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Anne Carson: Rot. Zwei Romane in Versen

Rezensionen / Verlage


Kristian Kühn

Anne Carson: Rot. Zwei Romane in Versen. (1 Die Autobiographie von Rot. 2 Rot Doc.) Aus dem Amerikanischen von Anja Utler. Frankfurt a.M. (S. Fischer) 2019. 319 Seiten. 24,00 Euro.

Fabelhaft – oder Wie ein Schwimmer durch die dicke Luft          


1.     Vorwort

Samuel Taylor Coleridge hatte in seiner Biographia Literaria, Kapitel 14, „Gelegenheit für lyrische Balladen“, eine Maxime aufgestellt, die für die Romantik, in jedem Fall aber auch für die postmodernen Werke Anne Carsons, sofern sie mit Archaik spielen, unabdinglich ist, nämlich die von der „momenthaften willentlichen Aussetzung der Ungläubigkeit“. 1817 führt Coleridge sie vor und weist dabei auf „zwei Kardinalpunkte der Poesie“, und zwar „zum einen das Vermögen, das Mitgefühl des Lesers zu einem vertrauensvollen Festhalten an der Wirklichkeit der Natur zu bewegen, zum andern das Vermögen, einen Anteil von Neuem durch das Verändern der Imaginationsfarben zu geben.“ Beides soll zu einer gewissen Entgrenzung von Zeit und Raum führen und die Visionskraft fördern, beim Schreiben wie beim Lesen.
   Es geht also um das Fabelhafte, auch bei Carson. Obwohl sie ihre Methode der decreation, eine Variante der Dekonstruktion, für ihre Texte anwendet, mit der sie versucht, ihr Koordinatensystem in der Fabel zu belassen, und dennoch zu ent-kreieren.
    1998 greift Carson einen uralten Mythos vom Mann als Monster (einfach G. oder Geryon) in ihrer Autobiography of Red: A Novel in Verse in einem Hybridtext, den sie Roman nennt, auf. Danach, 2013, erscheint davon ein Spiegelbild namens Red Doc, ein langes Prosagedicht in Blocksatz mit mehr weiblichen Impulsen als die angebliche Autobiographie, die sich eher an die epische Form hält und mit männlichen Trugbildern und Stimmungen spielt. Beide Romane sind nun zusammen bei S. Fischer erschienen, übersetzt von Anja Utler. Der ältere der beiden Romane erschien solo schon einmal, 2001, bei Piper, übersetzt von Karen Lauer.
   Grundlage dafür, dass Carson ihren Text Autobiographie des Geryon nennen kann, ist die antike Vorstellung, dass ein Stück Literatur immer von drei Entitäten geschrieben wird, der Person, die sich Autor oder Autorin nennt, sowie einer übersinnlichen Verbindung zum Göttlichen, mit Einflüsterungen von Sprache, Recht und Ordnung (in der Antike Apollon, bei ihr der alte Mythos) und als drittes im Bunde, das Irrationale, die Vorsehung, beim Film der suspense (bei ihr das, was Geryon als prädestiniertes Opfer zu erwarten hat. Geryon sieht sich von Kindheit an als Unterlegener, überall und in der Liebe,  und er empfindet den Tod dabei – in der Antike schreibt der abgetrennte Kopf des ermordeten Dionysos in den Untiefen der vorbeifließenden Wasser seinen Anteil in den Kontext und summt sein Gesummsel hinein). Das ergibt einen auch heute noch archetypischen Spannungsbogen, aufgebaut auf den Säulen Verlangen, Wille, Verhängnis und falscher oder richtiger sinnlich deutender Wahrnehmung.
   Aber so einfach macht es Carson uns nicht. Sie führt noch einen alten Dichter ein, der angeblich den Mythos entgrenzt habe, indem er auch Subjektives, Psychologisches in seiner Geryoneis eingeführt habe.

Stesichoros nun, aus Sizilien, um 600 vor Christus etwa, auf dessen mehr oder weniger verschollenem Langgedicht, dieser „Geryoneis“, Carson aufbaut, oder besser, mit dessen knapp hundert Fragmenten sie ihre Faltungen, Überschreibungen vorgibt zu schmücken, was aber eigentlich ein Fake ist, lebte am Ende der archaischen Zeit und war einer der Wegbereiter der damals neuen Chorlyrik. Außerdem scheinen auch seine Lieder erzählender Art gewesen zu sein, deshalb waren sie lang – wie die von Carson – und geben Legenden der alten Heldensagen wieder, sind also stofflich in der epischen Tradition. Aber die Erscheinung hatte sich gewandelt und geläutert. „Sie stellt sich zwar in den Dienst der lebendigen Gegenwart, aber sie verschmäht es vom banalen Alltag Notiz zu nehmen. Sie ist wählerisch und vornehm in ihrer Haltung, und in ihrem Ton entweder erhaben oder doch zum mindesten fein und elegant.“ (Hermann Fränkel: Dichtung und Philosophie des frühen Griechentums, Kap. VI: Neue Lyrik).

Genau das kann man von Carsons Ansatz der Übertragung in das Irgendwo ihrer mit Eindrücken und Attributen der Jetztzeit imprägnierten Handlung auch sagen.
    Und es stimmt zwar, dass Stesichoros lyrisch statt eines epischen Berichts über Taten und Ereignisse eher gemütsbezogene halb-zeremonielle Szenen wiedergibt, genau wie Carson. Glück wie Schmerz schwingen auch bei ihm mit. Wie Carson scheint auch er Aufzählungen geliebt zu haben, empfindsame Details. Doch nicht stimmt, was Carson im zweiten Kapitel des ersten der beiden Romane als Rahmen, nämlich eine Auswahl seiner Fragmente, vorgibt. Es sind Überschreibungen, Nachempfindungen. Faltungen.* Seine Sprache war heroisiert
       
„Geryon war ein Monster alles an ihm war rot
Morgens streckte er sein Schnäuzchen aus der Decke es war rot.“

Oder – über seine Mutter, der „Installateurin seiner Sanftheit“

        „Hinter ihrer rechten roten Wange sah Geryon
        In der Herdplatte begann die Spirale zu glühen“

Diesem gespiegelten Fragment von Stesichoros gibt Carson die Überschrift „Geryons umkehrbares Schicksal“.


2.     Simulacren in Rot

Ihre Autobiographie des Geryon simuliert und schichtet den Mythos um. Das Verhängnis wird abgewendet. Die Legitimation dafür gibt Carson bereits vor den frisierten Fragmenten im ersten Teil ihres Romans: sie entriegelt im Einleitungsessay unseren aufnehmenden, lesenden Verstand und öffnet ihn für neue Zusammenhänge, mit dem Argument, auch Stesichoros habe es so getan. Er habe die alten homerischen Zuschreibungen von Personen, die Epitheta (zum Beispiel: Athena mit den Augen der Eule, usf.) durch neue freiere ersetzt, zumal seinerzeit viele Migranten in seiner Gegend Sizilien lebten.

„Eine Flüchtlingsgesellschaft hungert nach Sprache und ist auf alles gefasst. Wörter auf dem Sprung. Wenn man Wörter lässt, tun sie, was sie tun wollen und was sie tun müssen.“

Dabei ist sie immer feinsinnig, manchmal auch einen Hauch überbewusst lustig. Sie liebt es, bei Vorträgen für leise Lacher zu sorgen. Gleich der erste Satz im Roman, der Stesichoros umschreiben soll: „Er kam zwischen Homer und Gertrude Stein, keine leichte Periode für einen Dichter.“
    Sie bietet statt neuer Zuschreibungen mit ihrer Entriegelung des starren Mythos Simulacren an, das erste gilt gleich ihrer Referenz, dem Stesichoros:

„Wäre Stesichoros ein konventionellerer Dichter gewesen, hätte er vielleicht Herkules‘ Perspektive eingenommen und einen packenden Bericht vom Sieg der Kultur über das Monströse formuliert.“

An dieser Stelle möchte ich kurz an den eigentlichen Mythos erinnern, um der Tragweite gerecht zu werden, mit der Carson elegant die wenigen Fragmente des Stesichoros psychologisiert und allein damit in die Jetztzeit verlegt:
    Herakles – bei ihr lateinisiert Hercules, eingedeutscht dann Herkules – hat 10 Aufgaben zu lösen, um wahrer Heroe zu werden und Herakles heißen zu dürfen und ‚zur Ehe bereit‘ zu sein, was hinter dem Namen steckt, darauf rituell vorbereitet zu werden. In seiner Jugend war er – damals noch Palaimon (in etwa „Ringer“) genannt – ausschreitend, und um ihn zu zügeln, vor allem seine zumeist gewalttätigen Übergriffe auf andere Männer, die zwischen Homosexualität und Unterwerfung – ja Kampf und Tod – changierten, belegte ihn Hera, die göttliche Prototyp-Ehefrau, mit Wahnsinn. Um wieder zur Besinnung zu kommen, suchte er die orakelnde Pythia auf, die ihn als erste ‚Herakles‘ nannte und ihm eine 12-jährige Prüfungszeit prophezeite, während der er gehorsam alle Aufgaben zu befolgen habe, die ihm auferlegt werden würden. Die zehnte dieser Prüfungen war, das Vieh des Geryon, des Königs von Tartessos in Spanien, zu rauben.
    Geryon galt als der stärkste damals lebende Mann und hatte drei Köpfe, drei Körper, die an der Hüfte miteinander verbunden waren, und sechs Hände. In manchen (zumeist späteren) Quellen auch Flügel. Seine roten Rinder, unglaublich schön, wurden von einem Sohn des Ares gehütet und von einem doppelköpfigen Wachhund, weil die Herde eigentlich zum Hades gehörte und nur ausgeliehen war.
    Als nun Herakles Tartessos erreichte, errichtete er zwei Säulen an der Meerenge, die eine in Europa, die andere in Afrika. Dabei strahlte Helios, der Sonnengott, erbarmungslos auf ihn herab, und Herakles wehrte sich, indem er einen Pfeil auf den Gott abschoss. Dann entschuldigte er sich für seinen Jähzorn und bekam von Helios einen Pokal geschenkt, der einer Wasserlilie glich. In diesem Topf segelte er darauf in die Nähe seines Zielorts. Mit seiner Keule erschlug er den Wachhund und danach den Hirtensohn des Ares. Als er das Vieh des Hades wegtreiben wollte (Richtung Mykene), eilte der benachrichtigte „Besitzer“ herbei. Herakles lief gleich zur Flanke des Geryon und schoss nur einen einzigen Pfeil durch die drei Körper.
    Berühmt ist die sogenannte Palinode des Stesichoros, um die es im vierten Teil (dem Appendix B) der siebenteiligen Autobiographie bei Carson geht, dem „Rückgesang, Widerruf“ – Stesichoros hatte Helena, die schönste Frau der Welt, um die es ja als „Besitz“ im trojanischen Krieg ging, eine Ehebrecherin genannt und mit einem Epitheton der Hurerei belegt:

Unwahr ist diese Geschichte,
und du bist nicht an Bord der wohlgebauten Schiffe gegangen,
bist nicht in Trojas Feste eingezogen.    

Die Überlieferung behauptet, Stesichoros sei nach seiner Schmähung erblindet, aber Helena habe ihm nach seinem Widerruf, dass nur ein Scheinbild von ihr es gewesen sei, die ihren Mann verraten habe, ein Simulacrum von ihr, nicht sie selber, das Augenlicht zurückgeschenkt.
    Carson / Utler bauen eine gewisse List in dieses Fragment mit ein, zwar ist es in dieser Wortwahl wohl ein Rückgesang, aber kein echter, sondern nur ein ziemlich doppeldeutiger:

„Nein das stimmt so nicht.
Nein du bist nie auf geruderten Schiffen gewesen.
Nein du bist nie zu Trojas Türmen gekommen.    


3.     Täuschungen – Schreiben als simulierte Nachahmung

Das Grundprinzip der Lyrik von Stesichoros soll eine Aufteilung in sieben Kapitel oder Teile gewesen sein – und so wundert es nicht, dass auch Carson sich an diese Form hält: 1) Essay über Stesichoros, 2) ihre „Übersetzung“ einiger seiner Fragmente, 3) zu seiner Blendung und 4) anschließender Palinode, 5) Carsons Interpretation von Blendung (als literarischer Schleife), 6) ihre Autobiographie des Geryon als Versroman und schließlich 7) ein kurzes Spottinterview mit Stesichoros auf die ungelösten Fragen des literarischen Zusammenhangs.
    Nach Teil eins und zwei, ihrer Legitimation quasi, den Mythos umzuschreiben, und nach dem Appendix A, in dem es darum geht, was die Antike über eine Blendung des Stesichoros durch Helena wiederzugeben wusste, (Gegenstrophe = „das Gegenteil dessen sagen, was man davon gesagt hat“ – und der Hinzufügung, „es entsprang einem Traum“), und nach dieser intriganten Widerrufung, die beides zulässt, Realität und Scheinbild, Traum als Wahrheit, folgt der Appendix C, die Frage nach der Blendung des Autors durch den Zugriff der Göttin. Vergessen wir nicht, dass auch Homer blind gewesen sein soll.

„Wenn Stesichoros lügt, werden wir entweder sofort wissen, dass er lügt, oder wir werden auf ihn hereinfallen, weil jetzt, wo wir uns in einer Schleife befinden, die ganze Landschaft verdreht aussieht.“

Und

„Wenn Stesichoros blind war, werden wir entweder lügen oder wenn nicht nicht.“

Im Teil sechs – der eigentliche lyrische Roman – folgt Geryons fingierte Autobiographie. Carson beginnt als Motto mit einem Gedicht von Emily Dickinson: „Wortkarg bleibt der Vulkan / bei seinem rastlosen Plan - / Bespricht seine rosigen Vorhaben / Mit keinem unsteten Mann (To no precarious man)"
 Der Vulkan und die Faszination, ihm zu begegnen, ja in ihn einzudringen, auch als philosophischer Tod, wie es einst der Legende nach Empedokles getan haben soll, dafür bezeugte in der Antike ein verkohlter, aus dem Schlund angeblich herausgeschleuderter Schuh, der Vulkan, auch bei Carson als Metapher für das Brodeln der Simulacren der Wahrnehmung zwischen oben und unten, aber auch als Leitmotiv diverser männlicher Liebesverlangen und Gefühle, bleibt im romanartigen Langgedicht Carsons von Anfang an – die 47 Kapitel hindurch – wesentlich. Wie brodelnde rote Lava können wir beim Lesen unseren eigenen Vorstellungen frönen.
    Die ersten Kapitel behandeln Geryons Kindheit, wie er wahrnehmen lernt, vor allem wie er die sexuellen Übergriffe und Misshandlungen seines Bruders einzustecken lernen muss und als ‚Gerechtigkeit‘ hinzunehmen von seiner Mutter erzogen wird. So assoziiert man von Anfang an in ihm – mit schlechtem Gewissen als Mann – das Weibliche auch.

Nein.
         Du schuldest mir was.
         Nein.

Geryon geht mit seinem Bruder an den Strand und findet ein Stück eines alten Soldatenhelms, der Bruder eine amerikanische Dollarnote.

         Das war auch der Tag,
         an dem er seine Autobiographie begann. In diesem Werk hielt Geryon
                                     alle inneren Dinge fest insbesondere seinen Heldenmut
         und frühen Tod zur allgemeinen Verzweiflung. Ungerührt ließ er alles weg
         was draußen lag.

„Innen hab ich für mich“, denkt er. Im sechsten Kapitel, den Ideen, lernt er schreiben und bekommt „ein schönes japanisches Notizbuch“ geschenkt, eins mit einem „fluoreszierenden Umschlag“, da hinein schreibt er „die Fakten“, offenbar diesmal ein nicht gefaktes Fragment. Es endet mit:

        Eines Tages kam Herkules tötete Geryon nahm sich die Rinder.

Dann schließt er Fragen und Antworten für dieses Motiv des Herkules an.

        Dachte Geryon sei der Tod könnte sonst ewig leben.

Und der Lehrer fragt, wie er auf diese Idee käme, am Elternsprechtag. Und die Mutter sinniert beim Schnupftabak: „Schreibt er jemals etwas das gut ausgeht?“
    Und Geryon schweigt, nimmt seinen Stift und überschreibt:

        Neues Ende.
        Auf der ganzen Welt wehten weiterhin die wunderbaren Brisen Hand
        in Hand.

Und die Pubertät beginnt. Und mit ihr, mit dieser Wendung, taucht Herkules auf.

        Ist dir kalt, sagte Herkules plötzlich, deine Hände sind kalt. Komm.
       Er steckte Geryons Hände unter sein Hemd.


4.     Photographischer Essay – Autobiographie

Geryon staunt über die Manneskraft seines neuen Freundes und sieht Herkules nun fast täglich.

       Das zwischen ihnen war
        ein Fall von Natur es legte die Wände seines Lebens trocken
        hinterließ nur Gespenster Geraschel

Er ist 14 Jahre alt jetzt, und Herkules will ihn verführen, er versteht, dass Menschen Zuwendung einfordern, wehrt sich aber wohl:

        Über Sex kann man jemanden besser kennenlernen,
        hatte Herkules gesagt. Er war sechzehn. Heiße unsortierte Teile der Frage
        züngelten in Geryon aus jeder Ritze,
        er schlug nach ihnen und ihm entwischte ein nervöses Lachen. Herkules schaute
        Plötzlich Stille.

In Kapitel 11, Hades, bringt Herkules den gemeinsamen Besuch eines Vulkans ins Spiel, zuletzt ausgebrochen 1923. Und Geryon nimmt erstmalig Fotografien wahr, welche, die ihn verstören, worauf er Fotograf werden will. Seine Eindrücke sind zugleich Abdrücke. Jede seiner Erlebnisse wird zu einem Filmstandfoto, auch wenn dies technisch gar nicht möglich wäre, weil es die Ablichtung von Gedanken bedeuten würde, und erhält von Carson – als neues Kapitel – einen essayistischen Titel. Das Visuelle, Imaginierte soll das erweitern, was Sprache nicht ausdrücken kann. Es sind abwechselnd fotografische Details oder Szenen oder in eine Szene hinein genommene Wahrnehmungsdetails pars pro toto, die Carsons Poesie ausmachen. Immer zwischen Zeichen, Bild und Sprache. Mit Aussparungen natürlich. Die feine Situation ähnelt immer wieder der Kindlichkeit von Wahrnehmung, deren schöner strahlender Unschuld, etwa wie bei Salinger, aber auch an den frühen Handke, an seine Detailbeschreibung, die eine Szene wiederspiegeln soll, ohne selber in ihr zu sein – Reflexe wie im Höhlengleichnis, die nur in der Zusammensetzung mit der Reflektion des Gehirns gut funktioniert. Denn Schatten der Vorstellungskraft sind einfach nur Schatten im Bild von unserem Hades. Als Handke dann seinen ersten eigenen Film machte und seine subtilen Beschreibungen umsetzen wollte, war nur dieses äußere Bild übrig. Film ist halt anders als Fotografie oder Imagination. Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt bleibt nur in der Zeit, die man allein für sich hat, von Belang. Ihr Zauber erlischt, wird sie tatsächlich abgebildet vor Augen geführt. So wird sie nicht lebendig, sondern ein Abziehbild der Vorstellung.

Handke hat ein ähnliches Projekt realisiert, wie Carsons Autobiographie des Geryon, allerdings ohne die Idee der Männerliebe, betitelt „Don Juan (erzählt von ihm selbst)“, darin heißt es:

„Als Don Juan sieben Tage danach von dem Tag der Namenlosigkeit erzählte, eher stotternd und durcheinanderstammelnd, wußte er, was ihn und die fremde und bis zum Schluß fremde Frau anging, nicht einmal, was von ihnen beiden wer gesagt, was von ihnen wer getan hatte. (Und sie waren, Ausnahme für die Woche, fast den ganzen Tag und die ganze Nacht beieinander geblieben.)


5.     Rückkehr zur Archaik, zumindest zur Vormoderne

Das 14. Kapitel der Autobiographie des Geryon heißt „Vom Archaischen zum beschleunigten Selbst“ – die homoerotische Schwüle zwischen Männern, gerade auch im Kampf, führt immer in den Tod, zumindest in einen Traumtod – ist ein Schrei, doch „schreien reicht nicht“, sagt Carson. Denn jede Art von Simulacrum oder Wirklichkeit, wer mag das noch trennen, sei ein Klang, einer von vielen.

        Die Schreie pickten ihm kleine Ecken ab. In solchen Momenten plante Geryon gern
        für seine Autobiographie. In diesem verwischten Zustand
        zwischen Wachsein und Schlafen wenn zu viele Einlassventile zur Seele hin offenstehen.

Druck und Gegendruck, Wille und Vorstellung – Geryon arbeitet an seinem Selbstbild, indem er Eindrücke wie Momentaufnahmen auf sich wirken lässt, Phasensprünge.

                                                                 Die Autobiographie,
        an der Geryon zwischen seinem sechsten und fünfundvierzigsten Lebensjahr arbeitete,
        hatte sich jetzt in Richtung
        eines Fotoessays [A photographic essay] entwickelt. Nun, als Mann in
                                                                einer Übergangsphase, dachte Geryon,
        diese Formulierung hatte er aufgeschnappt von –
        die Tür krachte gegen die Wand als Herkules sie auftrat und hereinkam mit einem Tablett
        darauf zwei Tassen und drei Bananen.

Jeder dieser Fotoshots, die von Geryon verarbeitet werden müssen, wird vom Negativ zum Positiv entwickelt, durchdacht, von Carson zur lyrischen Aufarbeitung arrangiert. Als würde er/sie schreiben und überlegen, wie man schreibt und schreiben kann. Immer ist aber auch Platon in der Nähe mit seinem Höhlengleichnis und seiner Aussage, dass der Mensch keine eigenen Ideen produzieren könne, ja nicht einmal die vorhandenen göttlichen voll erkenne, denn er sei nichts anderes als ein Affe, der falsche Abbilder erdenke, statt die wahren Ideen der geistigen Welt zu erblicken und zu durchschauen. Wieder dieser feine Humor Carsons mit den drei Bananen. Sie misstraut dem beschleunigten Selbst, das sich von der Archaik lösen will und spricht dabei von einer „wahrhaft elektrischen Frage!“ (Was ist der Heilige Geist)

    Stattdessen sagt sie: Möge Gott euch mit Träumen beschenken.

Damit beginnt für Geryon eine „taube Zeit, verheddert zwischen Zunge und Geschmack“, auch hier steht seine Figur pars pro toto für das Schreiben. Mittlerweile getrennt von Herkules, fliegt er nach Argentinien – er verzweifelt allein und hat Angst, wahnsinnig zu werden. Schreibt eine Postkarte an seine Mutter

        Die Angst offenbart das Nichts
        Es sind viele Deutsche in
        Buenos Aires alles Mädchen
        mit Zigaretten das Wetter
        ist herr –

Da spürt er einen harten Schlag – es ist aber noch nicht Herkules, sondern ein gewisser Gelbbart, der sich als kauziger Professor vorstellt und Geryon in die Zusammenhänge der griechischen Archaik einführt und damit das Selbst entschleunigt.
    Eingeleitet wird diese Kontradiktion durch Geryons Reiselektüre, der aufgeschlagene Fodor (Jerry Fodor war ein amerikanischer Philosoph, der über die Gelassenheit des Sokrates schrieb, als eine erforderliche Mischung aus Zurückhaltung und Lässigkeit):

DER GOUCHO ENTWICKELTE EINFACH DESHALB
        ÜBERSTEIGERTE VORSTELLUNGEN
        VON SEINER MACHT ÜBER DAS EIGENE SCHICKSAL WEIL ER
                                              AUF PFERDERÜCKEN
DIE WEITEN DER EBENE QUERTE
        
Aber wir waren bei dem Gelbbart, Professor Lazer, für Philosophie, der zu einer großen Konferenz dieses Wochenende nach Buenos Aires gekommen ist, in der es um Skeptizismus – Antike oder Moderne – gehe. Sein Thema sei die ataraxia, die Abwesenheit von Unruhe. Er wolle die „Erotik des Zweifels“ untersuchen, um zur „echten Suche nach Wahrheit“ – zu gelangen, vorausgesetzt, man könne „dieses fundamentale menschliche Verlangen nach Wissen“ hinter sich lassen.

Carson verquirlt jetzt Archaik und Moderne, indem sie den Gelbbart mit Geryon – auf einer Taxifahrt durch Buenos Aires – über uralte Gesetzesfragmente sprechen lässt. Ob sein Forschungsanliegen die Emotionslosigkeit sei, will Geryon von ihm wissen:

        Nein, Gesetzestexte. Ich habe mir die Soziologie antiker Rechtsordnungen angesehen.
        Interessierst du dich für Gerechtigkeit?
        Nein, mich interessiert wie Leute zu dem Schluss kommen etwas klingt nach Gesetz.
        Welcher Kodex gefällt dir am besten?
        Hammurabi. Warum? Die Passgenauigkeit. Zum Beispiel? Zum Beispiel:
        „Derjenige den man während eines Feuers
       beim Stehlen erwischt wird in das Feuer geworfen.“ Gut oder? – wenn es so
        etwas wie Gerechtigkeit gäbe
        so müsste sie sich anhören – kurz. Klar. Rhythmisch.“

Womit wir beim Schwarm wären, dem Schwarm, der rhythmisch ohne Störungen fliegt – ja Störungen nicht zulässt. Und damit wieder bei den homerischen Epitheta, die das Unvermeidliche und Bestimmende zuschreiben.
    Helena die Hure, Kämpfer breitschenklig, Jammer unnennbar.
    Nun sieht Geryon nur Monster in den Menschen, denen er begegnet. Außerhalb von Raum und Zeit haben sie ein doppeltes Gesicht.

         Zeit besteht aus gar nichts. Sie ist eine Abstraktion.
        Nur eine Bedeutung, die wir
        Der Bewegung überstülpen.

Und Geryon denkt, das also ist Skeptizismus. „Weiß ist schwarz. Schwarz ist weiß. Vielleicht / erfahre ich noch etwas Neues über Rot.“
    Das Bild vom Tango beginnt. Drei in sich zusammengesunkene greise Spieler.

                                                                                         Die drei sahen
        einander kaum an spielten aber wie
        eine einzige Person, in einem Zustand reinen Entdeckens. Sie jagten auseinander klackten
        verhakten sich und lösten die Haken, sprengten
        ihre Augenbrauen hoch und hinunter. Sie lehnten sich zueinander entwebten sich, sie
        stiegen auf und schnitten ab stellten
        sich nach und flogen in einer Wolke auf sanken auf Wellen wieder nieder.

Eine schwankende Realität, Sprünge wie im Traum, mal ist Geryon ein Monster nun, mal schmachtender Junge. Der Kuss wie ein Vulkan. Feuerlippen. Ein Mann macht mit seinem Mund das Kussgeräusch – es ist Herkules. Er küsst seinen Begleiter, Ancash, mit dem er durch Südamerika reist, um Vulkane zu sichten und aufzunehmen.

        Ist für einen Film, hatte Herkules hinzugefügt. Naturfilm? Eigentlich nicht. Eine
       Dokumentation über Emily Dickinson.

Erneut trifft der Liebespfeil Geryon. Zu dritt, mit Ancash (einer Personifizierung der gebirgigen Gegend Nordperus), geht es weiter in ein Gebiet von Feuerschlünden. Mit Peru bricht das auch heute noch vorhandene Scheinbild von Archaik und Sakralem ins Buch, allein schon durch Begriffe wie Inca Kola, die sie trinken.  

        Dann bewegte sich die Decke. Er spürte wie Herkules` Hand über seinen Schenkel
        strich und Geryons Kopf fiel nach hinten wie Mohn im Wind
        als Herkules‘ Mund sich auf seinen senkte und durch ihn Schwärze fiel.


6.     Der Schwarm – das Autonome

Peter Handke ist gefallen, mit seinem Nobelpreis geht eine Zeit zu Ende. Das wird auch für Anne Carson vorauszusehen sein, die den Preis in jedem Fall auch verdient und sicher noch bekommen wird. Aber auch sie wird fallen, wenn es an der Zeit ist, denn gehört sie doch – im Gegensatz zu Handke – zur konzeptuellen Literatur, die im englisch-sprachlichen Raum bereits stark angegriffen wird. Denn die Jungen wollen keine komplizierten Autobiographien lesen, sie erfinden ihre eigenen. Und das ist von Generation zu Generation auch gut so.
    Ancash steht mit Geryon auf dem Dach des Hotels und befingert dessen zuvor versteckten verkümmerten Flügel. Sie unterhalten sich über diejenigen, die in den Vulkan gingen und sahen und zurückgekehrt sind.

Wie können sie zurückkehren?
         Mit Flügeln.
         Mit Flügeln? Ja es heißt die Yazcamac kehren zurück als rote Menschen mit Flügeln,
         alle Schwächen aus ihnen herausgebrannt –
         genau wie ihre Sterblichkeit. Stimmt was nicht Geryon? Geryon kratzt sich wie
         besessen. Mich beißt etwas, sagt er.

In Huaraz, dort, wo sie jetzt hinwollen, aufs Hochplateau der Anden, müsse Geryon vorsichtig sein.
     
Es gibt dort immer noch Leute die nach Augenzeugen suchen. Wenn du siehst
         Dass sich jemand für den Schatten interessiert
         Holst du mich, okay? Er lächelte. Okay. Fast lächelte Geryon auch.

Es ist die Angst, die niemand weiter als nach Lima hochfahren lässt in den Norden. Denn der Norden ist das Eis, die Erstarrung, der Tod, das Schattenwesen. Geryon schaut sich die Fotos an, wie Tableaus aus einer bereits abgelaufenen Zukunft.
   Jedes Mal wenn das Auto ihn rauf und runter federn lässt, tut Geryon einen kleinen roten Schrei. Niemand hört ihn.
    Eines der letzten Fotos heißt Jeats, weil Ancash Yeats wie Jeats ausspricht. Eine Anspielung auf die Prädestination bei Yeats wird offensichtlich. Ein Foto von einem Meerschweinchen, das auf dem Teller liegt, folgt. Das Foto bekommt den Namen: Ich bin ein Tier. Sie gelangen an den Vulkan Icchantikas, der noch aktiv zu sein scheint. Was Icchantikas heiße, will Geryon wissen. Er bekommt keine Antwort, denn die Reiseführerin, Ancashs einheimische Mutter, stößt ihren Stuhl zurück und erhebt sich zum Aufbruch. Das linke Auge des Meerschweinchens wird zum Spiegel für Geryon, der den andern folgt.
   Vielleicht gibt es diesen Vulkan dieses Namens nicht, denn eigentlich ist Icchantika ein buddhistischer Ausdruck, Sanskrit, und benennt ein Wesen, das niemals die Erleuchtung erlangen kann, was bis zu einem gewissen Grad spirituell auch den Tod bedeutet. Doch wer weiß, denn Peru ist die Heimat von 16 aktiven Vulkanen, und ich kenne keinen.

Stimmt was nicht Geryon? Oh Gott wie ich es hasse wenn du weinst. Was ist los?
         Geryon denkt angestrengt nach.
         Ich habe dich mal geliebt, jetzt kenne ich dich nicht mehr. Das sagt er nicht. Ich
         habe über die Zeit nachgedacht – er fingert sich vor – weißt du
         darüber wie getrennt die Leute sind in der Zeit zusammen und doch getrennt – schweigt.

Wie oft Herkules lachte, wie oft Geryon weinte.

         Genau wie früher.
Ein Foto ganz wie früher.
         Herkules sah Geryon an. Bereit für den Vulkan?

Wobei unklar bleibt, ob dieser Vulkan ein Vulkan ist oder ein Kuss oder ein Fick. Wir wissen nur, dass Geryon das Foto entwickelt, und dass es ein Foto von der Zukunft ist und Herkules ein weißes altes Gesicht darauf hat, wie ein weißes Loch, das von einem weißen alten Mann stammt.

Die vorletzte Fotografie, die Geryon betrachtet, ist dagegen von 1748. Dem Jahr, in dem die archäologische Ausgrabung des untergegangenen Pompeji begann.
    Ein Foto, das er gar nicht gemacht hat, niemand hier hat es gemacht.
   Ancash will es Geryon als Erinnerung an ihn schenken, derweil sich die Flügel Geryons bereits bewegen und Geryon den Icchantikas ins Visier nimmt.
   Doch auf dem letzten Foto (es heißt: Wenn in einem Mann Verfügungsgewalt über sich selbst aufblitzt) ist die Luft voll von Mehlstaub, und es bleibt offen, ob und falls ja, welcher Geryon, er selber oder sein Scheinbild – wie einst bei Helena in der Gegenstrophe, nun zusammen mit Herkules in den Backofen eines Bäckers oder in den Vulkan eintaucht.

Wir sind erstaunliche Wesen,
denkt Geryon. Wir sind die Nachbarn des Feuers.

Als siebenter Teil des Versromans folgt nun ein ganz kurzes Fake-Interview zwischen I und S. Stesichoros wird von I, dem Interviewer, der Interviewerin, oder dem Vulkan?, gefragt, wie sich Menschen wohl verhalten, wenn zentrale Informationen vor ihnen zurückgehalten werden. Ob das mit einer „Ästhetik der Blindheit“ zu tun habe oder einem „Willen zur Blindheit“, falls das nicht eine Tautologie sei – Wille = Blindheit.
    Doch weicht Stesichoros aus und spricht von der Dualität dessen, was man sieht, wenn man sieht, und dem, was er gesehen habe, so wie es alle gesehen haben. Und alle haben es gesehen, weil er es (zuerst) gesehen habe.

Dieses Interview führt ins Nichts. Man vertagt sich auf ein nächstes Mal. Vielleicht dann, wenn das Autonome im Schwarm ganz verschwunden ist.

S: Ich bin so froh dass Sie mich nicht nach dem kleinen roten Hund gefragt haben.
I: Das nächste Mal
S: Macht drei    


7.     Die Welt als Wille & Vorstellung

Irgendwie weiß jede(r), und auch die Debatte um Handke zeigt das ja, dass eine alte Welt, eine alte Generation untergeht, ja gar nicht mehr von den Jüngeren verstanden werden will. Anne Carson de-kreiert einen alten Männermythos, eignet ihn sich auf ihre Weise an, und das kann sie auch, weil sie ihre Faltungen und Schichtungen einen photographischen Essay nennt, der stets instabil bleibt. Trotz allem Talent, aller Größe, bleibt sie dabei in ihrer konzeptualistischen Distanz. Handke nicht, er eignet sich zwar – im Gegensatz zu Carson – gar nichts an, er sucht nur sich selbst in einer fremden Figur, einer Legende. Und das autodidaktisch mit seinem Einfühlungsvermögen. Und einer suchenden Sprache. Carson triumphiert durch ihren Abstand, bei gleichzeitigem Wissen als Altertumswissenschaftlerin, ihrer Ironie, ihrer poetischen Ausdruckskraft, die sich genau in dieser szenischen Prägnanz von Nichtanwesenheit einer Identifizierung oder mimetischen Simulation ergibt. Deshalb kehrt sie, auf ihre Weise zur Chorlyrik, an der Schwelle zum Selbst aus der Archaik heraus, und doch genau zu dieser – mit postmodernem Abstand und viel Psychologie – zurück, zumindest um einen „Zeilenfuß“. Handke ist alles andere als ein Chor, eine Einzelstimme ohne Begleitschwarm. Carson hat viel Humor und beherzigt im Grunde das, was Lewis Carroll in „Alice im Wunderland“ schreibt – im Meer ist die Koralle der Chor für alle.
    Wie Platon so schön sagt, besteht die ‚unbestimmte Zweiheit‘ des sinnlich-wahrnehmbaren Lebens aus dem Großen und dem Kleinen. Ordnet man das Große den Mythen zu und das Kleine dem Menschlichen, Psychologischen, den Satyrspielen, haben wir das Dilemma unserer Zeit und eigentlich auch schon die Antwort darauf, warum die einen Peter Handke auszeichnen wollen und die andern das Pädagogisch-Moralische einfordern. Und auch, auf der Gegenseite, warum Anne Carsons „Rot“ ein großartiges Werk der Weltliteratur ist, aber zugleich viele „kleine“ Fragen aufwirft.
    Bei Carson wird Geryon gar nicht getötet, obwohl sie die Szenen so aufbaut, dass man immer wieder um sein Leben fürchtet. Allerdings dekonstruiert Herkules bei ihr Geryons Männlichkeit durch sein wiederholtes Erscheinen, durch seine Macho-Attitüden, und, so gesehen, wird Geryon durch den Pfeil des Eros getroffen, durch das eigene Verlangen, und immer wieder entkräftet und von neuem so auf den eigenen Tod vorbereitet. Carson fühlt sich im ersten der beiden Romane ganz in die Männerwelt ein, ist ganz in dieser bittersüßen Schwüle, sich von Vulkan zu Vulkan hangelnd. Im zweiten Roman wimmelt es dann von Frauen, spielt auch eine ‚Frau von Hirn‘ mit, die immer wieder die inneren Monologe und darin verwobenen Befürchtungen und Geschehnisse konterkariert. Im ersten aber nicht. Hier spielen bloß die Mütter der beiden Kombattanten eine gewisse ordnende, leitende Rolle. Wie Ringrichterinnen.
   Rot Doc – die Fortsetzung, die inhaltlich wenig neues bietet, aber formal und sprachlich erheblich experimenteller ist, wird sehr frei als Langgedicht in engem Blocksatz ausgeführt. Hinzu kommen Strophen dieser „Wife of Brain“, dieser (Ehe-)Frau von Hirn hinzu, die der klassischen Gedichtform ähneln und das Stimmengewirr der verschiedenen inneren Monologe durchbrechen. Der Wortklang wird im zweiten Werk immer assoziativer, dem Tode und körperlichen Verfall zu, und der Chor, dystopisch in seiner Angst und Sorge, wird zur Kakophonie. Carsons zuweilen sperrige, aber stets dennoch elegante, leicht ironisch distanzierte Sprache wird von Anja Utler etwas verbindlicher, zugunsten der Poesie, wiedergegeben, dafür verzichtet das Deutsche gelegentlich auf die Schärfe (aus „the ticking red taxi of the incubus“ wird „das tickend rote Taxi eines Alptraums– Utler gibt das Ganze weicher, lyrischer wieder, jedoch gelingen ihr auf feine Weise gleichwertige Bilder, was bei der Komplexität der Aufgabe eine gigantische Leistung ist.

Geryon bei William Blake

Bleibt die Frage, warum ausgerechnet Geryon, eine absolute Randfigur der griechischen Mythologie, in Literatur und Kunst über die Jahrhunderte so viel Aufmerksamkeit gefunden hat, bei Dante, Blake, Klee, Dali usf.
Seit dem Mittelalter wandelt sich das Bild von Geryon – Dante gibt ihm im Inferno die Funktion des Wächters am Übergang vom 7. in den 8. Höllenkreis, dem des Betruges. Auch dies bezieht Carson indirekt mit ein. Statt dreier männlicher Oberkörper hat er nun die Naturen von Mensch, Schlange, Löwe. Statt dreier Häupter nur noch eines, das Antlitz eines „gerechten“ und „gütigen“ Menschen. Der restliche Leib ist zur Schlange geworden, was Blake später übernimmt. Von den späteren Illustratoren wird er auch mit Flügeln gezeigt. Zum Teil wie ein Drache oder Ungeheuer. Jedoch nicht bei Dante. Dieser drückt sich so aus, dass Geryon wie ein Schwimmer oder Taucher durch die „dicke Luft“ („aere grosso“) der Hölle schwimmt, mit dem Schwanz als Steuerung.


* Die Mehrzahl der erhaltenen Fragmente stammen aus dem Papyros Oxyrhynchos XXXII 2617, der 1967 öffentlich gemacht wurde. Sie enthalten große Zusammenhangslücken. Im Hauptteil des Gedichts scheint der Kampf zwischen Herakles und Geryon zu stehen, außerdem wird ein Götterrat beschrieben, der zu dem Ergebnis kommt, dass Geryon sterben müsse, also wohl eine psychostasia, eine beidseitige Lebenskraftwägung, sowie der Überzeugungsversuch seiner Eltern, ihn von einer Begegnung mit Herakles abzuhalten. Ein kleinerer Teil der erhaltenen Fragmente befindet sich als Zitate im "Gelehrtengastmahl" des Athenaios. Stesichoros wurde der lyrische Homer genannt, deshalb verwundert es nicht, dass auch ihm die Blindheit als Sinnbild seiner großen Literatur zugeschrieben wurde. Seine Absicht war wohl zu zeigen, dass nur die besten und stärksten Helden ans Ende der Welt gelangen und sich durchsetzen können.


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