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Annette Pehnt: Die Umarmung des Materials

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Ulrich Schäfer-Newiger

Annette Pehnt: Die Umarmung des Materials. lyrik live writing mit Zeichnungen von Harald Kimmig, Heidelberg (Verlag Das Wunderhorn) 2025. 72 Seiten. 16,00 Euro.

Verholztes Gelände


Der Titel des Gedichtbandes von Annette Pehnt, DIE UMARMUNG DES MATERIALS, erweckt Interesse, weil er mehrdeutig ist und die beiden Begriffe „Umarmung“ und „Material“ sich irgendwie zu beißen scheinen: ‚Umarmung‘ beinhaltet die Vorstellung von etwas Weichem, Warmen, Lebendigen, von Geborgenheit, ja auch von tröstendem Festhalten. Der Begriff ‚Material‘ hingegen hat eher einen technischen, kalt-funktionalen Charakter. Er ist ein Sammelbegriff für Werkstoffe, Rohstoffe, Hilfs- und Betriebsstoffe, aus denen etwas hergestellt oder die jedenfalls zu einem Zweck verwendet werden. Dazu kann im weiteren Sinne aber auch ‚Sprachmaterial‘ gehören.  Mehrdeutig ist der Titel, weil sich aus ihm nicht ergibt, wer da wen umarmt.

Das Gedicht Generator zum Trotz klärt auf: Heute kann ich weithin sehen, / der Blick ist unverstellt und die Decke umarmt mich. / Ich sehne mich nach der Umarmung des Materials. Es ist also das Material, welches das lyrische Ich oder erzählende Subjekt umarmt. Und es klingt hier bereits die Unterscheidung zwischen Innen /Außen an: In die Decke eingehüllt, aus dem Inneren der Umhüllung, kann die Erzählerin weithin und unverstellt nach außen blicken. Wie ein roter Faden zieht sich die Unterscheidung, die Abgrenzung zwischen drinnen und draußen durch die Texte.  Das beginnt mit dem Eröffnungssatz des Bandes, einem Text mit dem programmatischen Titel Verholzte Wege: Müde trete ich vors Haus, schaue mich um, als sei ich noch nie hier gewesen, binde den Schal fester um den Hals und räuspere mich, als wollte ich etwas sagen. Aber es ist niemand zu sehen, mit dem ich sprechen könnte. Räume spielen immer wieder eine Rolle, in den verschiedensten Erscheinungsformen: Als Haus, als Karton, als Betonklotz usw., also in ganz konkreter Form.
Das Zitat gibt Anlass, zur Form der Texte anzumerken: Sie changieren zwischen kurzen Prosaabschnitten und Kurz-sätzen pro Vers. Die einzelnen Zeilen folgen keinem bestimmten Metrum oder Rhythmus. Die Form der Texte ist offen, nicht gebunden. Die Texte ‚leben‘, so ist der Ein-druck, nicht von Form und Rhythmus, sondern von Bildern und Eindrücken, die sie aufrufen und evozieren. Diese wechseln innerhalb der Texte mitunter, scheinbar zusammenhanglos. Ein Beispiel:

Die Fledermäuse werden ebenfalls in kleine Teile zerlegt. / Es wird sich zeigen, dass auch sie innen blau sind. // Die Füße leicht in den frischen Beton drücken. / Das können wir morgen tun.
Diese interessante Technik, an Montage erinnernd, durchzieht alle Texte des Bandes mehr oder weniger deutlich. Sie ergibt in der Gesamtschau eine zusammenhängende Erzählung über das Befinden und Sich-Finden des Subjekts in einem Ort oder an Orten, die wesentlich durch die Abgrenzung Innen/Außen geprägt sind. Weiteres Beispiel dazu: Durch das Gesicht hindurchschauen nach draußen. / Langsam nach draußen gehen, wo alles zerbricht. // Drinnen haben wir gewohnt, eine lange Zeit, da haben wir es warm gehabt. Oder, das Motiv des Umarmens indirekt wieder aufgreifend: Gut, dass die Kleider mich zusammenhalten. / Sonst zerränne ich ganz und gar. … / Alles gut festgezurrt, die Außenhaut eine Folie.

Das Draußen ist dabei das Fremde, Unbekannte, Abweisende. Dort kann die Erzählerin auch nicht reden und sprechen, weil niemand da ist, mit dem sie reden und sprechen könnte.

Die Autorin beherrscht diese Anspielungen, das Springen von einem gerade sich manifestierenden Eindruck zum nächsten, neuen, virtuos. Voll entfaltet sich dieser Eindruck des Virtuosen aber erst nach mehrmaligem Lesen. Ein Schlüsseltext ist der mit Vermessung einer Landschaft überschriebene. Darin ist die Erzählerin als Landvermesserin unterwegs in einer wüstenartigen, trockenen Gegend ohne Vegetation und einem hohen Ton in der sauerstoffarmen Luft, der tief in sie eindringt. Aufgerissener Boden und heiße Luft, Abwesenheit jeglicher Lebewesen zeichnen diese Landschaft aus. Auch dort redet die Erzählerin also mit niemandem. Anderswo erwähnte Landschaften sind nicht besser: Vereinzelte Flächen, drahtig vernäht oder: Betonquader, mütterlich gestapelt; zufällig geborstene Häuserblocks. Es sind Gegenden, berichtet die Erzählerin, die sie nicht kennt, in denen sie noch nie war. Das kennt ja jeder, dass man vergisst / wo man war in dieser Gegend, die nicht diese Gegend ist, oder? Besonders hebt die Autorin den Untergrund und die Wege hervor, auf denen sie sich bewegt: aufgeraute Eisfläche, / eingerissen, stellenweise geschmolzen, oder: verholzte Zugänge. Oder: Ich gehe durch glasige Rillen. Oder: Der Boden unter meinen Füßen: aus Glas. Oder: Ich spüre den porösen schrundigen Boden unter den Füßen.

Die Beschreibung äußerer fremder Landschaften, die Bewegungen des erzählenden Ichs in unlebendigen Umgebungen erinnert an starke mexikanische und süditalienische Landschafts- und Bewegungsbeschreibungen eines Juan Rulfo (wo man wandert, als ginge man rückwärts.) oder Primo Levi (die Bauern schritten steif, ohne die Arme zu bewegen, dahin). Allein die dystopische Eindrücklichkeit der Landschafts-, Wege- und Bewegungsbeschreibungen lohnt die Lektüre.

Eine Eigenart der suchenden, sich fremd fühlenden Erzählerin sei noch erwähnt: Veränderungen (z.B., dass sie als Landvermesserin in eine andere Landschaft versetzt wird) und Verbesserungen (z.B. das Anbringen eines Geländers) will sie jeweils beantragen und hofft auf Genehmigungen und Bewilligungen. Dieses Ansinnen hat hier etwas Kafkaeskes und zugleich Melancholisches: Das schwache und geschwächte Ich erhofft sich in dieser unlebendigen Umgebung verwaltungstechnischen Beistand von einer nebulösen Behörde, die nicht einmal benannt werden kann.

Die Gedichte sind ein beeindruckendes Dokument des Zustandes, der Befindlichkeit, der Selbstwahrnehmung des Subjekts in der gegenwärtigen, modernen Welt, die nur noch aus zweiter oder dritter, technisierter, unlebendiger, zugleich fremder Natur besteht. Für die will das Subjekt vorhandene oder vermeintliche Schutzräume nicht verlassen. Als Resümee hält die Autorin unter dem Titel Zweifels ohne ernüchternd fest: Im Hohlraum bleiben und / vorsichtshalber nichts kochen! / Unter der Bauchdecke / abwarten.

Die Zeichnungen von Harald Kimmig, eingestreut zwischen die Texte, vermitteln hingegen den Eindruck ungehemmter Lebendigkeit. Sie zeigen nichts Gegenständliches, haben keinen Zusammenhang mit den jeweils danebenstehenden Texten. Sondern die Linien, Kringel, Punkte, Haken usw. scheinen entstanden aus purer Emotion. Zeichner und Maler haben ja den Vorteil, dass sie nicht an Wörter gebunden sind, die auch noch eine nicht abschüttelbare Bedeutung mit sich herumschleppen. Sondern sie können der Hand freien Lauf lassen. Und so der Eindruck hier: die Hand des Zeichners hatte alle Freiheit. Die einzige Selbsteinschränkung besteht darin, dass abgegrenzte Gebilde entstanden sind, deren Ränder nicht glatt, eindeutig sind, sondern zerfließen oder zerstäuben (z.B. S. 10 oder 41, oder besonders dynamisch sich ausbreiten, S. 65) um nur drei Beispiele zu nennen. Sie haben keine streng abgrenzbare, aber doch jeweils eine erkennbare Form, die oft zerfließt oder gerade in einer Bewegung, einer Auflösung oder Explosion (S. 52) sich befindet. Mit den Texten haben die gezeichneten Gebilde gemeinsam, dass sie sich einem sicheren Verständnis, einer verlässlichen Interpretation, entziehen. Die Gewissheit sicherer Eindeutigkeit strafen sie wie die Texte Lügen. Es sind Repräsentanten unserer Gegenwart.


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