl der Melancholie. Noch schmerzhafter ist die spürbare Dunkelheit in Emil Ciorans Aphorismus «Nur wer in sich eine Wüste trägt, kann verstehen, was eine Oase ist.»
In all diesen Fällen ist die Pointe das Entscheidende, auf das der Aphorismus ausgerichtet ist. Und wie man sieht, gibt es für jeden und für jeden Moment den passenden Aphorismus. Das erinnert mich ein bisschen an den «entscheidenden Augenblick» im Schaffen des Fotografen Cartier-Bresson: Dort das besondere Auge für den richtigen Moment, beim Aphorismus die einprägsam formulierten und goldrichtig gesetzten Wörter für die passende Stimmung. Es soll ein Überraschungseffekt sein, der bei der Leserschaft wie ein Blitz einschlägt – «das letzte Glied einer langen Gedankenkette», wie Marie von Ebner-Eschenbach einmal sagte.
Für eine wissbegierige Leserschaft sind gleich zwei Schriftsteller, die selbst begnadete Aphoristiker sind, im letzten Jahr auf die Thematik dieser minimalistischen Textform eingegangen – und das in unterschiedlichen Kontexten: Da ist zum einen Friedemann Spicker, Literaturwissenschaftler und Verfasser zahlreicher Publikationen zum Aphorismus vom 18. bis 20. Jahrhundert. In seinem neuesten Werk* widmet er sich dem österreichisch-israelischen Schriftsteller, Aphoristiker und Lyriker Elazar Benyoëtz. Andererseits ist da Felix Philipp Ingold, der als Herausgeber, Übersetzer und Autor vor allem für seine Arbeiten zur slawischen Literatur, zur russischen Avantgarde sowie zur Kultur- und Literaturkritik bekannt ist. Ingolds jüngste Monografie** bietet eine detaillierte Übersicht zur Geschichte und Theorie der aphoristischen Rede in Russland vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart.
«…Kein noch so tiefsinniger Aphorismus kann es an Eindringlichkeit und Sinnfülle mit der recht erzählten Geschichte aufnehmen», befand Hannah Arendt einst. Womöglich hatte sie recht. Doch wer Recht hat, muss nicht immer Recht haben, würden überzeugte Aphoristiker entgegnen. Jedenfalls relativiert sich Arendts Aussage bei der Lektüre der beiden Neuerscheinungen erheblich. Ihr Urteil wird zumindest dahingehend abgeschwächt, dass sich sowohl Spicker als auch Ingold in verdankenswerter Weise und mit Erfolg bemüht haben, der Leserschaft Hintergründe und Umstände des «Phänomens Aphorismus» zu erläutern. Im ersten Fall geschieht dies durch die Auslegung der Biografie und Denkweise von Benyoëtz (seine Werkgeschichte ist seine Lebensgeschichte), im zweiten Fall durch die Einbettung in die russische Sozial- und Literaturgeschichte (im russischen Publikumsverständnis sind die großen russischen Aphoristiker identisch mit den literarischen Größen des Landes).
Elazar Benyoëtz wurde 1937 als Paul Koppel in Wiener Neustadt geboren. Zwei Jahre später emigrierten seine Eltern mit ihm nach Jerusalem. Mit 22 Jahren legte Benyoëtz das Examen als Rabbiner ab, einen Beruf, den er allerdings nie ausübte. Die Texte aus der Heiligen Schrift, insbesondere das Buch Kohelet, wurden jedoch – neben der Literatur, der Philosophie und jüdischer Tradition – zu einer wichtigen Inspirationsquelle für sein späteres Schaffen. Seine ersten Lyrikbände erschienen auf Hebräisch. In den 1960er Jahren forschte Benyoëtz in Berlin zur Literatur, die von Juden in deutscher Sprache verfasst wurde, und gründete dort das Archiv «Bibliographia Judaica» (aus dem später ein mehr-bändiges Autorenlexikon hervorging). Fortan schrieb er in deutscher Sprache, unter anderem die Bücher «Der Mensch besteht von Fall zu Fall» (Reclam), «Die Eselin Bileams und Kohelets Hund» (Hanser) oder «Olivenbäume, die Eier legen» (Braumüller), um nur drei von mehreren Dutzend Büchern – meist Aphorismen-Sammlungen – zu erwähnen.
Unbedarfte Leserinnen und Leser könnten sich fragen, was Spicker als Herausgeber in seinem Band Neues bietet. Doch allein die Tatsache, dass er den «alten, aus allen Moden gekommenen Troubadour der Dichtung» (Benyoëtz über sich selbst) seit einem halben Jahrhundert kennt, ist vielversprechend. Und Spicker löst dieses Versprechen entschieden ein. Das unter Mitarbeit seiner Frau entstandene Buch ist sowohl für Laien als auch für Kenner ein Segen. Es bietet eine wunderbare Beschäftigung mit einem hoch angesehenen Schriftsteller und seinem Lebenswerk und regt die Leserschaft dazu an, das eigene Leben kritisch, aber hoffentlich mit wohlwollendem Blick zu hinterfragen. Beispiele hierfür sind folgende Sätze: «Auch das Ende muss seinen Anfang nehmen. Erwartungen drängen. Hoffnung lässt auf sich warten. Es geht im Satz wie im Leben nicht um kurz oder lang, sondern um Fülle und Armut.»
Spickers Band ist in zehn Kapitel unterteilt, die sich zunächst an der Biografie und der formalen Entwicklung Benyoëtz‘ orientieren und sich später einzelnen Themen widmen. Spicker leitet jedes Kapitel sorgfältig ein, um die Leserschaft auf die Aphorismen und Selbstzeugnisse des in Jerusalem lebenden Autors einzustimmen. Als Beispiel sei das siebte Kapitel (Das Beten macht das Sein verbindlich) erwähnt: Spicker weist einleitend darauf hin, dass sich in Benyoëtz’ Texten jederzeit eine enge Beziehung zu Gott ausdrückt, ein «Miteinander von hochintellektueller Literatur und Religiosität». Folgerichtig lautet einer der sich anschließenden Aphorismen: «Gott legte mir seine Welt ans Herz, ich verlegte sie ins Buch.» Im Selbstzeugnis desselben Kapitels notiert Benyoëtz: «Kein Mensch vermag, sich von Gott loszuatmen. Die Gedanken spielen woanders eine Rolle, und ihre Hauptrolle bleibt, das Woanders immer neu zu bestimmen und aufzusuchen.»
In diesem Band verflechten sich die Fäden über mehr als 300 Seiten – und entknoten sich wieder, vorausgesetzt man verfügt über genügend Geduld, Durchsetzungswillen und auch ein bisschen Demut. Die Lektüre dieses Bandes ist ohne Zweifel mit Arbeit verbunden, und nicht immer ist Erfolg garantiert. Auch Benyoëtz ist sich dessen bewusst: «Man sucht, bis man findet und verliert sich am Gefundenen.» Doch ist’s auch ein Trost des Großmeisters der Aphoristik, wenn er schreibt: «Die großen Fragen sind nur ohne Antwort groß.»
Einen nicht geringeren Aufwand erfordert die Lektüre von Felix Philipp Ingolds Monografie. Schon die Einleitung, die der Autor als «Zugang» betitelt hat, weist darauf hin, dass er sich der Schwierigkeiten bewusst ist, die ein solcher Band für die Leserschaft bedeuten könnte. Tatsächlich richtet sich der schwergewichtige Band gemäß Klappentext außer an Russistik-Experten hauptsächlich an Liebhaber aphori-stischer Texte und alle, die «nach wie vor an klassischer und moderner russischer Kultur interessiert sind». Das «nach wie vor» ist dabei natürlich als «trotz allem» zu lesen – mit Bezug auf Russlands Krieg gegen die Ukraine und das unheilige Russentum.   
Bei diesem Buch sind Leserinnen und Leser, fast noch deutlicher als bei den Aphorismen von Benyoëtz, auf einen kompetenten Begleiter angewiesen, der sie durch das Labyrinth der Thematik führt. Ingold, ein hochgeschätzter Vermittler zwischen russischer und westlicher Kultur, ist wohl einer der letzten Universalgelehrten des 20. Jahrhunderts und damit die perfekte Besetzung. Auch wenn er seiner Leserschaft viel zumutet, weiß er doch, dass man «ohne Mühe keinen Fisch aus dem Teich holt», wie es im russischen Sprichwort heißt: «Без труда не выловишь и рыбку из пруда.»
Ingolds Band umfasst knapp 600 Seiten. Neben den eigentlichen, vom Verfasser eigens übersetzten Texten und Quellen (die Anthologie in Teil II macht zwei Drittel des Bandes aus) findet sich darin auch ein geschichtlicher Überblick über die Aphoristik – von der russischen Romantik über die Moderne, die frühe Sowjet- und Exilliteratur bis in die heutige Zeit (Teil I). Leserinnen und Leser sollten sich von den sich bei dieser Anordnung der Inhalte immer wieder ergebenden Überschneidungen zwischen den beiden Teilen nicht stören lassen. Im besten Fall regt das Hin- und Herblättern sogar zum Nachdenken an. Ein Beispiel ist Wassilij Kljutscheskij, ein bedeutender Historiker der russischen Moderne («Unsere Geschichte verläuft nach unserem Kalender: Mit jedem Jahrhundert bleiben wir um einen Tag hinter der Welt zurück»), aber auch Lew Tolstoj.
In seinem Textband «Für alle Tage: Ein Lebensbuch», einer Art Wegweiser für den Alltag, entlehnt der Großschriftsteller Gedankengut von weisen Menschen wie Konfuzius oder Pascal und reichert es mit eigenen Ideen und Meinungen an, ohne diesen Unterschied genau kenntlich zu machen. «Fremdzitat und Selbstaussage werden solcherart bis zur Un-unterscheidbarkeit verschliffen», heißt es dazu in Teil I bei Ingold. Dem Giganten der Weltliteratur kann man es dennoch nicht übelnehmen, wenn er in Teil II des Buches aphoristisch formuliert: «Um fremde Gedanken erfassen zu können, darf man keine eigenen haben.» Der Leser muss schon ein bisschen schmunzeln, denn ganz ohne eigene geistige Arbeit dürfte es auch Tolstoj nicht gelungen sein, den Band «Für alle Tage» zu schreiben.     

Wie Ingold festhält, ist die Aphoristik als eigenständiges Genre in Russland eine Ausnahmeerscheinung. Die meisten Aphorismen wurden aus unterschiedlichen Kontexten wie Philosophie, Wissenschaft, Romanen, Gedichten oder Briefwechseln herausgelöst. Dies betrifft Tolstoj ebenso wie Puschkin, Dostojewski oder Tschechow.
Die schier unerschöpfliche Fülle an aphoristischen Texten aus den unterschiedlichsten Zeitepochen hält für jeden Geschmack die passende Pointe bereit. Einige der intensivsten Gefühlsregungen versprechen Textfragmente der beiden höchst produktiven und auch provokativsten Autoren Wassilij Rosanow (1856-1919) und Lew Schestow (1866-1938), wie Ingolds Auswahl und Vorbereitung zeigen. Rosanow wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und änderte seine Meinungen und Überzeugungen «wie Handschuhe». Laut Ingold weist seine spätere Aphoristik eine betont «subjektive Einfärbung» auf. «Worin besteht das Fazit meines Lebens? -- Es hat entsetzlich wenig Sinn. Ich lebte hin, gelegentlich freute ich mich: Das ist die Hauptsache. ‘Was ist daraus geworden?’ Nichts Besonderes.»
Im Gegensatz zu Rosanow stammte Lew Schestow, der jüdischer Herkunft war, aus einer wohlhabenden und kultivierten Familie. Auch er richtete sein Denken auf Überlegungen aus, «die widersprüchlich sind wie das Leben selbst»: «Aber doch – man muss Fragen stellen bis zum allerletzten Augenblick. Der Tod muss eine Frage sein und bleiben, sowohl für die Überlebenden als auch für die Sterbenden.» Bei beiden Autoren verdichtet sich persönliche Erfahrung zu einem Gedankenblitz, der weit über seinen knappen Wortlaut hinausweist.
Und dann sind da natürlich die spirituellen oder existenziellen Aphorismen von Marina Zwetajewa (1892-1941), wie beispielsweise «Was können wir über Gott sagen? Nichts. Was können wir zu Gott sagen? Alles.» oder: «An allem kann die Seele wachsen, am meisten – an Verlusten.» Auch in ihren Texten zeigt sich die eigentümliche Sogwirkung, in der das Bleibende im Flüchtigen aufscheint. Lebensgeist im Zeitgeist vereint.  
Mit seiner Übersetzung aphoristischer Texte schenkt Felix Philipp Ingold der Leserschaft erhellende, trübe, gelegentlich erheiternde und häufig auch verstörende Einblicke in ein «wundersames Land mit einem ganz und gar verfickten Staat» (Igor Guberman, *1936). Nach der Lektüre des Buches könnte man fast den Eindruck gewinnen, dass «die russische Seele» (русская душа) allen literarischen und philosophischen Debatten zum Trotz in Wirklichkeit gar nicht existiert. Denn, wie der Satiriker, Bühnenkünstler und Drehbuchautor Michail Shwanezkij (1934-2020) es ausdrückte, «unsere Leute sind noch nicht bereit. Noch nicht bereit zu leben. Sterben wollen sie nicht, und zum Leben sind sie nicht bereit.»
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* Elazar Benyoëtz: Ich bin der Sprache Werk und Zeuge. Aphorismen und Selbstzeugnisse. Herausgegeben und eingeleitet von Friedemann Spicker. Unter Mitarbeit von Angelika Spicker-Wendt. Würzburg (Königshausen und Neumann) 2025. 322 Seiten. 28,00 Euro.

** Felix Philipp Ingold: Der russische Aphorismus. Geschichte, Themen, Texte. Düsseldorf (Edition Virgines) 2025. 574 Seiten. 30,00 Euro.


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