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Antonín Zhořec: Drei Gedichte

Werkstatt/Reihen > Reihen > Über die Schwelle - Neues aus Tschechien

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Antonín Zhořec
Drei Gedichte
Aus dem Tschechischen von Patrik Valouch


Regen am Meer soll salzig sein

einheitliche weiße Worte; alles ausblassen aufklären übermalen ausbleichen

um fünf Uhr früh fischen wir aus dem Meer die erste Kalkqualle
               weicher Schimmel bedeckt die Kieselsteinhaut
               das Meer löst die salzige Küste
               die Marmorstatuen der Wellen geben die Richtung deines Schritts vor
               festerrichtete Salzwüstengrenzen zerbröseln
               Kalkquallen finden im Salz ihre Erlösung
um zwei Uhr nachmittags hören wir auf urwüchsige Perlmuttmenschen zu sein
               Quallen wissen massenweise nicht mehr wohin
               die blasse Sonne hält kaum Schritt mit der Zeit
               der kohärente Streifen Kalkquallen klart dicht unterm Wasserspiegel auf
               Regen geht in eine Salzwüste über
               Sonne mit Salz lockert die Erde
um sieben Uhr abends essen wir den Steinschimmel
               eine milchige Welle bricht weiß auf der Straßenoberfläche
               aufgelockerter Mund voller Salz und das Brennen ist weiß
               du spuckst ein weißes Meerstück weiße Schlange zischt im Salz brennt im weißen Feuer
               du peitscht den weißen Meerschaum mit weißem Weißmittel

Unweißes wälzt hin zur Küste
Mitternacht: Meer wird düster



Mit einer Zange kämme ich dein zierliches Haar

ich spreche von Zwetschgen wie über das Holzhacken
zwänge die Schale zwischen die Zähne
verliere dabei Säure und Späne

die Zwetschge hat sich benässt
Milben krabbeln durchs Geäst

bei der Futterkrippe trinkt die Hindin den Ahornstamm
Schwarm der Rasen Beete und wuchernder Bänke
hacke dein Zwetschgenhaar aus der Baumallee der Senke

Hindin ein Aug ist leer
dein zweites ein Gewehr

aus den Augenlidern trinkt die Hindin Zwetschgenkren
Leiter verlor ihre zertretenen Sprossen
Baumrinde in kleine Stücke zerstoßen

ich reibe die Augen des Zwetschgenkren
nur noch den krummen nackten Arsch des welken Stammes beschreiben



Mit einem einzigen Baum

mein Freund: ein Baum winkt dir
und bietet Schnecken zum Angucken

caracol de los verstreichender Felder
caracol de la Walderde

ein Baum mit Schneckengehäusen statt Zapfen
weicht den Fühlern

kleine Schnecke kriecht herauf kriecht herauf ins mit Meergras gesalzene Körbchen

Höhle im Baum verbirgt die Nadeln
hinter dem heißen Gras gekocht zuvor gedunsen
wer sich nicht kochen lässt darf nicht in den Wald gehen

caracol con los ojos de Nadeln
carcol con la pierna de Perlen

Schneckenqualm verdeckt vom Baum pfeift
Furchen in der Rinde saugen mobile Bahnen
unwiederbringliche Verwüstungen

caracol bis zur Weißglut
der Baum zerfließt und wünscht dir viel Erfolg bei deinen weiteren Unternehmungen


Antonín Zhořec (*2000) ist Dichter, Literaturkritiker und Queer-Aktivist. Er studierte Hispanistik und Gender Studies an der Karls-Universität Prag. 2023 erschien im tschechi-schen Independent-Verlag Adolescent sein Debütband „Rejpnu si do solární bouře“, der in deutscher Übersetzung von Markéta Blažejová und Thomas Stefflbauer unter dem Titel „Ich piekse den Sonnensturm“ im Verlag Wortpalast erhältlich ist.
Der Übersetzer dankt herzlich Klaus Anders für die kritische Durchsicht der Gedichte.

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