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Annette Hagemann: La Medusa

Lyrik heute
Annette Hagemann

La Medusa


Du kämmst dir am Morgen deinen Schopf überm
Porzellan – einzelne, ausgesetzte, ausgesäte Haare
segeln hinab, erstaunlich: auch Schamhaare – und ahnst
noch nichts... Die Tentakel der Medusa werden auf dir
heute noch Dermatiden hinterlassen, als wäre im Wasser
ein Feuerschweif über die ungeschützte Haut gefahren,
eine glühende Lunte: Spuren punktueller Verbrennungen.

So etwas geschieht später am Abend, die Medusen fangen dann
bewusst keine Beute mehr, im Nachtmeer lassen sie sich treiben
wie ihre menschlichen Pendants, die gesetzlosen Wasserflaneure,
mit denen sie irrlichtartig aneinander geraten. Wochenlang
bleiben jenen die Male dieser Sekundentreffen... Und bleibt
ihnen auch etwas, haben Quallen überhaupt Erinnerungen,
transparente Zellmemorabilia? Man sagt, du sollest dir

sofort heißen Sand auf die Furunkel legen, tagsüber, nachts
hilft vielleicht Rasierschaum. Oder Sex. Oder der Gegenschmerz
dieser Stadt, deren unaushaltbare Mare-Nostrum-Schönheit
alles um sich dämpft. Nach frühestens zwei Wochen – längst
wieder im kühlenden Regen deines Zuhauses, dem tristen und
trostvollen Regen, den du kennst – verblasst der Feuerschweif,
so wie alle Ferienerlebnisse, zu wenigen Sätzen und noch später

zu reduzierten Ahnungen: Weißt du noch? Ich glaube, ich...
Doch jetzt, da du hier bist in den Ferien und die frisch gefundene
Wasserschnecke in der Hand hältst, das „Wunder von Venedig“,
jetzt ist dir klar, dass Medusa dich will, wirklich ganz und gar
will und gründlich erkundet. Sie hat dich schon berührt, ja, sie
wird dich ins Schwarze treffen und dich kennzeichnen – weit
über die heimische Regenzeit hinaus.


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