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Anton Helgi Jónsson: Zwei Gedichte

Werkstatt/Reihen
Anton Helgi Jónsson
Zwei Gedichte

Aus dem Isländischen übertragen von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer


EIN GRELLES LICHT

Ein grelles Licht stach mir ins Auge,
als ich auf dem Arbeitstisch am Fenster,
das nach Süden geht, ein Buch aufschlug.

Ich blinzelte und sah:

Nein, das war kein aufgeschlagenes Buch,
was da vor mir auf dem Tisch lag,
sondern frisch in alle Richtungen gefallener Schnee.

Draußen konnte ich mitten im Schneefeld eine Mulde erkennen.

Ein Schneehuhn hatte sich dort für einen Augenblick niedergelassen,
war ein paar Schritte gelaufen,
dann aber aufgeflogen,
hatte schnörkelige Buchstaben zurückgelassen, Wörter,

und mich,
hin und her rennend in der weißen Leere.

(Aus: Handbók um ómerktar undankomuleiðir / Handbuch der nicht gekennzeichneten Fluchtwege, Forlagið / Mál og menning, Reykjavík 2020)



ABENDSEIN

Heiß heiß, sagt die Hand, mit der die Frau wedelt,
aber sie äußert sich nicht dazu, wie der Bissen schmeckt.

Da zögert er einen Augenblick, der Alte,
richtet dann den Kochlöffel auf die Pfanne,
rührt bedächtig um,
weiß nicht, ob es nötig ist, noch nachzuwürzen.

Er tritt von einem Bein aufs andere, rührt
in der Pfanne, nimmt einzig wahr, wie die Frau kaut.

Verblüfft öffnet sie die Augen,
schließt sie sodann wieder,
lässt den Pfeffer sich entfalten und lächelt.

Das ist heiß. Das ist gut.
Das ist Pfeffer, wie Pfeffer sein soll.

Plötzlich platzt es aus ihr heraus, sie lacht und lacht.
Dann lacht er, der Alte, lacht auch er.

Nun ist gut, wie gut sein soll.
Ist heiß, wie heiß sein soll.

Es ist Pfefferhitze, Pfefferabend.
Ein Abend, wie ein Abend sein soll.


(aus: Ljóðbréf Nr. 3 / Poesiebrief Nr. 4, hrsg. v. Dagur Hjartarson und Ragnar Helgi Ólafsson, Tunglið forlag, Reykjavík 2021)


Anton Helgi Jónsson wurde am 15. Januar 1955 in Hafnarfjörður geboren, zog aber im Alter von zwölf Jahren nach Reykjavík und hat dort die meiste Zeit seines Lebens verbracht. Er lebte einige Jahre in Stockholm, wo er Philosophie und Literatur studierte. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit hat er Workshops in kreativem Schreiben gehalten, in den Bereichen Redaktion, Öffentlichkeitsarbeit und Werbung gearbeitet.
Seinen ersten Gedichtband veröffentlichte Anton Helgi Jónsson 1974, seither folgten acht weitere, mehrere Theaterstücke und ein Roman. Sein derzeit letzter Gedichtband, Handbók um ómektar evaðelæðir / Handbuch der nicht gekennzeichneten Fluchtwege, erschien im Herbst 2020. Darüber hinaus hat der Autor in den letzten Jahren seine Leser vor allem durch die Veröffentlichung von Gedichten in sozialen Medien und durch Lesungen erreicht. Auch unterhält er die Website anton.is, auf der man die meisten seiner veröffentlichten Gedichte lesen kann. Für sein dichterisches Arbeiten wurde er zweimal, 2009 und 2014, mit dem Jón-úr-Vör-Poesiestab ausgezeichnet, dem Literaturpreis des gleichnamigen Lyrik-Wettbewerbs zu Ehren des isländischen Bibliothekars und Dichters Jón úr Vör (1917 – 2000).
Anton Helgi Jónsson ist verheiratet und Vater von vier Kindern; er hat neun Enkel.
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